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Stille, dem Geheimnisvollen und Feierlichen jener Grotte. Das kleine Langschiff, 36 Fuss lang und 24 breit, hat zwei Altäre und einige Kniebänke; über der Eingangstür die Orgelbühne. In der inneren Kapelle, dem Achteck, steht über dem Altare in einem silbernen Schrein das kleine uralte Gnadenbild: Maria mit dem Jesukinde auf ihrem rechten arme und in der Linken den Scepter, aus dem die Lilie hervorblüht. Maria, als Mutter und Königin; die Liebe in ihrer Zärtlichkeit und in ihrer Macht, in Allem, was sie Süsses und was sie Grossartiges hat. In der Dicke der Mauer sind Nischen angebracht und vor ihnen Kniebänke aufgestellt, um den engen Raum möglichst wenig zu beschränken. Über den Nischen befinden sich auf schwarzem grund hinter Glasscheiben kostbare Votiv- oder auch Liebesgaben, Hals- und Armbänder, Ringe, Münzen, Kreuze, köstlich gefasste Reliquien. Fünf herrliche Lampen hängen vor dem Altare und das ewige Licht in ihnen leuchtet mild durch das Dunkel und wirft hie und da einen Glanzblick auf den reichen Schmuck. Die Herzen bayerischer Landesfürsten, unter ihnen Kaiser Karl VII., † 1745, und König Maximilian I., † 1825, ruhen einbalsamiert in silbernen herzförmigen Gefässen an der Wand, welche dem Gnadenbilde gegenüber sich befindet. Trotz Purpur und Krone betteten sie sich zur letzten Ruhe unter den Schutzmantel der Mutter Gottes von Altötting. Ein leises Säuseln verhallt nie in diesem geheiligten raum, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend geöffnet ist. Das Flüstern des Gebetes, die leisen Seufzer, die Atemzüge der Andächtigen, das Rauschen eines Kleides, der Fall einer Kugel des Rosenkranzes, das Umschlagen der Blätter im Gebetbuchdiese Laute, welche man sonst kaum bemerkt, sind in dieser tiefen Stille hörbar, wie am Abend ein Säuseln durch den Wald geht, oder wie man in weiter Ferne die Wellen des See's an's Gestade rieseln hört. In eine wunderbar tiefe Ferne sinkt die Welt und das Leben und das Treiben der leidenschaft und der Kampf in der eigenen Brust zurück. Wie man von einem hohen Berge ringsum den Horizont schaut so weit, so weit, dass Erd' und Himmel in einander schwimmen, aber Städte und Dörfer nicht mehr zu sehen sind: so geht es der Seele in diesem Raum, der seit mehr als einem Jahrtausend nichts gewesen ist, als eine Stätte des Gebetes. Es gibt andere berühmte Orte, wohin auch seit langer Zeit die Menschen reisen, um Kunstwerke, oder Naturschönheiten, oder prachtvolle Paläste, Kirchen, Gärten, oder merkwürdige und interessante Sammlungen und Anstalten zu bewundern, und sie suchen sich dabei zu unterhalten, zu bilden, zu belehren, oder die Zeit zu töten und das Geld zu verschwenden. Die Bewunderung bildet eine Art von Glorie um solche Punkte und eine gewisse geistige Atmosphäre, deren Einfluss sogar stumpfe und äusserst prosaische Menschen etwas empfinden. Welch eine geistige Atmosphäre muss um einen Punkt sich gebildet haben, den nie ein Mensch in anderer Absicht betrat, als um zu beten! seit mehr als tausend Jahrennur um zu beten, nur um die Tiefen des Herzens vor Gott auszuschütten. Und dieser Zug des Gebetes vererbt sich von einer Generation auf die andere, zieht sich durch ein Menschenalter in das andere hinein, lässt sich nicht stören durch den Wechsel, den ein Jahrtausend in alle Verhältnisse der Menschheit bringt; wird unterbrochen durch diese und jene Ungunst der zeiten, und hebt jenseits derselben gerade so wieder an, wie er notgedrungen diesseits aufgehört hatte! Seitdem der heilige Rupert im siebenten Jahrhunderte das Christentum in Bayern gründete und das Mutter Gottesbild nach Altötting brachte, sind Reiche und Völker auf- und untergegangen, sind Trone und Kronen gesunken und aufgerichtet; aber die andächtige Wallfahrt zu der Stätte, wo die Mutter Gottes so gnädig ist, geht jetzt gerade so wie damals fortein Strom lebendiger Einheit in Glauben und Liebe, der aus Millionen von Herzen bricht und in der kleinen grottenhaften Kapelle sich sammelt, ewig wiederholend die Wallfahrt der Könige des Morgenlandes und der armen Hirten zum Kindlein von Betlehem.

Kunigunde hielt mit grosser Sammlung und Ruhe ihre neuntägige Andacht und erbaute sich ungemein an den feierlichen Prozessionen, die am Tage Mariä Geburt sich einfanden und so viel Menschen brachten, dass der ganze Platz belebt war und jeder nur nach und nach in die Kapelle dringen konnte. Auch an den übrigen Tagen fehlte es nicht an einzelnen Wallfahrern aus den verschiedensten Ständen. Das Landvolk war am zahlreichsten vertreten; sehr natürlich, weil es überhaupt die grösste Zahl in der Bevölkerung ausmacht. Levin brachte das heilige Messopfer in der Gnadenkapelle dar, und seine Seele wallfahrtete in den Himmel und pries Gott, der durch das Christentum Glauben und Liebe so tief in das Menschenherz versenkt hat, dass sie gleichsam als organische Lebensäusserungen daraus emporwachsen und in dieser zugleich so kindlichen und so grossartigen Form ein wunderbares Zeugnis der Jahrhunderte für die Glaubenseinheit in der Kirche ablegen. Am Vorabend der Abreise sagte er zu Kunigunde:

"Jetzt muss ich Ihnen eine Merkwürdigkeit zeigen, die freilich nicht unmittelbar zur Wallfahrt nach Altötting gehört, aber doch sehr lehrreich ist."

Er führte sie nach der Pfarrkirche in eine Kapelle des Kreuzganges. Auf einer kleinen Treppe stiegen sie zur Gruft unter der Kapelle herab und standen vor einem Sarge, auf den Levin deutete und sagte:

"Hier ruht ein ausgezeichneter Mann, ein grosser Feldherr, ein tüchtiger Diener seines Herrn, ein wahrhaft frommer Sohn der Kirche, ein tadellos reiner Mensch, ein so inbrünstiger Verehrer