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acht Jahren in Rom feierten, und weil diese Zusammenstellung nicht zum Vorteil unserer Bacchanalien war. Nun warf ich mich, um gegen alle milde Eindrücke hieb- und schussfest zu seinin die Frechheit. Das hab' ich schon oft mit Glück getan. Ich ging umher, Händ' in den Taschen, Cigarre im mund, Lorgnon in der Augenhöhleund sah mir die Leute an. Es waren wirklich kräftige Männer dabei. frische Burschen, hübsche junge Mädchen, – keineswegs lauter Krüppel, Greise und alte Hexen. Aber bei den jungen Mädchen dachte ich: Ah, ihr wollt hier um einen Ehegatten bitten; und bei den Jünglingen: und ihr um die Gunst eurer Liebsten; und bei den Männern: und ihr um das grosse Los, oder um den Tod eures verblühten Weibes; und Tagediebe seid ihr alle miteinander. Traf ich aber auf ein altes Weiblein oder einen müden Greis, die erschöpft von der Wallfahrt hastig und zerstreut einige Gebete murmelten, dann dachte' ich frohlockend: Ihr seid der echte und rechte Wallfahrertross! Euch grinst der Tod an; da erschreckt ihr und nennt die Freuden eurer JugendSünden. Und eure Feigheit lässt sich's weiss machen, dass ihr eurem Gott ein X für ein U machen und aus SündernHeilige werden könnt, wenn ihr gerade hier auf dieser Stätte fünfhundert Ave Maria murmelt. Ja, ja, ihr seid mir die Rechten. euch kennt man! In Gedanken von solcher Stupidität, solcher Bosheit und solcher Gemeinheit erging ich mich con amore. Endlich begab ich mich in die Kirche, die nach einer Feuersbrunst im vorigen Jahrhundert im reichsten, ornamentiertesten, italienischen Stil, mit einer Fülle von Gemälden, Statuen und Fresken gebaut und geschmückt ist. Meissel und Pinsel stellen durch Marmor und Farben die geschichte der Menschheit in jenen grossartigen Umrissen dar, welche aus dem Alten und dem Neuen Bunde geschöpft werden, und an den majestätischen Gewölben rollen sich die Geheimnisse des christentum und das Leben des Gottessohnes von Betlehem bis Kalvaria, dem himmelwärts gewendeten blick auf. Unfern vom Eingang, mitten im Hauptschiff, steht eine kleine offene Kapelle, deren Kuppel von schwarzen Marmorsäulen getragen wird. Unter der Kuppel steht über dem Altar eine schwärzliche Mutter-Gottesstatue mit dem Jesukinde. Goldene Strahlen bilden ihr den Hintergrund und vor ihr schwebt eine Lampe mit dem ewigen Licht. Mit meinem Lorgnon im Auge gaffte ich alles an, und zum Glück durfte ich mir, als Künstler, erlauben, diese ganze Schöpfung der christlichen Kunst zu bewundern. Dass sie ein Sprössling des christlichen Glaubens sei, liess ich bei Seite. Es waren viele Leute in der Kirche, aber es herrschte eine lautlose Stille. Die Meisten knieten um die Mutter Gottes-Kapelle herum, denn die kleine Statuette ist St. Meinard's uraltes Gnadenbild, und der Altar, über dem sie sich erhebt, ist derjenige, an welchem Bischof Konrad die himmlische Erscheinung wahrnahm. Dort ergiessen sich seit tausend Jahren die Menschenherzen in Gebet und Tränen; dortin wenden sich zuerst die Pilger. Ich aber, als ein Neugieriger, schlenderte auf und nieder in den breiten Schiffen der Kirche und besichtigte alle Seitenkapellen. In einer derselben kniete eine einsame Frau. Sie fiel mir auf, denn in ihrer edlen Haltung war etwas, das mich an meine Mutter erinnerte. Auch in deren Alter mochte sie sein; aber sie trug noch die Spuren einer so ausgezeichneten Schönheit, dass es mich verdross, solch ein edles Menschenbild in dem Verdummungsprozess des Rosenkranzgebetes zu sehen. Ich pflanzte mich seitswärts vom Altar, vor dem sie kniete, auf und starrte sie an."

"Aber Lelio, Sie sind unerträglich!" unterbrach ihn Judit. "Gönnen Sie doch den Leuten das Gebetbesonders den Frauen! Wer weiss, in welchen Schmerzen es die einsame Beterin getröstet hat."

Nein, Signora, das dürfen wir nicht dulden. Die Apostel des Lichts müssen Licht verbreiten und Finsternis erhellen! Ich nahm meine ganze Frechheit zusammen und sagte auf italienisch ganz laut zu der Beterin: Nicht wahr? du bist eine perfekte Magdalena? Sie schlug ein paar grosse, milde, müde Augen zu mir auf und sagte im reinsten Italienisch mit einem unaussprechlich friedlichen und sanften Lächeln: "Nicht in der Busse, mein Sohn! bete ein Ave Maria für mich." – Judit! mein Gefühl war ungefähr das von Don Juan, als die Marmorstatue des Komturs ein vernehmliches Ja! sagt; nur mischte sich in meinen Schreck eine grenzenlose Beschämung. Ich hätte mich unsichtbar machen und aus der Kapelle, aus der Kirche, aus ganz Einsiedeln verschwinden mögen. Ich fand mich auf dem freien Platz wieder, ohne Lorgnon vor dem Auge. Wie ich hinaus gekommen, weiss ich gar nicht! mir schien, alle Blicke müssten auf mich gerichtet gewesen sein."

"O wie gönne ich Ihnen die Beschämung!" rief Judit und klatschte in die hände. "Sie waren ja von einer ganz giftigen Insolenz."

"Es scheint, die heilige Atmosphäre habe die Macht gehabt, alle Herzen zu öffnen, und als das meine sich auftatsieh'! da kam Gift heraus! Und hätten Sie nur die Frau gesehen mit dem schönen blick und der schönen Sprache und wie sie so mild sagte: Figlio mio! so würden sie sich noch mehr meiner Beschämung freuen! In der frischen Luft und im heitern Sonnenschein, der die bunten bewegten Bilder glänzend umrahmte, kam ich wieder zu mir