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Ich weiss nicht, wie lange ich spielte. Ich schwamm, ich badete in diesen Melodien einer höheren Sphäre; ich durchwob sie mit meinen Phantasien, ich liess alle Verzweiflung der Erde und alles Wutgeheul der Hölle in sie hineingellen; aber nur um so mächtiger rauschten die Ströme himmlischer Harmonie auf sie herab, und wie ein stiller silberweisser Schwan zog das Stabat durch die tobende See und stellte das Kreuz immer fester, immer leuchtender auf ein zermalmtes Mutterherz.

Endlich kam ein dienender Bruder mit der Bemerkung, dass der Abend sinke, und dass ich doch ja nicht die Prozession versäumen möge, welche beginne, sobald es ganz dunkel sei. Ich riss mich mühsam von meiner Orgel los und eilte in's Freie. Ich hatte die Absicht, einsam auf den Bergen umher zu schweifen, um der langweiligen Prozession aus dem Wege zu gehen; da bemerkte ich Anstalten zu einer Beleuchtung und die Beleuchtung der St. Peterskirche in Rom, diese Wonne meiner Kindheit, fiel mir ein. Ich blieb, um zu sehen, ob hier etwa eine Nachahmung stattfinden solle. Je mehr die Nacht einbrach, desto mehr versammelte sich die Menschenmasse auf dem freien Platz. Er war zuletzt wie gepflastert mit Köpfen. Da ich etwas kurzer Statur bin, verwünschte ich hundertmal die langgewachsenen Söhne der Alpen, zwischen denen ich eingekeilt stand, und verfiel in eine höchst grimmige Stimmung über die stupide Neugier, welche so viel tausend Menschen hier zusammenführe, während ich vielleicht der einzige stupid Neugierige unter ihnen war. Endlich entstand in der Kirche eine grosse Bewegung; die Orgel erklang, die Kerzen auf allen Altären wurden angezündet, feierlicher Gesang ertönte, die Glocken huben an zu läuten, die Prozession setzte sich in Bewegung. Eine Doppelreihe von Mönchen und Geistlichen, jeder mit einer brennenden Kerze in der Hand, zog vom Hochaltar aus durch die Kirche, aus der tür, die Stufen hinab, um den Platz. Am Schluss der Doppelreihe ging der Abt unter einem Baldachin, von Weihrauchwolken umwogt, das Sanktissimum tragend. Als es ausserhalb der Kirche erschien, flammte über dem Portal ein koloslales Lichtkreuz und rings um den Platz, in gewissen Zwischenräumen, Bündel von fackeln auf, und im feierlichen Reigen wandelte die Prozession dahin. Wie die Wellen des roten Meeres sich teilten, um dem volk Israels Durchgang zu lassen: so wich die Menschenmasse und stand zu beiden Seiten wie eine Mauer, und kniete nieder, wenn die kleinen Glöckchen und die Weihrauchwolken sich näherten, und erhob sich wieder, wenn das Sanktissimum weiter zog. Ich aber kniete nicht nieder, sondern reckte mich so hoch ich konnte, und stand mit verschränkten Armen, Lorgnon vor dem Auge, Hut auf dem Kopf, in der vordersten Reihe kerzengerade, als sich das Sanktissimum meinem platz nahte und alles neben mir, hinter mir und gegenüber auf die Knie sank. Ich stand im stolzesten Bewusstsein meiner Würde und Freiheit; aber mein Hut fiel! ein ernster dunkeläugiger Tiroler nahm ihn mir ganz ruhig ab, mit dem Ausdruck eines Vaters, der seinem Bübchen zeigt, was schicklich sei. Ich riss ihm empört meinen Hut aus der grossen sehnigen Hand, die mit ungewöhnlicher Behendigkeit das Kreuzzeichen machte, und drängte mich, von Zorn gekräftigt, nach der anderen Seite des Platzes, wo man unfern der Kirche zum Behuf dieser Feierlichkeit einen Altar errichtet hatte, der wie ein Meteor im nächtlichen Dunkel aufstrahlte. Er war um viele Stufen erhöht und von einer säulengetragenen Kuppel überwölbt, und alle Umrisse des kleinen Gebäudes waren mit ungemein glänzenden Lampen, wie mit Schnüren von Diamanten eingefasst. Das Innere war ganz mit Blumen austapeziert und an der Hinterwand ein grosses transparentes Gemälde angebracht, jene Vision, die Johannes auf Patmos hatte: das wunderbare Weib mit den zwölf Sternen um das Haupt und der Mondessichel zu ihren Füssen. Nach diesem Altar zog die bewegliche Lichtlinie der Prozession.

Trotz meiner kritisierenden Stimmung fand ich das Schauspiel grossartig. Es war nichts zu sehen, als eine tiefdunkele, von einzelnen Lichtgruppen erleuchtete Erde: das Kreuz in der Höhe, Altar und Fackelbündel im Vorgrund, in der Tiefe des Bildes der Flecken Einsiedeln illuminiert von tausend Lichtleineiner kleinen Welt von Leuchtkäfern ähnlich. Die Menschenstill, ernst, gesammelt, ruhig auf einem Fleck, kein Gedränge, keine Schaulust, und doch zu tausenden beisammen. Im Hintergrund die gewaltigen Berge, die sich in ihrer Massenhaftigkeit ganz schwarz zum Nachtimmel erhoben. Dazu die grossartigen Stimmen, welche dem Bilde einen Ausdruck von Seelenleben gaben, Orgelklang, Chorgesang, Glockentonund über dem allen der starke Wind, der von den Gletschern kam und über den Wald sauste und die Spitzen der hohen Tannen umbog und mit ihren Ästen wie mit Fahnen wehte. Der Abt war zum Altare hinaufgestiegen und nun erklangen diese wunderbaren eucharistischen Hymnen, welche von den Heiligen geschaffen sind und vielleicht von den Engeln gesungen werden. Dann hob er hoch auf das goldene Haus, in welches die überhimmlische Dreifaltigkeit, verschleiert von der heiligen Hostie, sich herabgelassen hat, hielt es einige Augenblicke fest und hoch vor allem Volk und bewegte sich dann langsam, im Kreuzzeichen, segnend über die Menge. Alle Gebete waren verstummt; die Orgel schwieg; nur die Kanonen donnerten in den Choral der Glocken hinein; alle Stirnen senkten sich zu Boden; denn nicht der PriesterGott der Herr segnete sein Volk. Und ich? – o ich stand aufrecht, als der Abt die Monstranz erhob und hoch hielt und darzeigte; und stand aufrecht, als