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Jahre vereint sie halten."

Orest hatte im vergangenen Jahre nicht im entferntesten an seine Christenpflicht in der österlichen Zeit gedacht; und auch jetzt sah er in dieser heiligen Zeit nichts anderes, als den entsetzlichen Moment, der ihn von Judit trennte, indem sie sich Ende April zur italienischen Oper nach London begab und ihm erklärt hatte, sie schicke ihn dann zurück in seine odenwäldische Wildnis, da sie in ihrem Salon auch für andere Leute Platz machen müsse und da es viel angenehmer sei, wenn er sich nach einer längeren Abwesenheit wieder bei ihr einfinde. Orest hatte ihr eine empfindliche Antwort gegeben; darauf sagte sie denn in ihrer Weise, die nichts bestimmtes verhiess und doch viel zu verheissen schien:

"Wie kann Sie das verletzen, Graf Orestes? Was wäre der Frühling, wenn er beständig dauerte? gibt es ein traurigeres, stumpferes Grün, als das Immergrün?"

So verfiel er stets aufs neue unter ihre Bezauberung. Jetzt sprach Corona von der österlichen Zeit und wie alle leichtsinnigen Menschen, die stets das Unangenehme aus ihrer Gegenwart in die Zukunft zu schieben suchen, sagte er:

"Zu haus! natürlich!"

Ein heller Freudenstrahl blitzte in Corona's Augen auf. Sie hatte keine Ahnung von einem so verdunkelten Gewissenszustand, dass er, wenn's notwendig war, seiner Frau mindestens d i e s e kleine Freude zu machen, auch allenfalls mit ihr seine Andacht halten wollte. Nur wusste er gar nicht, um was er sich anzuklagen habe! sein Verhältnis zu Judit war ja eine ganz unglaublich platonische Liebe! Vielleicht liess sich auf Stamberg auch noch ein Mittel finden, dieser kirchlichen Zeremonie zu entkommen. Er glich, der Seele nach, jenen Totkranken, die gar nicht glauben wollen, dass sie in Lebensgefahr sind. Es ist eine der fürchterlichsten Wirkungen des Weltgeistes das Gewissen einzuschläfern, ihm in dieser Schlaftrunkenheit die Pflichten, die Verhältnisse, die inneren Zustände in ein trügerisches Licht zu stellen und dann diese geistige Verblendung und moralische Erschlaffung zu benutzen, um es zuerst verwirrt über Wahrheit und Rechtund dann gleichgültig gegen beides zu machen.

Freudig kam Corona nach Stamberg zurück; Orestin halber Verzweiflung.

"Ich sterbe an der Monotonie des häuslichen Lebens!" rief er und umbaute seinen Divan mit einem Wall von französischen Romanen.

Corona mahnte ihn mild an seine Zusage; die österliche Zeit sei fast verflossen. Sie bat ihn flehentlich, auf ein paar Tage wenigstens mit etwas anderem, als mit dieser Literatur sich zu beschäftigen, die, ebensowenig als die Welt, der sie entstamme, ihm Frieden und Freuden geben könne. Er blieb auf seinem Divan, rauchte und lasund versicherte, er habe noch Zeit genug. Endlich sagte Corona, der nächste Sonntag sei der letzte in der österlichen Zeit, und fügte hinzu:

"An Deine arme Seele willst Du nicht denken, lieber Orest; ach! so denke mindestens daran, dass Du Deinen katolischen Dienstboten und Untergebenen kein Ärgernis geben darfst durch Verletzung dieses heiligen Kirchengebotes."

"An meine arme Seele soll ich denken? nun, wenn sie auch nicht so schwanenweiss ist, wie Du die Deine wähnst, so ist sie doch auch gewiss nicht so rabenschwarz, als Du es Dir einbildest: d a s denke ich von ihr."

"Lieber Orest," sagte sie sanft, "auf unsere Einbildungen kommt es nicht an; die täuschen uns. Der heilige Franz von Assisi sagt: Wir sind das, was wir vor Gott sind."

"Diese Seccatur!" rief Orest, sprang auf, lief in den Pferdestall, schwang sich auf den Mars, das unbändigste seiner Pferde, und jagte von dannen. Er blieb den ganzen Tag aus, kam spät abends wieder und sagte, er sei drüben in Oggersheim bei den Minoritenpatres gewesen. Ob es sich so verhielt? ob er bei ihnen war, um das heilige Busssakrament zu empfangen? Corona erfuhr es nicht. Sie bat Gott, dass es so sein möge und dass sich Orest bei dem Empfange der heiligen Kommunion keines Gottesraubes schuldig mache. Bei d e m Gedanken schwand ihre Ruhe, ihre Ergebung. Sie bot sich ganz zum Opfer für Orest darmehr noch: sie bot ihr Kind, ihr einziges, ihre Wonne auf Erden Gott dar, wenn nur Orest in d e n Abgrund nicht sinke. "O süsses Kind," sagte sie zärtlich zu Felicitas, die mit ihren seraphischen Augen sie anlachte; "Dich würde ich ja nach ein paar armseligen Erdentagen im Himmel und für die Ewigkeit wiederfinden! Du gehst mir ja nicht verloren, Du wirst mir nur in Sicherheit gebracht, wenn der liebe Gott Dich zu sich ruft. Aber wenn ich Deinen armen Vater nicht wiederfände! Bete, süsses Kind, bete!" Und sie legte die Händchen der Kleinen zusammen und nahm sie in ihre hände und hob sie vereint zu Gott auf.

So lebte Corona; ein Marterleben, der Seele nachimmer verwundet durch eine Waffe, die bis aufs Blut geht; lieblose Demütigung; und immer verwundet auf dem Punkt, welcher der empfindlichste für eine Frau ist: im Herzen ihres Bewusstseins als Gattin und Mutter. Sie brachte einen teil des Sommers auf Windeck zugern und doch auch ungern. Dort fühlte sie sich zu haus, denn dort war sie geliebt; aber in der weichen Luft der Liebe wird auch gar leicht das Herz weich und öffnet sich zur Klage. Das wollte