mir selbst ab und sprach heimlich: Ich habe die Frau gekränkt; dafür will ich ihr den Gefallen tun und ein Ave Maria für sie sprechen. Auf diese Weise war halb und halb mein Verlangen befriedigt, halb und halb meine Ehre gerettet. Es gibt nichts Elenderes unter der Sonne, als ein Kompromiss mit der Wahrheit. Dann verliess ich die Kirche, begab mich in meine Herberge und suchte zu schlafen. Es ging aber nicht recht. Teils hielten mich wahre Gedankenstürme wach; teils störten mich die Pilger, die in neuen Scharen herbeikamen und ohne Obdach zu suchen geradesweges zur Kirche gingen und auf den Stufen gelagert, Rosenkranz und Litaneien beteten und geduldig harrten, bis sich um zwei Uhr Morgens die Türen öffneten und sie zum Teich Betesda der Seelen – zum Busssakrament eingehen liessen. Schlief ich aber ein paar Minuten, so war mir unaussprechlich wohl, denn das unbeschreibliche und unvergessliche Nachtgebet der Pilger säuselte über mich fort wie ein Wiegenlied. Um drei Uhr läuteten alle Glocken. Ich sprang so eilig auf, als dürfe ich keinen Moment des Festtages verlieren und eilte in die Kirche; nicht aus Andacht, aber wir Künstler lieben allerhand Emotionen, nicht wahr, Judit? Wie das aber zu gehen pflegt: sucht man sie, so findet man sie nicht. Um vier Uhr begann der Gottesdienst. Die ganze Kirche und alle Kapellen waren erleuchtet. Am Hochaltar feierte der Abt das heilige Messopfer und an den übrigen Altären die Mönche und fremde Geistliche. Dann wurde die heilige Kommunion ausgeteilt – an tausende und tausende. Zuweilen trat eine Pause in der heiligen Ausspendung ein. Dann flutete aber wieder ein Menschenstrom zum Tische des Herrn und wieder erschien der Priester und brach das Vrod des Lebens. Um zehn Uhr wurde ein prachtvolles Pontifikalamt celebriert und zwar vom Nuntius des Papstes – was mich denn wieder in meine allergiftigste Stimmung versetzte. Der alte schwache Priesterfürst in Rom hat seine Gesandten überall, bei Kirchenfürsten, bei weltlichen Fürsten und wie sie; und die Oberhäupter des ächten, des republikanischen Roms, ein Mazzini, ein Garibaldi, werden als Revolutionäre verbannt, gehasst und missachtet! Überdies missfiel mir die frohe Stimmung des Volkes, das sich nach dem Hochamt wie ein bunter, beweglicher, tausendsarbiger Teppich über den Platz und den Bergabhang und die Gassen hinzog. Und ach! was war das doch für eine unschuldige Fröhlichkeit! sie waren mit Gott ausgesöhnt, sie waren mit der Speise der Engel erquickt: nun lagerten sie sich traulich zusammen, die Familien, die Freunde, die Gemeinden – auf dem Rasen, um den Brunnen, in den Gaststuben, wo sie eben ein Plätzchen fanden – und genossen das Wenige, was sie mitgebracht hatten, oder was sie mit knapper Not sich kauften. Und wer etwas hatte, der teilte es mit dem Dürftigen und labte den Krüppel und den Armen. Wie hätten d i e nicht froh sein sollen! Da waren ja alle beisammen, die Christus auf Erden geliebt und denen er im Himmel die Seligkeit versprochen hat: die reinen Herzen, die Armen im Geist, die Leidtragenden, die Barmherzigen. Aber ich – ich gehörte nicht in das Reich dieser guten Kinder Gottes und deshalb grollte ich ihnen.
Um mich zu zerstreuen, geriet ich auf einen seltsamen Einfall. Ich ging in die Sakristei und bat um Erlaubnis, die Orgel spielen zu dürfen, da ja jetzt während einiger Stunden kein Gottesdienst stattfinde; ich sei ein Musiker aus Rom, und die Orgel mein eigentliches Fach. Sie wissen, Signora, dass dies die volle Wahrheit ist, dass meine Eltern mein Talent für die Kirchenmusik ausbilden liessen und dass sogenannte Freunde mich später in das Bühnenorchester und so weiter! und so weiter lockten! aber die Orgel blieb mein Lieblingsinstrument, und in Einsiedeln überfiel mich das Verlangen, sie zu spielen. Mein Wunsch wurde gewährt; doch mit kluger Vorsicht. Man kannte mich ja nicht! ich konnte ein Stümper sein oder ein Böswilliger, der durch schlechtes Orgelspiel die Andächtigen verletzte oder ärgerte. Man führte mich auf eine Orgelbühne, die zu einem Oratorium gehören mochte; und da fand ich ein herrliches Instrument. Ich war ganz allein, ganz ungestört. Durch die Fenster, die mehr als mannshoch vom Fussboden angebracht waren, schaute der reine Septemberhimmel wie ein tiefblaues Augenpaar auf mich herab. Ausserdem sah und hörte ich nichts von der ganzen Welt. Ich setzte mich an die Orgel. Die Anklänge des gestrigen Abends gingen mir noch durch die Seele. Ich entfesselte eine Welt von Tönen. Alle Klagen der Menschenbrust, vom Jammerschrei bis zum Todesseufzer rief ich wach und liess ihre Wogen steigen, wachsen, schwelen, bis sie mir selbst über dem Kopf zusammenschlugen und nicht ich mehr sie beherrschen konnte, sondern ein höherer Meister; und wer? Pergolese! an seinem himmlischen Stabat mater brach sich die steigende Flut. Erinnern Sie sich, Signora, wo Sie zuletzt das Stabat sangen und ich Ihren Gesang begleitete? In der letzten Charwoche war's, zu Paris, in der Kapelle der Klosterfrauen von Notre-Dame-deSion – da war's! da sangen Sie mit Ihrer Erzengelstimme, grossmütig wie immer, für den Zweck dieses Ordens: die Bekehrung der Juden in Jerusalem. Seitdem hatte ich nicht an das Stabat gedacht. Nun fiel es mir ein. Nun tauchte aus den Schmerzen einer Welt – das Kreuz auf, und alles irdische Wehegeschrei verstummte vor der übermenschlichen Klage eines Herzens, das unter dem Kreuze stand 'pertransivit gladius'.