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Zweig der Tätigkeit für diese demütigen Männer. Sie verlangten nicht die armselige Ehre, ihren Namen auf ein Manuskript verzeichnet zu sehen. Sie verlangten die Ehre Gottes, die durch alles gefördert wird, was den Menschen in seiner Erziehung für ein übernatürliches Zielich meine für ein solches, das ausserhalb der Grenzen dieses Erdballes liegtbilden hilft. So waren sie; so sind sie."

"Aber wer sind sie, diese Männer der grossen Taten und der demütigen Herzen?" rief Judit.

"Es sind Männer, die heutzutage verachtet, verhöhnt, verfolgt, verleumdet, angefeindet werden und über die ich, von der vollen Höhe meines Ichs herab, längst den Stab gebrochen und sie unwürdig erklärt habe, in der Lichtwelt unserer Tage zu existieren."

"Bester Lelio, Sie reden irre."

"Keineswegs, beste Judit! diese Männer sind ja Mönche! Mönche des Benediktinerordens."

"Es sind Mönche!" sagte Judit gedehnt. "Wie konnten sie dann doch so viel Gutes stiften?"

"O Du ächte Tochter Deiner Zeit!" rief Lelio. "Ja, sehen Sie, Judit: w e i l es Mönche sind, d e s h a l b stiften sie so viel Gutes. Es sind Jünger, es sind geistige Söhne von jenem Benedikt, den eine wundersame Liebe ergriff: die Liebe zu Gott; und Söhne erben die Neigungen und Eigenschaften ihrer Väterdas müssen Sie bedenken."

"Welch ein Erbe von Liebe für die Menschheit, um nach dreizehnhundert Jahren nicht erschöpft zu sein!" sagte Judit sinnend. "Warum gehen denn Ihre modernen Volksfreunde und Weltverbesserer nicht bei diesen Mönchen in die Schule, Lelio?"

"Das will ich Ihnen sagen: weil die modernen Apostel die Abtötung, die Verdemütigung und die Selbstverleugnung des Kreuzes ebenso sehr hassen und fliehen, als die Söhne Benedikts sie suchen und lieben; und weil ihre heilige und segensreiche Wirksamkeit ganz absichtslos unsere unheilige und verderbliche verdammt, deshalb verfolgen wir diejenigen, welchen wir nicht nachahmen wollen. – Dies ist aber alles nur die Einleitung, um zu sagen, dass Einsiedeln eine Benediktinerabtei ist, und die frommen Mönche jetzt, wie vor dreizehnhundert Jahren, Gott in dem nächsten dienen: sie beten für ihn, sie studieren für ihn, sie unterrichten ihn. Sie lichten keine Wälder und trocknen keine Sümpfe mehr; dafür aber lichten sie die Herzen und retten sie die Seelen aus dem Sumpf der Sünden. Einsiedeln empfing den Namen nach einem Einsiedler und nach der Mutter Gottes. Im neunten Jahrhundert floh Meinrad, ein schwäbischer Grafensohn, in diese Waldeswildnis, an den Rand dieser Quelle. Nichts nahm er mit von den Schätzen seines Hauses, als eine kleine Muttergottesstatue, vor welcher er seine Gebete verrichtete. Er übte gegen sich selbst, nach Art der Heiligen, unerbittliche Bussstrenge, und gegen andere, welche bei ihm Rat und Trost in ihren Drangsalen suchten, liebevolle Barmherzigkeit. Himmlische Erleuchtungen wurden ihm zu teil; er wendete sie an, um das Reich Gottes in den Seelen zu fördern. Böse Buben haben zu keiner Zeit, nicht im ersten, nicht im neunten, nicht im neunzehnten Jahrhundert, die Heiligen geliebt. Böse Buben erschlugen Meinrad, der sie gastfreundlich beherbergt hatte. Die Legendediese poetische Arabeske um ein historisches Gemäldeberichtet: zwei Raben, die gefährten Meinrad's in der Einöde, wären den Mördern auf Schritt und Tritt mit wütendem Geschrei und wilden Flügelschlägen durch Berg und Tal, über den See bis in ein Gastaus der Stadt Zürich nachgeflogen; und dadurch sei die Missetat entdeckt worden. Das Gastaus heisst bis zur Stunde zu den beiden Raben, und die Abtei hat sie in ihr Wappen aufgenommen. Meinrad's Zelle mit dem Muttergottesbilde blieben in hoher Verehrung und andächtige Menschen kamen von nah und fern, um auf der Stätte zu beten, wo er so viel gebetet hatte, und um in geistiger Gemeinschaft mit ihm und mit allen Seligen, unter denen die allerseligste Jungfrau Maria obenan steht, um Gottes Gnade zu weinen und zu flehen, und für Gottes Barmherzigkeit zu preisen und zu danken. So wurde die Meinradszelle ein vielbesuchter Wallfahrtsort, wo auf Fürbitte des Heiligen und der Muttergottes grosse Gebetserhörungen stattfanden. Bald fand sich ein frommer und reicher Mann, der sein ganzes Vermögen dazu verwendete, den geistigen Bedürfnissen der Pilger entgegen zu kommen. Er kaufte diesen Landstrich, baute Meinrad's Zelle zum Kloster, Meinrad's Oratorium mit dem Muttergottesbild zu einer Kirche aus, fand gottselige Genossen, welche bereit waren, den Seelen zu dienen, nahm mit ihnen die Benediktinerordensregel an, und nannte das Kloster von Unserer Lieben Frau zu Einsiedeln, woraus denn der gegenwärtige Name entstanden ist. Dieser Mann hiess Eberhard und wurde der erste Abt des Klosters. Als der Bau vollendet war, bat Eberhard den Bischof Konrad von Konstanz, die feierliche Einweihung der Kirche vorzunehmen und die Stätte zu segnen, wo fortan die göttlichen Geheimnisse des Glaubens vollzogen werden sollten. Bischof Konrad kam und brachte die Nacht vor der grossen Zeremonie mit Gebet und Wachen hin. Plötzlich hört er einen wundersüssen Psalmengesang, der aus der Kirche zu kommen scheint. Er horcht, er verlässt seine Zelle; der Gesang dauert fort. Er eilt zur Kirche, öffnet die türein Meer von Licht flutet ihm entgegen und in diesem Licht sieht er Gestalten, welche freilich unsere trüben, von irdischen Bildern verdunkelten Augen nicht wahrnehmen können. Auf dem festlich erleuchteten