hieraus entspringen, stählen entweder den Willen, der das köstlichste Gut, seine Freiheit, bewahrt und mit ihr auf der Bahn des Lichtes mehr und mehr aufwärts steigt; oder die Willenskraft lässt sich besiegen vom verlockenden Bösen, lässt sich von den Leidenschaften in Fesseln schlagen, wird immer ohnmächtiger zum Guten und lässt das Menschenherz mehr und mehr einem Abgrunde zurollen, dessen Tiefe das sterbliche Auge nicht ermisst. Auf diesem Wege flieht der Mensch alles, was seine Genüsse und Freuden stören und ihn an seine Pflicht erinnern könnte. Er verliert den Sinn für himmlische Dinge; er schätzt nur die Irdischkeit, kennt nur materielle Interessen, versteht nur die Neigungen, die Bestrebungen, die von der Erde stammen. Er ist gefesselt an die Gebilde des Staubes, er ist der Knecht der Sünde. Dieser innere Zustand des Menschen wirft einen furchtbaren Schatten auf ihn, den Schatten des ewigen Todes, der langsam, frostig, vernichtend an der Seele hinaufkriecht und sich zwischen sie und Gott ausbreitet. Davor weichen alle Ströme der Gnade zurück! daran erlöschen alle Strahlen höheren Lichtes! dadurch vertrocknet allmählich das übernatürliche Leben nicht bloss – sondern auch alle höheren Fähigkeiten des Menschen. Seine Intelligenz verdunkelt sich, sein Herz verhärtet sich, sein Verstand schwächt sich. Jeder Erkenntnis, welche über die Materie hinausliegt, wird er unfähig. Er begräbt seine entwürdigte Seele in dem Kerker seiner gefallenen natur. So stand es mit Orest. Sein Wahlspruch: froher Genuss des Lebens! hatte ihn dahin gebracht, dass er des schönsten Lebens nicht froh wurde und all sein Glück nicht zu geniessen verstand. Dass das Glück Opfer fordere und dass aus den Verhältnissen Pflichten hervorgehen, fand er über allemassen lästig, und was ihm lästig war, dem wich er aus. Selbstverleugnung, Selbstbeherrschung hatte er nie geübt, nie zu einem kräftigen gesunden Willen sich erhoben. Von seinen Launen und Einfällen, von seinen Neigungen und augenblicklichen Eindrücken liess er sich wiegen und tragen, bestimmen und hinreissen. So geriet er auch manchmal an ein gutes Wollen; aber es hielt nicht Stand. Durch gute Aufwallungen wird der Mensch nicht gut! d e r Wind ist zu schwach, um sein Schifflein flott zu machen, wenn es auf eine Sandbank gelaufen ist. Nur ernster Beharrlichkeit und unermüdlicher Selbstüberwindung ist die Tugend erreichbar; denn Tugend ist Beschränkung des Ich's nach allen Richtungen hin. Orest aber pflegte sein Ich nach allen Richtungen wie eine äusserst kostbare und edle Pflanze, und so wurde denn dieses Ich in der moralischen Welt zu einem Upasbaum, der alles Leben tötet, das in seine Nähe kommt. Einen Augenblick war er von Corona's Lieblichkeit ergriffen genug gewesen, um verschiedene gute Vorsätze zu fassen und seinen Ehestand mit dem Entschluss zu beginnen, Judit nicht wiederzusehen. Aber wie das immer zu gehen pflegt: hat man grosse Entschlüsse gefasst, so treten stets eine Menge Umstände ein, um sie wankend zu machen. Das ist ganz in der Ordnung; denn wie könnte sich ein Entschluss bewähren ohne Prüfung. Wer aber nicht geneigt ist, ihnen treu zu bleiben, klagt über sein unerhörtes Schicksal und die zwingende Gewalt der Umstände – und gibt sie auf. So machte es Orest. Gleich nach seiner Vermählung trat er mit Corona eine Reise in's Berner Oberland an und traf in Interlaken – auf Judit, auf seine schwarze Sonne, wie er sie nannte. Aber sie liess kalt und stolz keinen Strahl auf ihn fallen. Sie übersah ihn bei jeder öffentlichen Begegnung, und als er ihr seinen Besuch machen wollte, nahm sie ihn nicht an. Dies war ganz genug, um seine Eitelkeit zugleich zu verwunden und zu befriedigen. Sie war verletzt, oder wenigstens beleidigt; folglich war er ihr nicht gleichgültig. Je frostiger sie sich zeigte, desto heftiger wurde der Reiz, eine Kälte zu überwinden, die nur der Schild vor ihrem Herzen war – wie er hoffte und wie Judit es ihn zuweilen, wie durch ein leises Wetterleuchten, ahnen liess. Noch in Interlaken, kaum drei Wochen seine Frau, sah Corona ihn in Judits Fesseln und sich selbst in der Vernachlässigung, welche fortan ihr Los blieb. Es könnte befremden, dass ein so oberflächlicher Charakter wie Orest, dem es hauptsächlich nur darum zu tun war, den Schaum vom Lebensbecher zu schlürfen, in eine solche verzehrende leidenschaft verfiel; aber einesteils war er sehr hartnäckig, wenn es galt, das, was er sein Glück nannte, zu verfolgen – wie es Jäger gibt, die auf der Jagd voll Feuereifer, übrigens aber ganz phlegmatisch sind – und anderenteils zeigt leider die traurige Erfahrung, dass nicht selten Menschen, welche in jedem geheiligten Verhältnis eine Last finden und eine Sklaverei sehen, durch unheilige Verhältnisse in ganz erstaunlicher Weise sich binden lassen. Es ist die natürliche Strafe ihrer Verkehrteit: sie wollten nicht die edle Freiheit ihres Willens üben, drum sind sie unfrei – und in einem solchen Grade, dass sie ihre Gefangenschaft für die rechtmässigste und natürlichste Sache von der Welt halten.
Corona war zu unerfahren und zu rein, um von diesen traurigen Verirrungen eine Vorstellung zu haben. Sie hatte, ohne die mindeste Neigung für Orest, dem Wunsche ihres Vaters, der Fügung Gottes gehorcht und, war je ein Traum von Liebe durch ihr junges Herz gezogen, so war es nicht Orest, der ihn hervorgerufen hatte. Aber sie reichte ihm mit dem festen Entschluss die Hand am Altar, dass sie ihn lieben wolle, wie es sich für eine christliche Ehefrau ziemt