Altar steht die Mutter Gottes von Strahlen umflossen, und vor dem Altare, bekleidet mit den hohenpriesterlichen Gewändern, bringt Christus der Herr das heilige Opfer dar. Die vier Evangelisten assistieren; St. Petrus hält den bischöflichen Hirtenstab, St. Gregorius die Mitra, St. Ambrosius bringt den Opferwein dar und St. Augustinus den Weihrauch; St. Stephanus liest die Epistel, St. Laurentius das Evangelium und Erzengel Michael, der Anführer der himmlischen Heerscharen, singt mit allen Engeln, welche Palmenzweige und Rauchfässer schwingen, das Offizium der Kirchweihe."
"Das ist ja wunderschön, Lelio! das sieht ja aus wie eine jener himmlischen Visionen, die Fra Angeliko gemalt hat!" rief Judit. "Nur schade, dass diese Arabeske die historische Wahrheit überwuchert!"
"Ich erfinde nichts! ich berichte nur die Tradition," erwiderte Lelio; "aber die Tradition bildet ein grosses und wahrhaftes Stück Weltistorie, denn sie fasst immer den Zusammenhang der natürlichen Weltordnung mit der übernatürlichen auf, ohne welchen Zusammenhang alle Wahrheit aus der Weltgeschichte verschwindet und sie zu einem öden Schattenspiel herabsinkt. – Bischof Konrad teilte dem Abt Eberhard am anderen Morgen die nächtliche Feierlichkeit mit und weigerte sich, die Einweihung der Kirche vorzunehmen. Aber man hielt ihn für einen frommen Visionär und bestand auf die Einweihung. Nachdem er lange umsonst Widerstand geleistet hatte, musste Konrad nachgeben und die Zeremonie sollte beginnen, als plötzlich eine stimme, die alle hörten und die allen unbekannt war, ihm zurief: 'Halt ein! sie ist geweiht.' Diese wunderbare Begebenheit erlebten tausende; die Zeitgenossen glaubten sie, die Tradition bewahrte sie, päpstliche Bullen bestätigten sie – und Einsiedeln wurde mehr und mehr eine Stätte, auf der es Gott gefiel, grosse Gnaden und ungewöhnliche Gebetserhörungen an die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria zu knüpfen. Kein Tag verging, der nicht Pilger nach Einsiedeln geführt hätte. In ungeheuren massen strömten sie herbei am Jahrestage des wunderbaren Ereignisses, das die Benennung 'die Engelweihe' empfing. Ohne recht zu wissen wie, war ich am Vorabend dieses festlichen Tages, der auf den 14 September fällt, zwischen Scharen von Wallfahrern nach Einsiedeln gelangt – ich, ein feuriger Jünger und Apostel der Offenbarung des neunzehnten Jahrhunderts, deren Glaubensbekenntnis für jeden einzelnen lautet: 'Es ist kein anderer Gott als Gott – und der bin Ich!' Glänzender Fortschritt gegen das Glaubensbekenntnis des Islams, welches auch sagt: Es ist kein anderer Gott, als Gott; aber dann ganz bescheiden hinzusetzt: Und Muhamed ist sein Prophet! also noch eine andere Autorität festsetzt, als die des Selbsterrschers Ich Aber Fortschritt muss sein, und da das erste Jahrhundert zum siebenten und das siebente zum neunzehnten fortgeschritten ist, kann die Menschheit doch unmöglich beim Glaubensbekenntnis der Apostel Christi und der Anhänger Muhamed's stehen bleiben. Darin sind wir ja längst übereingekommen, nicht wahr, Judit? Moyses, Solon, Confutse, Christus, Zoroaster, Muhamed – haben wir glücklich überwunden! Wir laborieren für den Augenblick ein wenig an Fourier, Proudhon und Brigham Young; aber das alles liegt doch schon in den letzten Zügen und nicht lange währt's, so herrscht in der fortschreitenden menschlichen Gesellschaft die absolute Subjektivität. Jeder sitzt auf dem Tron, den er sich selbst baut – trägt eine Krone, die er sich selbst flicht – empfängt den Kultus, den er sich selbst darbringt – lebt nach den Gelüsten seines Herzens, die natürlich ebenso erhaben sind, wie dies Herz es ist – und nebenbei wird Italien glückselig und Rom der Mittelpunkt der modernen Götterherrschaft."
"Diese und ähnliche Hochgefühle schwellten meine Brust, und im stolzen Bewusstsein meiner Würde und meiner Weisheit wanderte ich, wie ein verkappter Göttersohn, zwischen den armseligen und einfältigen Menschenkindern umher, die sich zu meinem Fortschritt nicht erschwangen und die sich wie eine Völkerwanderung über Einsiedeln ausgossen. In den verschiedensten Trachten, hier ländlich, da städtisch, dort national eigentümlich, wogten tausend Gruppen, in besonderer Färbung und geschiedener Originalität, zu einer Masse verschmolzen, durch die Gassen dem grossen freien Platz zu, wo sie sich sonderten und trennten, am Springbrunnen tranken, die Kaufläden besichtigten, am Bergesabhang sich lagerten oder die breiten Stufen zum Portal der Kirche hinanstiegen. Da waren Leute aus allen katolischen Kantonen und aus allen Nachbarländern der Schweiz: aus Oberbayern, Schwaben und dem badischen Oberland; aus dem Elsass und dem fernen Lotringen; aus Deutschland und Welschtirol. Da hört man italienisch, französisch, deutsch, romanisch in den verschiedensten Mundarten reden, und da sah man Gesichter und Trachten, die eine ebenso grosse Verschiedenheit der Sitten, der Gewohnheiten, der Lebensverhältnisse andeuteten. War es nicht sehr seltsam, dass so viel tausend Menschen aus allen Weltgegenden, von einem und demselben Gedanken bewogen, sich hier zusammenfanden in aller Stille, Ruhe und Ordnung! und was war es für ein Gedanke? wollten sie einen Karnevalszug sehen, – oder ein Pferderennen – oder die Eröffnung einer Eisenbahn – oder den Einzug einer Prinzessin? wollten sie Gold graben, wie in Kalifornien, oder Diamanten suchen, wie in Peru? – Ach nein! sie wollten hier beten. Keiner störte den anderen, keiner beeinträchtigte den anderen; keiner beobachtete den anderen; jeder war wie versunken in seine innere Welt, und alle waren in vollkommener Eintracht in der äusseren. Signora, ich muss gestehen, diese idealische Geistesverbrüderung frappierte mich ungemein, besonders weil sich mir gewisse patriotische Feste in's Gedächtnis drängten. die wir vor sechs,