die Kanonen krachten und die Menge auf die Knie fiel und der Abt die beiden ersten Bewegungen mit der Monstranz machte. Und als er sie nach meiner Seite wendete und ich sie fest und kalt ins Auge fassen wollte, da ging von ihrem Mittelpunkt ein goldener Strahl aus – und der traf mich, war's in's Herz, auf die Stirn, im blick – ich weiss es nicht! genug, er traf mich besiegend. Meine Stirn sank zur Erde, meine Seele flog in den Himmel, ich lag im Staube und ich betete an."
"Was ist das, Lelio!" rief Judit gespannt und aufgeregt. "Was war das für ein Strahl?"
"Nichts Irdisches war's, Signora, nichts Materielles. Kein Blitzstrahl war es, und kein Spiel der Lichter auf den Diamanten der Monstranz. Aber auch eine Vision war es nicht, wie die Heiligen sie wohl haben; kein Flammenpfeil, wie er der heil. Terese das Herz durchbohrt und zu seraphischer Liebe entzündet ..."
"Nun denn," rief Judit beinahe heftig, "was war's?"
"Die Gnade war es, Signora!" sagte Lelio sanft. "Der Hebel war es, der seinen Stützpunkt im Herzen des Erlösers hat, und der ein elendes Menschenherz aus dem Abgrund der Sünde emporhebt."
"Das verstehe ich nicht," sagte Judit kalt.
"Ich prophezeihte es," erwiderte er lächelnd.
"Nun weiter!" rief sie.
"Ich bin zu Ende, Signora! ich habe in der ganzen Zeit Einsiedeln nicht verlassen, gründlich in meinem Gewissen aufgeräumt und komme nun, um meine Vorsätze auszuführen."
"Aber Ihre unbekannte Beterin werden Sie doch erkundschaftet haben?"
"O nein! die ist mir unbekannt geblieben. Komme ich aber einst in den Himmel, so werde' ich sie schon erkennen – unter den Heiligen oder zwischen den Engeln."
Das Geschlecht, welches "das schöne" und "das fromme" genannt wird, hat eine Eigenschaft, welche seine Schönheit und Frömmigkeit sehr beeinträchtigt: es verträgt nicht gut das Lob einer anderen Frau. Bei Judit, die nicht den mindesten Anspruch an Frömmigkeit machen konnte, wird es also nicht auffallen, dass sie von ihrer Höhe herab entgegnete:
"Nun was ist denn darin so grossartig, einen armseligen Menschen zu verachten, der uns beleidigen will? es fliegt Staub an den Saum unseres Kleides: wir schütteln ihn ab – und gehen weiter. Das ist doch eine allzu unbedeutende Handlung, um einen Pass in die Heimat der Engel zu erwirken."
Lelio machte eine lebhafte verneinende Geberde.
"Tag und Nacht!" rief er, "Himmel und Erde! Sie verachten den Menschen, der Sie beleidigt: heidnischer Stolz! die Unbekannte bittet ihn: Mein Sohn, bet' ein Ave für mich: katolische Demut!"
"Und gaben Sie sich gar keine Mühe, diesem Mirakelwesen auf die Spur zu kommen? Schade, dass es nicht ein Vierteljahrhundert jünger war!"
"Signora," sagte Lelio ernst, "dies verstehen Sie wirklich nicht."
"Und weshalb nicht, Signor Lelio?"
"Weil sich die Welt nach der Ordnung der Gnade Ihnen noch nicht erschlossen hat."
"Und was ist das für eine neue mystische Weltordnung, Signor Lelio?"
"Es ist die, in welcher die Liebe zu dem gekreuzigten Gott der Offenbarung des Menschen höchstes Gesetz und heiligste Richtschnur ist. Es ist die, in welcher der Mensch, erlöst von der Wucht seines Ichs und von dessen unerträglicher Sklaverei, in den freiwilligen Dienst der göttlichen Liebe tritt und dadurch ein Werkzeug Gottes wird."
"Und für ein solches halten Sie Ihre Unbekannte?"
"Allerdings, Signora. In der Gnadenwelt sind höhere Kräfte tätig, als in der natürlichen Welt, darum üben sie auch einen höheren Einfluss. Lebt und webt eine Seele in der Gnade, so gehen auch Gnadenwirkungen von ihr aus. Die höchste ist: eine Seele zu retten. Die Unbekannte hat den Grund zur Rettung meiner Seele gelegt; aber so recht wie ein unscheinbares Werkzeug Gottes: sie wusste es nicht, sie wollte es nicht. Sie übte nur einen kleinen Akt von Demut und Liebe – so klein, dass die Weisheit der Welt ihn nur beachtet, um ihn zu verachten; aber er war gottgefällig und darum folgte göttlicher Segen ihm nach. Ahnungslos hat sie meinem verhärteten Herzen den ersten Ruck zu seiner Bekehrung gegeben. Gottes Barmherzigkeit tat das Weitere. Jetzt muss ich das Meine tun."
"Was wird das sein!" rief Judit erwartungsvoll.
"Nicht wahr, den Montblanc in den Leman stürzen – oder eine neue Sonne entdecken – oder einen neuen Weltteil erobern – darauf sind Sie gefasst? Nein, teure Judit! ich gehe schlecht und recht zu meinen Eltern zurück, bitte sie um Verzeihung, dass ich so viele lange Jahre so bitter sie betrübt habe, und suche fortan ein guter Sohn zu sein, mit der festen Überzeugung, dass die wahre Befreiung Italiens sehr gefördert wird, wenn ein Italianissimo daran geht, sich vom Unglauben und von der eng damit zusammenhängenden hochmütigen Selbstsucht zu befreien."
"Wie, Lelio! Sie verlassen mich?" fragte Judit traurig.
"Stabat mater, teure Judit! Auch meine Mutter steht unter ihrem Kreuz und weint! – ach! um ihren verlorenen Sohn. Was wären Entschlüsse