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blieb in Paris. Da setzte sich Graf Damian hin und schrieb ihm: "Lieber Sohn! ich kenne Dich; also wundere ich mich nicht, dass Du nicht urplötzlich mit beiden Füssen zugleich in den vernünftigen Ehestand hineinspringst, sondern noch ab und an ein Stückchen Junggesellenleben fortlebst. Lieber wär' es mir freilich, wenn Duum mit jenem Holländer zu sprechenbereits ausgerast hättest. Da dies aber nicht der Fall ist, so sehe ich mich veranlasst, Dir eine väterliche und freundschaftliche Bemerkung zu machen. Und das ist diese: man lässt seine Frau nicht allein in einer Katastrophe, die ihr das Leben kosten kann, um sich in Paris zu amüsieren. Das ist gegen Anstand, Gefühl und Gebrauch. Diese Katastrophe wird des nächsten für Corona eintreten. Deshalb begleite ich sie morgen mit Tante Isabelle nach Stamberg zurück, wo wir Dich sämtlich mit Ungeduld erwarten." Dieser kurze trockene Brief tat seine wirkung: Orest kam. Er kam mit sehr guter Laune, denn er hatte sich mit Judit ausgesöhnt. Ihre Pläne lauteten freilich ganz anders als seine Wünsche. Vorderhand aber war er froh, dass sie den Bann von Interlaken von ihm zurückgenommen hatte. Deshalb liess er sich auch gar nicht durch Damians etwas kühlen Empfang aus der Fassung bringen und benahm sich wie jemand, der das Recht hat, seine höchst wichtigen Interessen selbständig zu verfolgen. Corona empfing ihn mit liebenswürdiger Freude und Freundlichkeit. Sie hoffte das Herz des Vaterswenn auch nicht das des Gemahls zu gewinnen.

Der Tag Maria Hilf war der Geburtstag der kleinen Felicitas. Corona war seligselig über ihr Kind! selig, dass es im Muttergottesmonat an einem Muttergottesfeste auf die Welt kam! Sie weihte und schenkte es tausendmal der heiligen Jungfrau Maria und rechnete auf sie, wie auf eine Mutter, für die Erziehung des Kindes. Alle edlen und schönen Seelen haben in der Jugend einen Schwung zu den Höhen des Lebens, ein uneigennütziges Verlangen nach Hingebung und Opfer, eine Phantasie, welche den Himmel ohne Wolken, die Vortrefflichkeit ohne Mangel, den Horizont ohne Grenzen, die Rosen ohne Dornen sieht Darin besteht ihr Adel und ihre Schönheit, dass sie sich nicht aufhalten in den Niederungen des Daseins, undwenn ihnen die Erfahrung später auch zeigt, dass sich an dem Strauch mehr Dornen als Rosen befindensie mit umso grösserer Freude und tieferer Treue die Rosen pflegen. So machte es Corona. Ihr stiller Durst nach Glück, der in jedem Menschenherzen so wach ist, wie die Unruhe in der Uhr, fand nun seine Labung: sie hatte einen Gegenstand für ihre Liebe. Gott hat der Mutterliebe eine Ähnlichkeit mit der göttlichen Liebe gegeben: sie liebt durch das, was sie gibt, nicht durch das, was sie empfängt. Mutterliebe ist von allen Lieben hienieden die einzige, die genügsam ist, und die, ohne an Dank oder Erwiderung zu denken, fort und fort liebt. Dadurch zeigt sie sich eben als etwas Himmlisches, und je mehr das Übernatürliche in ihr vorherrscht, desto mehr sieht sie im kind das Kind Gottes, der es ihr für eine Spanne Zeit anvertraut, damit sie es ihm für die Ewigkeit zurückbringe. So begrüsste, so empfing, so umfing Corona ihr Kindlein: sich selbst heiligen, um Felicitas heiligen zu könnendas wurde ihre idee von Mutterpflicht, Mutterfreude, Mutterglück.

Orest blieb sich gleich. Sein erstes Wort an Graf Damian war:

"Leider kein Sohn, Papa!"

eigentlich war dem Grafen das kleine Mädchen auch nicht willkommen; indessen fand er doch Orest's Äusserung so rücksichtslos, dass er ihm ironisch erwiderte:

"Tröste Dich! man erlebt häufig mehr Freude an den Töchtern, als an den Söhnen." –

So lange Graf Damian auf Stamberg war, nahm sich Orest mehr zusammen und war freundlicher gegen Corona, als er aber wieder allein mit ihr war, begannen die alten Quälereien aufs neue. Er sann nur darauf, Judit nachzureisen, und da er fühlte, dass dies im grund unmöglich sei, so wurde ihm seine Lage unerträglich und die arme Corona verhasst. Warum war sie ohne Zauber für ihn? Das war doch offenbar ihre Schuld! Niemand hat anziehender, pikanter, reizender zu sein, als gerade die Ehefrau, damit sie eine siegreiche Nebenbuhlerin aller übrigen Frauen sei; vermag sie das nicht, so hat sie die Folgen ihrer Unvollkommenheit sich selbst zuzuschreiben. Warum hatte sich Corona überhaupt in seinen Weg gedrängt und ihn einer Laufbahn entführt, auf welcher er sich froh und zufrieden bewegte und welche ihm mehr zusagte, als das stupide Landjunkertum! Jetzt stand sie zwischen ihm und seinem Glück, während sie sich mit ihrem kind unsäglich beglückt fühlte! Welche Härte des Schicksals! ja, welche Ungerechtigkeit, welche Grausamkeit des Schicksals gegen ihnden beklagenswerten Orest. Dann trat Judit in seine Gedanken hinein, mit dem zwiefachen Reiz stolzer Kälte und feiner Koketterie; Judit, die Bewunderte, die Gefeierte einer Welt, deren Huldigung sie spröde hinnahm; Judit, mit dem abstossenden Benehmen und dem anziehenden blick; und diesen Gedanken gab er sich so gern, so häufig, so widerstandslos hin, dass sie die Meister seines Lebens wurden und ihn, wie Schlingpflanzen den Baum, umrankten und überwucherten und das Mark seiner Kraft zum Guten aufsogen. Tausendmal war er willens, sich aufs Ross zu schwingen, bei Nacht und Nebel davon zu reiten und Weib und Kind, Haus und Hof zu verlassen; und er staunte