. Wie das oft in zahlreichen Familien geht: das jüngste Kind wird allgemeiner Liebling. Für ihn lassen die Eltern nach von früherer Strenge oder von allzu grossen Ansprüchen. Für ihn haben die übrigen Geschwister, die sich zuweilen schroff genug gegenüber stehen, e i n Herz. Ein solcher Liebling des ganzen Hauses war Corona und – so weit sie in der Welt erschienen war – auch dort. Ihrem Vater hatte sie gehorchen müssen; allein dafür trug er sie auch auf den Händen. Jetzt musste sie lernen, sich ihrem Mann zu fügen, ohne je die Genugtuung zu haben, dass er zufriedengestellt sei. Und wäre es nur bei den kleinen Nadelstichen geblieben!
Corona's heisester Wunsch stand nach Hausgottesdienst. Noch als Braut hatte Orest ihr die Zusage machen müssen, die Kapelle zu vollenden und einzurichten, welche Uriel begonnen hatte, eine Messe zu stiften und einen Hausgeistlichen anzustellen; damals hatte Orest zu allen diesen Wünschen Ja gesagt. Als sie sich nun aber auf Stamberg niederliessen und Corona ihren Mann an das Notwendigste: den Ausbau der Kapelle erinnerte, da hiess es, im nächsten Frühling solle er vorgenommen werden. Aber im nächsten Frühling hiess es: die Kasse sei eben leer. Corona, die von ihrem Vater ein reichliches Nadelgeld erhielt, bat Orest, zu gestatten, dass sie die Kosten des Ausbaues bestreiten dürfe.
"Und die Einrichtung, soll die vom Himmel fallen?" rief er unmutig. "Die kostet enorm viel und eines zieht das andere nach sich. Besser der Ausbau unterbleibt. Mir liegt nichts an der Kapelle, ich möchte lieber die Stallungen erweitern, und Du fährst ja so pünktlich jeden Sonntag zum Gottesdienst, dass Du dich an den Werktagen schon mit dem Gebet in Deinem Zimmer begnügen kannst."
"Ich kann es freilich! aber es quält mich, dass ich es nicht möglich machen kann, sämtliche katolischen Dienstboten Sonntags dem Gottesdienst anwohnen zu lassen. Bei der Entfernung der Pfarrkirche geht der Vormittag darauf; da können sie nicht alle fort. Hätten wir Kapelle und Hausgeistlichen – ach, welch ein Trost!"
"Hausgeistlichen! das fehlte noch, um die Langeweile des Hauses komplett zu machen! Nein! d e n Gedanken lass total schwinden. Ich – mit einem Schwarzrock unter einem dach!"
"Lieber Orest, vergiss nicht, dass Onkel Levin und Hyazint geistlich sind und dass dies eine Gnade und Ehre für uns alle ist."
"Nun ja, die gehören einmal zur Familie – und was in der Familie geschieht, wird gut geheissen. Da ist ein esprit de corps, wie im Soldatenstande. Da lässt auch keiner irgend etwas auf sein Regiment kommen. Doch von den beiden ist hier nicht die Rede! übrigens möchte ich keinen von beiden hier auf Stamberg anders haben, als zum Besuch. Um wie viel weniger einen anderen von diesen schwarzen – Diamanten! Denn wahrhaftig! rar wie schwarze Diamanten sollen ja diese Herren sein, weil kein vernünftiger Mensch geistlich werden mag. Das kann Dich trösten: der Bischof würde uns keinen Hausgeistlichen geben."
"Hast Du ihn denn darum gebeten?"
"O nein! ich bitte nicht um Dinge, von denen ich weiss, dass man sie mir abschlägt."
"Es kommt darauf an, wie man die Bitte stellt und mit welchen Gründen man sie unterstützt. Ich wollte sie gleich wagen – wenn ich nur Deine Genehmigung hätte."
"Zuerst müsste denn doch eine Kapelle vorhanden sein – und diese hier .... wird wohl eingehen müssen wegen notwendiger Erweiterung der Stallgebäude!" sagte Orest und begab sich zu seinen Pferden.
Corona's Herz wollte auswallen und heisse Tränen hingen an ihren Wimpern. Aber da kam ihr der Gedanke, sie sei der Gnade nicht wert, dass unter ihrem dach die Feier der heiligsten Geheimnisse begangen werde. Und die Aufwallung des jungen raschen Herzens legte sich. Sie trat in die Schule der Demut ein und übte sich mehr und mehr in der Kunst der Heiligen, welche der Psalmensänger in dem Wort zusammenfasst: "Drücke dein Herz nieder und leide."
Orest hatte in Interlaken gehört, Judit werde den Winter an der italienischen Oper in Paris singen. Im Karneval erklärte er plötzlich seiner Frau, er müsse sich jetzt vierzehn Tage in Paris amüsieren und sie könne während der Zeit nach Windeck gehen. Corona zuckte schmerzlich zusammen. So wenig froh ihr Leben an Orest's Seite war, so fühlte sie doch instinktmässig, dass es besser für sie und für ihn sei, wenn er sich nicht daran gewöhne, sich fern von ihr in den Strudel der Welt zu stürzen. Überdas hatte sie sich noch nicht so recht auf Stamberg eingewohnt. Das junge Ehepaar hatte viele Besuche gemacht und empfangen; vielen Festen beigewohnt, die ihm zu Ehren von den Nachbarn gegeben wurden. Es hatte sich am Hof des Landesfürsten vorgestellt und das Weihnachtsfest im Vaterhause zu Windeck zugebracht. Corona sehnte sich nach Ruhe. Sie war leidend. Alle Hoffnungen der Erde sind mit Leiden gemischt; auch die auf Mutterglück. Sie wäre gern auf Stamberg geblieben und sie sagte ihrem Mann, sie hoffe die Einsamkeit von vierzehn Tagen aushalten zu können. Er aber, der in seinem Sinn schon an eine Abwesenheit von sechs bis acht Wochen dachte und sie doch nicht so lange ganz allein wissen wollte, drang darauf, dass sie nach Windeck gehe. Sie tat es – und ihr vierzehntägiger Besuch dehnte sich auf drei Monate aus – denn Orest