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"Ich glaube, dass Du in diesen Verdacht nicht so leicht kommen wirst," sagte Hyazint.

"Du willst mir dadurch kein Lob spenden, ich weiss es!" entgegnete Orest; "aber ich betrachte es dennoch als ein solches. Ich will mit wildem Fanatismus blinder Bekehrungswut nichts zu tun haben, und meine Pflicht als Ehemann ist es, Corona vor solchem Verdacht zu schützen. Ich kann es aber nicht, wenn mein Haus eine Kapelle und einen Priester umschliesst. So etwas würde den konfessionellen Frieden stören. Das darf nicht sein! darin darf ich kein schlechtes Beispiel geben."

"Du sprichst ja, als wärst Du Mitarbeiter an gewissen Zeitungen," sagte Hyazint, "die alsbald ein Zetergeschrei über Störung des konfessionellen Friedens erheben, wenn sich irgendwo und irgendwie eine katolische Lebensäusserung kund gibt. Willst Du Dich denn mit diesen Rittern Don Quixote auf einer und derselben Rosinante tummeln? und würdest Du nicht durch Ehrfurcht und Liebe für Deinen Glauben und dessen kirchliche Ausübung der protestantischen Bevölkerung ein sehr gutes Beispiel geben?"

"Larifari, Hyazint! Du bist ja nur Corona's Organ! Priester und Frauen machen immer gemeinschaftliche Sache zu demselben Zweck."

"Und der wäre?" warf Levin ein.

"herrschaft!" rief Orest. "Frauen und Priester wollen herrschenund wollen es um so eifriger, durstiger, heisser, als sie es nur heimlich dürfen."

"Du irrst, lieber Orest, wenn Du annimmst, dass die Frau und der Priester nur heimlich herrschen dürften," sagte Levin gelassen. "Beide haben von Gott die Mission zu einer ganz öffentlichen und anerkannten herrschaft empfangen. Zum Priester hat der Herr selbst gesprochen: 'Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.' Der Priester kommt als Stellvertreter Christi, um über die Seelen der gläubigen Gemeinde zu herrschen, eine herrschaft, die ganz Liebe, ganz Dienstbarkeit, ganz Opferwilligkeit ist. Er kommt als der sichtbare Schutzengel der Gläubigen, belehrt, warnt, heilt, rettet, tröstet, belebt und beseelt sie. Für sie betet er, für sie opfert er. Ein solches Amt gibt eine herrschaft, die der Priester nicht zu verheimlichen braucht, mein Sohn, denn er braucht sich ihrer nicht zu schämen. Sein Scepter ist das Kreuz, besonders dasjenige, welches er unsichtbar auf seiner Schulter und in seinem Herzen trägt. Und was er in der Gemeinde, das ist die Frau in der Familie. Indem Gott sie an die Wiege des Kindes stellte, hat er sie zum Schutzengel des Hauses gemacht. Da übt sie ihr häusliches Priestertum, da wacht und warnt, da belehrt und beseelt, da betet und opfert sie. Der Priester ist ein Mitarbeiter Gottes, sagt der heilige Apostel Paulus; aber die Frau ist die Mitarbeiterin des Priesters für das Reich Gottes. In dieser übernatürlichen Weise herrschen sie und sollen sie herrschen; nicht aus ihrer Machtvollkommenheit, sondern im Auftrag Gottes; nicht verstohlen, sondern offen vor der ganzen Welt."

"Bester Onkel," beteuerte Orest, "Du siehst alles im idealen Licht und fassest es auf von der idealen Seite, weil Du selbst ein Ideal bist."

"Lieber Gott!" sagte Levin demütig; "ist man schlecht und recht ein armseliger Priester, aber ganz durchdrungen von seinem Beruf, so soll man für ein Ideal gelten."

"Aber das müsst Ihr doch zugeben," rief Orest, "dass der priesterliche Beruf oft zu herrschsüchtigen Zwecken missbraucht worden ist."

"Lieber Bruder!" sagte Hyazint und legte seine beiden hände auf Orests Schultern. "Du hast ja Deinen ganz guten Verstand! also wende ihn doch an, ich bitte Dich flehentlich, um einen anderen Einwand oder Vorwurf aufzufinden, als jene klägliche Redensart: der Beruf kann missbraucht werden! – Das bedeutet gar nichts, denn das kann man von allem Guten, sowohl in der materiellen, als in der geistigen Schöpfung sagen."

"Es ist aber nirgends empörender, als im geistlichen Beruf!" sagte Orest, "und deshalb will ich keinen Hausgeistlichen auf Stamberg."

"Mit dem Vordersatz bin ich vollkommen einverstanden," entgegnete Hyazint; "allein der Nachsatz ist keine richtige Folgerung."

"Basta! ich will es nicht!" rief Orest heftig. "Ich muss wissen, was ich in meinem haus zu tun und zu lassen habe." Damit stürmte er fort. –

Levin und Hyazint hatten beide grenzenloses Mitleid mit Corona, und als sie allein waren, fragte Hyazint den Onkel, ob es nicht seine Pflicht sei, sich so auf Stamberg niederzulassen, wie Levin auf Windeck. Aber Levin entgegnete:

"Das waren andere Verhältnisse. Ich ging in mein elterliches Haus, nachdem ich meiner Stellung in der Welt beraubt war, und zu meiner totkranken Mutter. Der Platz konnte mir nicht wohl streitig gemacht werden; er gehörte mir. Der Sohn des Hauses ist schwer zu entfernen. Du aber hast keine Heimatberechtigung auf Stamberg, und sobald Dein Bruder Deine Anwesenheit daselbst nicht wünscht, bist Du ein Eindringling und um so weniger auf einem haltbaren Platz, als Orest seinen Groll mit Dir gegen Corona auslassen würde. Sie hat es schwerdas arme Kind! aber Gott steht ihr bei. Sie leidet und lächelt und schweigt: untrügliches Zeichen, dass sie sich heiligt."

Es blieb wie es war! – Gleich nach Weihnachten begann Orest zu Corona