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Corona nicht. So weit es in ihrer Macht stand, sollte weder ihr teurer Vater, noch der liebe Onkel Levin eine Ahnung haben von ihrer traurigen Ehe, und deshalb verteidigte sie immer Orest, wenn Graf Damian zuweilen seine Missbilligung nicht verhehlte. Er sagte einmal ganz mürrisch:

"Corona, Du bist allzu demütig! Ich glaube gar, Du bedankst Dich, wenn Dein Mann Dir das Herz zermalmt."

"Der Tymian duftet am stärksten, wenn er zertreten wird," sagte Levin in seiner milden Weise. Ihm brauchte Corona nichts zu sagen, nichts zu verschweigen. Er hatte die Schule der Demütigung zu gründlich durchgemacht, um nicht ihre wirkung in anderen Seelen zu erkennen.

"Das ist stark, lieber Onkel!" rief der Graf. "Wir sind es nicht anders gewohnt, als erhabene Ansichten und Lehren von Ihnen zu vernehmen; allein dies ist die Erhabenheit zu weit getrieben. Was müsste sich denn, nach Ihrer Meinung, die Frau gefallen lassen, ehe sie sich gegen den Mann empört?"

"Allesnur nicht die Sünde. Alles andere, in Demut getragen, kann dazu dienen, ihn zu Gott zurückzuführen. Lässt sie sich aber seine Sünden gefallen, so nimmt sie teil an seiner Schuld, und statt ihm die Hand zu reichen, die ihn aus dem Abgrund ziehen könnte, stösst sie ihn hinein."

"Ich bitte Dich, lieber Vater," rief Corona flehend, "lass Dich nicht irre machen durch Orest's Benehmen! Du weisst ja, dass er von jeher alle Verhältnisse etwas leicht zu nehmen und zu behandeln pflegte."

"O ja! das weiss ich zur Genüge," sagte Graf Damian bitter. "Nichts war ihm wichtig, als seine hohe person, sein liebes Ich."

In seiner Tochter fühlte sich Graf Damian sehr verletzt durch die Selbstsucht, die ihm nie auffiel, wenn er selbst sie übte.

"Ja, Väterchen, Du hast den armen Orest sehr verzogen," sagte Corona und drohte lieblich mit dem Finger; "Du darfst am allerwenigsten ungehalten sein, wenn er ist, wie er ist."

"Er wäre vielleicht in der scharfen Zucht meiner armen Mutter besser geraten," sagte der Graf nachdenklich; "aber das wollte ja Deine selige Mutter nicht, Corona."

"Lass ruhen die wenn und die aber!" nahm Levin das Wort. Die liebe Kunigunde hat nur ihre Schuldigkeit getan, indem sie Orest nicht fortgab. Jede Erziehung, auch die beste, hat einige Mängel, da sie von unvollkommenen Menschen ausgeht; und es ist die Sache des Zöglings, solche Mängel zu ergänzen und solche Lücken auszufüllen. Das ist überhaupt nicht die Aufgabe der Erziehung und kann es nicht sein, eine junge Menschenseele fest und fertig für alle Ewigkeit im Guten zu machen. Die Tugend wird dem Menschen nicht angetan; er muss sie selbständig sich zu eigen machen. Und deshalb kann die Erziehung keine andere Aufgabe haben, als ihm durch Beispiel und Belehrung Liebe zur Tugend einzuflössen, seine Füsse auf den Weg zu ihr zu stellen und in seine hände einen sicheren Wanderstab zu geben. Dass er am Ziel anlange, ist seine Sache. dafür ist er Mensch und dazu empfing er von Gott die Freiheit des Willens. Kunigunde hat ihren Kindern das Evangelium nicht bloss gelehrt; sie hat es ihnen auch vorgelebt. Mehr kann keine Mutter tun." –

Orest war nach Ostende gegangen. Er behauptete, angegriffene Nerven zu haben, welche durch Seebäder gestärkt werden müssten. Er war auch ein paar Tage dort; dann fuhr er hinüber nach der Insel Wight, wo sich Judit von der Saison in London etwas erholte. Sie empfing ihn sehr freundlich.

"Sie sind ein recht treuer Mensch, Graf Orestes," sagte sie und gab ihm huldreich ihre schöne Hand. "Ich wüsste nicht, was ich im Menschen höher schätzte als die Treue. Man nennt die Männer so oft treulos! Sie sind eine glänzende Ausnahme und ich darf stolz sein, einen so treuen Freund zu haben."

Sie fürchtete zuweilen, er könne seines Joches überdrüssig werden und es abschütteln; darum legte sie hie und da Freude an ihm und Freundschaft für ihn an den Tag; aber mehr nicht. Dann rief Orest:

"Bei Ihnen ist mir wohl, kann ich leben, atmen, denken, wollen, wünschen, hoffenkann ich Mensch sein!" rief er und atmete tief auf und fuhr mit den Händen über seine Stirn und durch sein Haar, wie jemand, der sich von schwerer Anstrengung erholt.

"Ist Ihnen wirklich so zu Mut oder spielen Sie mir eine kleine Komödie vor?" fragte Judit nachlässig. "Wir Schauspielerinnen denken gar leicht an Komödie."

"Wie soll ich Ihnen die Überzeugung beibringen, dass es keine sei?" rief er aufgeregt.

"O Graf Orestes," erwiderte sie kalt und hoch, "es ist nicht an mir, sondern an Ihnen, dieses Wie ausfindig zu machen."

"Ich werde Sie entführen, Judit, in irgend eine Wüste Asiens oder Afrikas."

"Mit nichten, Graf Orestes! ich hänge ungemein an dem europäischen Luxus und Komfort," erwiderte Judit eisig und sang eine Roulade, die mit einem graziösen Triller endete. "Passt so etwas in Ihre Wüstenphantasie?" setzte sie hinzu.

"O Judit, wie wird dies enden!" seufzte Orest und warf sich in