. Orest machte es ihr sehr schwer. Für die Feinheit ihrer Empfindung, für die zarte Jungfräulichkeit ihres Herzens fehlte ihm durchaus jedes Verständnis. Tausendmal verletzte er sie, quälte er sie durch seine Scherze, durch seine Bemerkungen, durch seine Handlungsweise, durch seine Auffassung von Welt und Leben; sie litt und schwieg. Sehr selten erlaubte sie sich eine Einwendung, aber so bittend und demütig, dass Orest, der ohnehin schon, vermöge seiner Selbstsucht, vielmehr ihr Herr als ihr Gatte sich fühlte, dadurch in seiner Despotenlaune bestärkt wurde. Ihr Ton hätte sehr ernst und äusserst bestimmt sein müssen; dann würde sie ihm imponiert haben – wie ihm das zuweilen bei Regina geschehen war; aber diese unüberwindliche Entschiedenheit, die, auf dem innersten grund von Regina's geistigem Sein beruhend, ihre ganze Wesenheit gleichsam illuminierte – war nicht in Corona. Bei ihrem Vater hatte sie gehorchen gelernt! an ihre Schwester hatte sie sich gelehnt wie an eine zärtliche und weise Mutter; einem Orest war sie nicht gewachsen. Aber sie hatte die Tradition ihrer frommen Mutter und das Vorbild ihrer frommen Schwester! Die Baronin Isabella und Regina hatten ihr oftmals erzählt, wie diese Mutter durch Milde, durch Stillschweigen, durch Opferwilligkeit dem Egoismus des Vaters begegnet sei und wie sie ihn damit gewonnen habe. Die Mutter, die kaum in ihrer Erinnerung lebte – lebte umso mehr in ihrer Gegenwart als ein Vorbild stiller, unscheinbarer Tugend und an dem Streben, diesem Beispiele nachzufolgen, entwickelte sich die tiefe Frömmigkeit, die von der Wiege an ihrem Gemüt eingesenkt, aber nicht entfaltet war und jetzt aus einer grünen Knospe in voller Blüte hervorbrach. Corona erkannte schnell, dass sie in ihren Verhältnissen himmlischen Beistand nötig habe, denn kein irdischer genügte ihr, noch bot er sich ihr. Ihr Vater hatte nun einmal beschlossen, dass Orest und Corona miteinander glücklich zu sein hätten. Der arme Vater! sprach Corona zu sich selbst; hat er nicht bei Regina, Hyazint und Uriel sich an seinen Hoffnungen getäuscht gesehen und auf seine Wünsche und Erwartungen verzichten müssen! ich will ihm, so viel an mir liegt, keinen Kummer machen; ich werde glücklich sein, glücklich – d i e Bestimmung zu erfüllen, die Gott mir angewiesen hat. Und so machte sie sich denn an das Heldenwerk der Heiligen: in übernatürlicher Weise glücklich zu sein.
Zu Orest's quälenden Eigenschaften gehörten auch die, dass er, wenn er nicht in irgend einer Spannung und Erregung war, sich beständig langweilte. Die soldatische Disziplin, dies und das und jenes zu der und der Stunde pünktlich verrichten zu müssen, war ihm anfangs äusserst lästig, allmählich aber ganz lieb gewesen; denn sie gab ihm täglich die Befriedigung, die aus einer, wenn auch noch so geringen Pflichterfüllung hervorgeht. Überdas machte es der ganze Schwarm der Kameraden, unter denen sich doch mancher rebellische Kopf und störrische Nacken befand, genau so wie er, weil die Unannehmlichkeiten, welche der Mangel an Disziplin nach sich zog, doch am Ende noch lästiger waren, als die militärische Subordination. Aber auf Stamberg gab es keine Lebensregel für ihn. Er konnte schalten und walten wie – tun und treiben, was ihm beliebte. Hatte er heute ein Geschäft begonnen, so zwang ihn niemand, es morgen fortzusetzen. Er konnte es ganz liegen lassen, oder es nach acht Tagen wieder aufnehmen, oder es dem Rentmeister, dem Förster, oder sonst dem betreffenden Beamten zur Fortsetzung zuschicken. Letzteres geschah denn auch regelmässig! Er fand alle Geschäfte, die Art sie zu führen, den gang, den sie gingen, tötlich langweilig, und da die Beamten nun einmal auf diese Langeweile eingeübt waren und dafür bezahlt wurden, auch die Sache viel pünktlicher und schneller machten: so gab er es sehr bald ganz auf, sich um seine Geschäfte, seine Verhältnisse, den Zustand der herrschaft, die Verwaltungsart seiner Beamten, um das Gute, das zu tun, um die Missbräuche, die abzustellen waren, zu bekümmern. drei Arten von Beschäftigungen hatte er auf Stamberg, und die trieb er abwechselnd mit einer Art von Wut: jagen, reiten, lesen. Die Jagdzeit war seine Lieblingszeit; da trieb er sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Flur und Wald umher und ermüdete sich dergestalt, dass seine etwaige üble Laune bei der Heimkehr – in Schlaf unterging. Reiten war seine zweite Liebhaberei, nämlich Pferde zuzureiten. Das verstand er meisterhaft, und je böser das Pferd war, desto lieber übernahm er dessen Erziehung und "brachte die Bestie zur Raison" – wie er es nannte. Das war denn aber auch der Hauptspass! war einmal das Pferd zugeritten, so hatte er keine Freude mehr daran. Deshalb verschwendete er Unsummen für den Ankauf junger roher Pferde, die er zuritt und dann für ein Billiges verkaufte, um sie nur wieder los zu werden und Platz in den Stallungen für neue Zöglinge zu gewinnen. Endlich, wenn er bis zur äussersten Abspannung im wald ein Nimrod und in der Reitbahn ein Rossebändiger gewesen war – pflegte er zu sagen: "Jetzt erhole ich mich an Leib und Geist bei den schönen Wissenschaften;" legte sich auf einen breiten, niedrigen Divan von braunem Saffian, rauchte ein orientalisches Nargileh und las dutzendweise französische Romane greulichster Art. Dermassen war er dann in seine Lektüre versunken, dass er nicht selten bei Tisch mit seinem Buch erschien und, da Corona sich seine Vorlesung verbat, während des Essens still für sich las.