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nicht anders stehe. Ehrgeiziges, eitles Weib! murrte er zuweilen, wenn sie ihn eben ganz wie ihren Sekretär behandelt und fortgeschickt hatte, um ihre Geschäftsbriefe zu schreiben, während sich die eleganteste Männerwelt um sie versammelte; Triumphe will sienichts als Triumphe! und in welchen niederen Regionen bewegen sich diese Triumphe! Den Ehrgeiz der Künstlerin lasse ich gelten; denn durch ihr Genie hängt sie mit dem ganzen Volk zusammen, das sie bezaubert, und indem sie den Beifall des ganzen Volkes begehrt und erstrebt, wird sie von ihm abhängig, so dass ihre Triumphe ohne ein Buhlen um des Volkes Gunst unmöglich sind. Das lasse ich gelten, denn da huldigt sie meiner Gotteit! Aber sie ist ausserdem von niederem Ehrgeiz besessen. Irgend einen hochtönenden Namen will sie erobern, der nicht im goldenensondern im schwarzen Buch der Menschheit, auf vergelbten Pergamenten verzeichnet steht. Sie ist kalt und klugsie wird es durchsetzen. Dass aber Orest derjenige sein könnte, auf den ihre Wahl fiele, dass Orest von dem gefeierten Wesen bevorzugt werde, von dem er, Florentin, gar nicht beachtet wurde: das war ihm ganz unerträglich. Überdas verdross es ihn bitter, dass Orest ihn bei Judit wieder in einer ganz untergeordneten Stellung fand, nachdem er ihn in London schon in einer armseligen getroffen hatte. Müssen mir denn überall diese Windecker in den Weg kommen! murrte er. Als er hörte, dass Corona in Paris sei, frohlockte er: Sie soll alles erfahren. Sie weiss nichts, davon bin ich überzeugt, denn sie würde nicht gekommen sein, wenn sie wüsste, welcher Magnet Orest nach Paris zieht. Sie muss es wissen! Warum denn aber? fragte ihn heimlich sein Gewissen; warum der armen Frau diesen Kummer bereiten? Um irgend ein Übel zu verhüten, das in solchen Verhältnissen nie ausbleibt; murmelte er seinem Gewissen zu. Er ging zu Corona, um sich als ihr Pflegebruder und Kindheitsgefährte vorzustellen, zu dessen Wahrhaftigkeit sie Vertrauen fassen dürfe. Aber vor dem haus kehrte er wieder um. War Orest nicht auch sein Pflegebruder und Jugendgefährte? Sie ist vielleicht nicht allein! besser ich schreibe ihr! so beschwichtigte er abermals die Regung seines Gewissens. Und wirklich schrieb er an Corona und setzte sie unter dem Schleier innigster Teilnahme von Orest's leidenschaft für Judit in Kenntnis, die schon vor seiner Verehelichung in Mailand begonnen habe. Aber er setzte seinen Namen nicht unter den Brief. Sie könnte an der Wahrheit zweifeln, da ich ja in ihren Augen ein Verlorener bin, sprach er ironisch zu sich selbst. Der eigentliche Grund war: er schämte sich dieses Schreibens. Anonym kam es in Coronas hände. Sie las es und warf es in's Feuer. Welche Bosheit, mir diese Sache zu schreibenmöge sie Wahrheit und Verleumdung sein! rief sie empört. Aber ach! wenn es Wahrheit wäre! Sie sank zusammen wie gebrochen von der Wucht solcher Sünde, solcher Schmach. Herr, erbarme dich unser und unseres Kindes! betete sie, zitternd vom Scheitel bis zur Sohle. Neben der kleinen Wiege kniete sie nieder. Da schlief Felicitas, da wachten die Engel, da fand Corona eine übernatürliche Ruhe. Was hat der zu fürchten, der sein ganzes Herz voll Liebe, voll Wünsche, voll sehnsucht in unbedingter Hingebung dem Willen Gottes aufopfert? Offenbarnichts! denn was auch geschehen mögees wird immer aufgenommen als Gottes anbetungsvoller Wille, Fügung oder Zulassung. Nur da, wo es eigenen Willen gibt, gibt es auch Furcht: Furcht vor dem Opfer. Ist es gebracht, tritt Ruhe ein. Der Schmerz hört nicht auf; der gehört zum Menschenleben. Aber Ruhe im Schmerz sprosst zu Füssen des Kreuzes.

Wenn es Wahrheit wäre? sagte Corona zu sich selbst; wenn er in der Todsünde lebte, mein Mann, der Vater meines Kindesan den wir gewiesen sind fürs Leben, als an unsere irdische Stütze, unseren Freund, Ratgeber und Beschützerwie dürfte ich es dulden als christliche Ehefrau und Mutter! und ach! wie könnte ich es hindern? Ist es nicht Mangel an Liebe für Orest, wenn ich den Inhalt dieses Briefes für Wahrheit halte? und halte ich ihn für Verleumdungist das nicht eine heimliche moralische Feigheit? So sprach sie mit sich selbst und mit Gott, und betete und flehte um Kraft, Einsicht und Gnade, damit sie das Rechte treffen möge und litt den bittersten Schmerz, der auf Erden gelitten werden kann: den Schmerz um eine schwere Gottesbeleidigung, verübt von einem geliebten Menschen. Denn sie liebte ihn, – aber nicht wie der Mensch den Menschen zu lieben pflegt, aus Neigung des Herzens, aus blinder leidenschaft, aus selbstsüchtigem Wohlgefallen; sondern als eine nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Seele. Orest bemerkte nicht ihr stilles Leid, das sie freilich immer hinter einem noch sanfteren Lächeln und noch sanfteren Wort zu verbergen suchte. Hätte er es aber auch bemerkter würde es doch nicht beachtet haben: so wenig zählte sie in seinem Leben.

Der Fasching war längst vorüber, der grösste teil der Fastenzeit auch. Da sagte Corona eines Tages, als Orest mit ihr zu Mittag gegessen hattewas nicht oft geschah:

"Lieber Orest, die österliche Zeit hat begonnen. Willst Du Deine Andacht hier oder zu haus halten? Im vorigen Jahre waren wir getrennt: Du hier, ich auf Stamberg. Ich bitte Dich, lass uns in diesem