Diese Bücher trugen natürlich nicht dazu bei, ihm Lust und Liebe zum häuslichen Herd und zu dessen Freuden und Beschäftigungen zu geben. Missmut überfiel ihn; die Bücher wurden ihm verhasst; Corona sollte ihn unterhalten. Wie gern hätte sie das getan! allein er fand sie nicht munter, nicht ausgeweckt genug.
"Als Kind hattest Du Anlagen zu einer Lionne!" rief er einmal höchst missmutig; "aber die fromme Erziehung hat sie bis auf's letzte Fünkchen ausgelöscht. Du bist eine ganz alltägliche person geworden."
"Darin hast Du recht, lieber Orest," sagte sie demütig. Und sie hatte doch einen feinen Verstand und eine liebenswürdige Munterkeit; aber freilich, einbalsamiert in geistige Grazie, so dass alles Scharfe, Exzentrische, Leidenschaftliche – alles, was nicht bestehen konnte neben zarter Sitte und heiliger Wahrheit – dem Kreise ihrer Anschauungen und Urteile, dem gang ihrer Gedanken fern blieb. Ein solcher Geist war nicht nach Orest's blasiertem Geschmack. Er machte den Versuch, sie in seinem Sinn höher zu bilden und sie mit einer gewissen traurigen Richtung des Geistes in literarischen Erzeugnissen bekannt zu machen, an welche manch' grosses Talent sich wegwirft. Er brachte ihr solche Bücher und empfahl ihr dringend, sie zu lesen. Sie las den Namen der Autoren, machte die Bücher zu und sagte:
"Ich danke Dir tausendmal, aber lesen kann ich diese Bücher nicht."
"Was ich Dir gebe, darfst Du lesen!" fuhr Orest auf.
"Gewiss – insofern es nicht gegen Glauben und Sittlichkeit ist. Onkel Levin hat mir aber eben diese Autoren als solche genannt, die gegen beides verstossen und mich vor ihnen gewarnt."
"Onkel Levin! ... ich bitte Dich, rede doch nicht so kindisch! der siebzigjährige Greis hat andere Ansichten über Lektüre, als die siebzehnjährige Frau."
"Andere – aber richtigere," lieber Orest."
"Höre, Corona, Du tust mir leid, dass Du mit Deinem bischen Verstand fortwährend zwischen den Scheuklappen vegetieren sollst, die Onkel Levin Dir anbindet. Darum stelle ich Dir die Bücher hier in's Wandschränkchen und schenke sie Dir erb- und eigentümlich. In einem Augenblick von Langeweile nimmst Du sie doch vielleicht zur Hand und guckst neugierig hinein, und hast Du das nur erst getan, so wirst Du auch schon weiterlesen. Schau', wie sie gut eingebunden sind – dunkelblauer Saffian, ganz in Harmonie mit Deinem Kabinett! eine wahre Zierde Deiner Bibliotek!"
"Da Du mir die Bücher schenkst, lieber Orest, so sage ich Dir meinen schönsten Dank," sagte Corona.
Die Bücher blieben unverändert auf ihrer Stelle! Orest, der eine Ahnung hatte, als ob sie vielleicht verschwinden könnten, öffnete von Zeit zu Zeit das Wandschränkchen; aber da standen sie in Reih' und Glied. Weiter brachte er es jedoch nicht bei Corona. Fragte er, ob sie gelesen habe, so verneinte sie es. Da rief er einmal zornig:
"Nun! willst Du sie nicht lesen, so sollst Du sie hören!" und griff ein Buch heraus. Es klappte in seiner Hand zusammen, denn es war nur ein Deckel: das Buch selbst war herausgeschnitten. Corona sagte ungemein freundlich:
"So sind sie alle. Du hast sie mir geschenkt, folglich durfte ich über sie verfügen, und sie sind längst dem Feuer übergeben. Den Einband liess ich stehen, weil er Dir gefiel und unschädlich ist."
"Warum gabst Du mir nicht meine Bücher zurück, wenn Du sie durchaus nicht haben wolltest" – murrte Orest.
"Weil ich keine schlechten Bücher verschenke und gern alle, die je geschrieben wurden, von der Erde vertilgen möchte."
"Das ist einmal ganz à la Regina gesprochen! sie – im Fanatismus für den Glauben; Du – im Fanatismus für die Tugend!" rief er spöttisch. Allein er versuchte nicht wieder, sie mit dergleichen Büchern zu belästigen. Weil er aber immer in unzufriedener Laune war, so mäkelte er an ihr vom Morgen bis zum Abend.
"Was machst Du für Toiletten, Corona! bist Du denn ein altes Weiblein von dreissig Jahren? was helfen schöne Stoffe, wenn man sie nicht zu tragen versteht!"
Corona kleidete sich sehr gut und standesmässig elegant, wie sie das bei ihrem Vater gewohnt war. Sie war aber ein durchaus edles Wesen; deshalb kam ihr ein Herausschmücken ihrer person, ein Geltendmachen ihrer Schönheit nie in den Sinn, und sie kleidete sich, wie es sich schickt für die züchtige vornehme Frau.
"Corona, Dein Gesang ist eben nicht Deine glänzendste Seite – umsoweniger, als Deine Aussprache des Italienischen auch Vieles zu wünschen lässt."
"Lehre mich die richtige," sagte sie bittend.
"Sprachmeister meiner Frau zu sein – horrender Gedanke! kolossale Zumutung! Nein, gutes Kind, willst Du durchaus singen, so singe deutsch."
Und sang sie deutsch, so klagte er über die unmelodische, ächt Odenwäldische Musik! Jeder dieser kleinen Nadelstiche war für Corona ein Schmerz, den sie zu überwinden hatte. Ihre feine natur fühlte die leiseste Verletzung und empfand sie tief; das war ihre schwächste Seite, und weil sie es war, so sorgte Gott, der alle Menschen für das ewige Leben erziehen und sie stark machen will, dafür, dass gerade auf dem schwächsten Punkte die Angriffe nicht aufhörten. Auf Windeck war sie das verzogene Kind gewesen