, wenn wir sie nur fassten, um unserem aufgeregten Gefühl eine momentane Befriedigung zu geben, und wenn sie mit unserer Erregung verschwinden würden! Nein! heute noch reise ich nach Rom ab."
"Unmöglich! Sie wissen, wie unentbehrlich Sie mir sind!"
"Ich weiss, dass Sie einen Musiker brauchen, ja! – doch hier nicht, denn hier ruhen Sie aus von Musik. Singen Sie dem Fürsten X., dem Marquis Y., dem Lord Z. die Skala vor, so brauchen Sie niemand zum Akkompagnement und die Herren sind ebenso entzückt, als hätten Sie die 'Casta dia' gesungen. Überdas kommen Sie ja auch bald und für den Winter nach Rom. Da hoffe ich Ihnen einen brauchbaren Musiker aufgefunden zu haben."
"Also auch in Rom wollen Sie nicht mit mir zusammen bleiben? Hindere denn ich Sie daran, ein guter Sohn zu sein? Oder überlassen Sie mich meiner Verdammung, nachdem Sie sich gerettet haben?"
"Ich muss m e i n e Seele retten, nicht die Ihre! das überlasse ich vollkommneren Menschen. Was aber Ihre Verdammung betrifft, so hoffe ich genau das Gegenteil! ich hoffe, dass Ihnen hienieden das Gnadenleben – und droben die ewige Herrlichkeit zu teil wird."
"Werden Sie für mich beten, Lelio?" fragte sie und reichte ihm die Hand. Er drückte sie herzlich und rief:
"Gewiss! ich – und Bessere als ich!"
"Nun, so beten Sie für mich, dass ich zu meinem Ziel komme und Gräfin Windeck werde."
Lelio schleuderte ihre Hand fort und sprang zurück, als habe ihn eine Natter gestochen, und rief heftig:
"Wissen Sie denn nicht, dass der Mann verheiratet ist."
"Ja, sehr unglücklich."
"Unglücklich oder glücklich, das gilt gleich! Sie werden doch nicht in ein Serail gehen wollen?"
"Signor Lelio, ich bitte, mässigen Sie Ihre Ausdrükke. Ich will Graf Windeck's rechtmässige Frau werden."
"Ganz richtig, Signora! dem Muhamedaner sind vier rechtmässige Frauen erlaubt; Sie müssen sich also mitsamt Graf Windeck zum Islam bekennen, wenn Sie ihn heiraten wollen – denn eine rechtmässige Frau hat er bereits."
"Haben Sie denn nie gehört, dass man unglückliche Ehen auflöst, um eine glücklichere zu schliessen?"
"Judit, Sie wissen nicht, was Sie sagen – nicht, was Sie anstiften!" rief Lelio mit dem Ausbruch tiefsten Schmerzes. "Ich ahnte wohl die leidenschaft des Grafen für Sie, doch nicht diese Wendung. O erbarmen Sie sich des Unglücklichen und treiben Sie ihn nicht zum Äussersten! Er kann Sie nur dann heiraten, wenn er abfällt vom Glauben und in eine sekte ausserhalb der Kirche, kalvinische, luterische, evangelische – was weiss ich, wie sie sich nennen! eintritt – und Sie, Judit, mit ihm."
"Wozu die enormen Anstalten, Lelio! bleibe er doch katolisch, wenn er es ist, der arme Orest. Dass ich getauft sein muss, um ihn zu heiraten, weiss ich. Europa's zivilisation steht noch auf einer so niedrigen Stufe, um die Giltigkeit der Ehe an eine so leere Ceremonie zu binden. Mir ist es aber gänzlich einerlei, nach welchem Ritus es geschieht, und ich kann ebenso gut katolisch als kalvinistisch oder luterisch mich nennen lassen."
"Ach, arme Judit, in welchem Wahn sind Sie befangen! Die katolische Kirche betrachtet die Ehe als einen unauflöslichen Bund, welcher der Gnadenordnung, nicht den Gelüsten der wandelbaren menschlichen natur angehört. Im Blut Jesu haben die Eheleute das Sakrament empfangen, sind sie verbunden zu einer Einheit, die nur der Tod scheidet. Dawider gibt es keinen menschlichen Richterspruch, und so lange Graf Windeck's Gemahlin lebt, ist eine Ehe mit einem anderen weib für ihn unmöglich."
"Die Sekten aber gestatten sie?"
"Ja! denn sie beruhen auf Irrlehren! und eine solche ist es, welche die Ehe ihres sakramentalischen Charakters beraubt, und gerade sie, welche mehr wie jedes andere menschliche Verhältnis des Beistandes der heiligmachenden Gnade bedarf, zu einem lockern Vertrag herabsetzt, über dessen Dauer der Rausch der leidenschaft entscheiden darf. Judit! Judit! den Bund der Ehe dürfen Sie nicht anrühren. Sie dürfen es nicht!"
"Also auf Wiedersehen in Rom!" sagte Judit abbrechend. "Reisen sie glücklich, lieber Lelio. Ich halte Sie keinen Augenblick zurück, denn ich sehe wohl, dass d e r Lelio, den ich vier Jahre lang gekannt habe, durch vier Wochen in Einsiedeln mir fremd geworden ist." "Und gerade jetzt möchte' ich bei Ihnen bleiben, möchte wachen und warnen...." – "Sie werden langweilig, Lelio! ich brauche keinen Mentor. Ich will jetzt noch einige Wochen Nachsommer in Genua oder Nizza geniessen; dann komme ich nach Rom. A rivederlo!" Sie winkte ihm freundlich mit der Hand zu und verliess das Zimmer. Lelio sah ihr traurig nach und seufzte heimlich: O die arme! sie stürzt in den Abgrund und reisst ihr Opfer mit sich hinab. Niemand geht allein in den Himmel, allein in die Hölle. Die Seelen hängen zusammen – im Abfall, in der Heiligung. Das erste Menschenpaar verwickelte die ganze Menschheit in den Sündenfall; Christus zieht die ganze Menschheit am Kreuz empor.
drei Jahre im Ehestand
Während