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und kehrte in die Kirche zurück, als zur Vorfeier des festlichen Tages die Vesper begann. Die Menschenmasse war so gross, dass sich Kopf an Kopf und Schulter an Schulter drängte; doch kein profanes Wort wurde laut und keine profane Neugier gab sich kund. Ich fand gar keinen Stoff für meine Beobachtungen und horchte deshalb auf die Musik. Das Magnifikat wurde prachtvoll gesungen, mit einer Würde, einem Schwung, einer Ruhe, einem feierlichen Ernst, dass jedes Wort und jeder Ton wie Perlen in Gold gefasst dahin rollten und in mein Ohr fielen. Was das für eine seltsame Verheissung ist, dachte ich bei mir selbst: 'Die Mächtigen stösst er vom Stuhl und erhöhet die Niedrigen.' Sollte Gott wirklich mit den Republikanern gemeinsame Sache machen, die Fürsten und grossen Herren wegjagen und das Volk auf den Tron bringen wollen? Dann kämst du auch auf den Tron, Lelio! – Aber du hast schon deinen Tron, inwendig in dir! – Am Ende gehörst du zu Denen, welche gestürzt werden sollen, und die kleinen niedrigen Geschöpfe rings um dich her kämen dann in die Höhe! Ja, klein und niedrig von Gesinnung wie jene Frau, die zu dem bösen Buben, der sie zu beleidigen versucht, mild sagt: Mein Sohn, bete für mich! Solche kuriose Gedanken hatte ich bei dem Magnifikat. Nach der Komplet mit ihren wunderbaren Tönen, die wie Abendglocken zur Ruhe läuten, wurde es still in der Kirche und dämmernd. Die Kerzen erloschen. Vor dem Tabernakel hing eine Lampe mit dem ewigen Licht und vor dem Gnadenbild eine andere. Wie selige Gestirne flimmerten sie in die Schattenwelt hinein. Ein teil der Pilger hatte sich in die Gallerie begeben und umlagerte die Beichtstühle so massenhaft, so ausdauernd, wie unsereiner die Aspiranten zu einer anderen Gallerie vor der tür des Opernhauses zu sehen pflegtwenn Judit die Norma oder die Desdemona singt. In der Kirche, um die Beichtstühle, allüberall, Stillschweigen, Sammlung, Ruhe und keine andere Bewegung als die, welche durch das leise Kommen und Gehen vieler Menschen verursacht wird. Ich fragte einen Kirchendiener, der am Eingange ein paar Lichter anzündete, damit die Dunkelheit nicht überhand nehme, ob später noch irgend eine Zeremonie statt fände. Er verneinte es mit dem Zusatz, dass die Beichten bis Mitternacht fortdauerten und dass am anderen Morgen um vier Uhr die ersten Messen gelesen würden. Ich fing an mich zu langweilen. Ich hatte genug gesehen, gehört, mein Mütchen gekühlt; ich dachte an meinen Rückzug. Aber ich blieb wie eingewurzelt auf meinem Platz, denn es erhub sich plötzlich ein ganz eigentümliches Getön, flüsternd erst, wie das Laub im Winde, wie ein Bächlein, das über Kiesel und Moos behende fortrieselt; dann steigend, anschwellend, rauschend wie ein gewaltiger Sturmbrausend wie die Meeresbrandungunmelodisch und doch voll übernatürlicher Harmonieregellos, und doch zur übernatürlichen Einheit gesammelt. Es quoll aus allen Teilen der grossen Kirche hervor, aus den Stufen der Altäre; es stieg und sankund erhob sich wiedereine Flut, ein Orkan von Gebet, das aus dem Herzen und von den Lippen von zehntausend Pilgern kam. Jeder betete halblaut seine Gebete in seiner Sprache, weinend, klagend, frohlockend, flehend, angstaft, zuversichtlich, jammernd, lobpreisendder eine ein Pater, der andere ein Miserere, der dritte ein Salve Regina, der vierte ein De profundis, der fünfte ein Te Deum, der sechste ein Veni sancte. Und einige beteten mit ihren Tränen und andere mit ihren Seufzern und andere mit gebrochenen Worten: alle Leiden und Schmerzen, alle Nöten und Trübsale, alle Kämpfe und Qualen, alle Liebe und Hoffnung, welche über den Erdball ausgebreitet sind, drängten sich auf diesem einen Punkt der Erde zusammen, und schrieen auf in diesem einen ungeheuern, Mark und Bein erschütternden Akkord: es war der Geist der Menschheit, der sehnsüchtig an das Herz Gottes flüchtete. Es überfiel mich, ich weiss nicht was für ein Verlangen, einzustimmen in diese wunderbare Hymne der betenden Menschheit; aber ich verteidigte mich auf's äusserste und dachte an unsere Hymnen auf den Barrikaden, auf den Gassen, bei Volksbanketten, im Teater, bei unseren Orgien; was fangen die? Ja, was singen die! Blut, Mord, Lustgier, Wahn und Rausch. Ein namenloser Ekel wandelte mich an. Ich stiess sie fortmit dem Fuss. hinweg mit euch! ihr seid n i c h t die stimme eines höheren Geistes in der Menschheit; denn was ist euer Grundton? Trotz! – Trotz gegen Gott und seine Offenbarung. N e n n t ' s wie ihr wollt! .... aber das i s t s : Trotz gegen Gott und seine Offenbarung. Ihr seid gerichtet!! – – Judit, verstehen Sie mich?"

"Ich weiss nicht!" flüsterte sie. "Erzählen Sie weiter."

"Aber ich!" fuhr Lelio fort, "ich sollte einstimmen in die Hymnen des Gebetes zu Ehren eines menschgewordenen, eines gekreuzigten Gottes und Erlösers? ich glaubte ja nicht an ihn! Mein Glaube lag ja begraben unter jenen Disteln und Dornen, die mir das weisse Kleid der Gnade zerrissen hatten. Wer nicht glaubt, kann nicht beten! Da fiel mir die Frau mit dem schönen liebreichen blick ein und ihr Wort: Figlio mio, bete ein Ave Maria für mich! Nun schloss ich einen Kompromiss mit