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der Genfer See in Sonnenglanz und Farbenpracht funkelte und strahlte, hingen graue Wolken über den Odenwald; am Morgen lagen schwere Nebel auf den Tälern und am Abend sauste der Sturm durch die entlaubten Wälder und drehte kreischend die Wetterfahne des Schlossturms von Stamberg. Im Schloss herrschte tiefe Stille, kein laut war zu hören, keine Bewegung zu sehen, kein Gehen und Kommen von Dienern und Untergebenen wahrzunehmen. Kein Pferd stampfte im Stall, kein Hund spielte im Hof. Ein trübes Gestirn schien über dem Schloss zu walten, so dass sich seit den Tagen der Gräfin Juliane kein frisches Leben darin entfalten konnte. Und doch war es mit Luxus und Komfort eingerichtet! von der Eingangshalle bis zum Speisesaalund vom Salon bis zu den Zimmern für Gästeallüberall Behagen und Eleganz! die weichsten Teppiche, die bequemsten Polster, die ausgesuchtesten Möbel, um in behaglichster Weise zu sitzen, zu liegen, zu lesen, zu schreiben, zu essen, zu ruhenkurz, um dem Körper schlafend und wachend ein Nonplusultra des Wohlseins zu bereiten. Überdies arbeitete der Koch im weissen Baret und mit der weissen Schürze äusserst tätig in der Küche und der Haushofmeister sass mit der Feder in der Hand und führte Buch über den Inhalt des Weinkellers, und die Kastellanin wandelte mit einem Federwedel in der Hand durch die unbewohnten Gemächer, um sie zu lüften und von jedem Stäubchen zu befreien. Es war also nicht ausgestorben, das stattliche Schlossund doch so tot! denn es fehlte in diesen prächtigen Räumen das etwas, das Leben hervorruft: das häusliche Glück.

In einem runden Turmkabinet befand sich die Herrin des verzauberten SchlossesCorona Windeck, mit ihrer kleinen Tochter Felicitas. In diesem Gemach war Lebenja, gleichsam ein Brennpunkt alles Lebens: eine traurige Frau und ein fröhliches Kind. Das Kabinett war mit der höchsten Eleganz eingerichtet; die Wandtapeten, die Vorhänge vor den beiden Spitzbogenfenstern und vor der tür, der Möbelbezug, alles war dunkelblauer Damast. Die Tische und die in der Dicke der Mauer eingelassenen Wandschränkchen mit zierlichen gotischen Türen waren von der schönsten eingelegten Holzarbeit mit feinen Metallstreifen und Perlmutterverzierungen. In dem weissen Marmorkamin brannte ein munteres Feuer, und auf dessen Gesims stand eine Garnitur Vasen von Meissener Porzellan in Blau und Gold, unter einem prächtigen Spiegel. In dem einen Fenster stand Corona's Schreibtisch, ganz überladen mit den Millionen von Sächelchen, welche einen Schreibtisch höchst elegantund höchst unbequem zum Schreiben machen. Überdas hatte sie eine kleine Gemäldegallerie von Familienportraits, sehr schön in Aquarell ausgeführt, darauf eingerichtet. Im anderen Fenster stand ihr Stickrahmen und daneben auf besonderem Gestell zwei grosse chinesische Deckelkörbe voll Seide, Wolle, Garn, Stickmuster und allem, was die weiblichen arbeiten erfordern. Ein ganz niedriges Kindertischchen, mit Spielzeug und Bildern dermassen überladen, dass die Hälfte davon auf dem sammtweichen Teppich am Boden lag, verrietauch wenn sie beide nicht dagewesen wärendass Corona's Kabinett auch das Zimmer ihres Kindes sei. Sie sass am Schreibtisch und hielt einen Brief in der Hand, den sie überlas, um ihn zu beantworten. Aber es traten oft Tränen in ihre Augen und dann blickte sie über das Blatt hinweg mit namenloser Zärtlichkeit auf Felicitas. Zwischen den Fenstern stand ein breites Sopha, und auf demselben hatte sich die Kleine mit ihren Puppen häuslich niedergelassen und eingerichtet. So oft Corona's blick auf das Kind fiel, flog ein Sonnenstrahl über ihr Antlitz; allein er verschwand, wenn er wieder in den Brief fiel. Er war aus Genf und lautete:

"Da ich in diesen Tagen mit einigen lieben Freunden nach Genua gehen und dort Seebäder brauchen will, so leidet unser Reiseplan eine kleine Veränderung, liebe Corona. Ich kann unmöglich nach Stamberg zurückkehren, um Dich abzuholen, was ja auch ganz überflüssig ist, da Du an dem guten Papa einen besseren Reisemarschall hast, als an mir. Ich gehe von Genua direkt nach Rom, wahrscheinlich Ende November. Du wirst am besten tun, wenn Du Dich sogleich nach Windeck begibst, und wenn Ihr von dort aus die Reise nach Rom antretet, wie und wann es Euch genehm ist. Schreibt nur vorher an Hyazint, dass er Quartier mache, Piazza di Spagna, Via Condottioder da so herum. Lass Dir vom Rentmeister Geld geben, wenn Du es notwendig brauchst. Ich meine aber, der gute Papa könnte die sämtlichen Reisekosten zahlen. Kurz, möglichst wenig Geld lass Dir geben, denn ich gebrauche enorm viel. Ich habe mir ein paar superbe Reitpferde gekauft und will sie mitnehmen nach Genua und Rom. Du darfst auf keinen Fall einen Diener mitnehmen. Für die Reise genügt der des Papaund in Rom der meine. Adieu, gutes Kind! Befiehl im Stall, dass die Pallas nie über eine halbe Stunde täglich spazieren geführt werde, damit es sich erhole, – das pompöse Tier; und küsse Felicitas. Dein Orest."

So schrieb der Gatte dieser Frau und der Vater dieses Kindesimmer derselbe Orest von Jugend auf; nur fortschreitendaber auf s e i n e r Bahn; und immer rascher und gesteigerter, je fester er sie verfolgte. Ein Ruf vom Himmel zieht das Menschenherz aufwärts; die stimme des Erdgeistesabwärts. Die ersten Schritte nach beiden Richtungen hin gehen langsam, schwankend, mit Ungewissheit, ja mit Rückschritten sogar: der Zug zum Himmlischen lässt nach; der Zug zum Irdischen begegnet besseren Einflüssen. Die Kämpfe, welche