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ernsten Ausdruck, dass auch sie unwillkürlich ganz ernst wurde.

"Vor dreizehnhundert Jahren lebte ein Jüngling, der hiess Benedikt, und der wurde von einer ganz wundersamen Liebe ergriffenvon einer Liebe, welche die Welt nicht begreift, weil sie nicht mit Fleisch und Blut zusammenhängtvon der Liebe zu Gott, zu dem menschgewordenen, leidenvollen, gekreuzigten Gott der christlichen Offenbarung. Er war jung und von hoher Geburt; aber er vergrub seine Jugend und ihre Ansprüche in einer Felsenhöhledenn von einer ganz anderen Höhe stieg der Herr des himmels und der Erde in die Felsenhöhle von Betlehem hinab. Weil der Gegenstand seiner Liebe ein gekreuzigtes Leben führte, wollte Benedikt es nicht anders haben. Das ist Urgesetz der Liebe: alles teilen mit dem Geliebten, ähnlich sein dem Geliebten, um unzertrennlich zu sein vom Geliebten! Das begreift jedes Herz; das stellt auch die griechische Myte lieblich und tiefsinnig in den Brüdern Castor und Pollux dar. Pollux war ein Göttersohn, Castor der Sohn eines Sterblichen, und als nun Castor sterben musste und, gemäss dem Menschenschicksal, in den Orcus versinken sollte, da erklärte Pollux, der unsterbliche, er wolle zeitweise mit seinem geliebten Bruder in der Unterwelt weilen; dafür solle dieser dann zeitweise die Wonnen des Olymps mit ihm teilen. Das ist Liebe. Die Griechen dichteten von ihr; Christus übte sie; aberda er Gott war, so übte er sie als Gott, immer und für alle. Auch darin suchte Benedikt ihm ähnlich zu werden und die Ströme der Liebe, welche sich in seinem für die Irdischkeit abgestorbenen Herzen angesammelt hatten, für die Menschen, seine Brüder, auszugiessen. Was braucht der Mensch zu seinem Glück? – die richtige Erkenntnis Gottes. Sie ist der klare Born, aus dem der Trunk der Ruhe geschöpft wird, d e r Ruhe, die über alle Unruhe der Welt tröstend hinweghilft. Die richtige Erkenntnis Gottes wollte Benedikt in der Menschheit fördern, das Apostelamt fortsetzen und ausbreiten. Es sammelten sich gleichgesinnte Männer zu ihm, um ihren guten Willen an seiner höheren Erleuchtung und Kraft zu stärken, um durch Gemeinschaft ihre Unvollkommenheit zu ergänzen. Benedikt lehrte sie zuerst, die sinnliche natur zu besiegen durch Selbstverleugnung, Gebet und Arbeit; und dann dem nächsten zu dienen, wie Gott es fügen würde. Und Gott nahm grosse Dienste von diesen Männern aus Benedikts Schule an! Was Europa von Kultur und zivilisation besitzt, hat es ihnen zu danken. Sie drangen aus Italien immer weiter gegen Norden; sie hielten in der vielfach vermorschten, und mit dem Christentum häufig nur übertünchten, römischen Gesittung das christliche Ideal aufrecht und zündeten wie auf einem Leuchtturm das Licht an, das ein Signal der Rettung für alle war, welche zwischen den Wellen und Stürmen jener unter- und aufgehenden Zeit gefährlich schifften. Sie zogen zu den barbarischen Völkern Galliens und Germaniens und weiter noch, über Nordund Ostsee, predigten das Evangelium, siedelten sich an unter dem rauhen Himmel, in weiter, wilder Ferne von ihrer Heimat und ihrer Sprache, unter fremden Menschen, von denen sie gehasst, verfolgt, gemartert, gemordet wurden; und zum Dank dafür brachten sie diesen barbarischen Horden nicht nur das Licht, sondern auch die Liebe des christlichen Glaubens und machten ihnen das zeitliche Leben leicht, nachdem sie ihnen das ewige Leben gerettet hatten. Die Glaubensboten wurden Holzschläger, Ackersleute, Handwerker. Sie rodeten Wälder aus, sie legten Sümpfe trokken, sie bebauten das Feld, sie trieben Gartenbau, sie pflanzten den Weinstock; sie führten Kapellen und Kirchen auf, daneben enge Räumlichkeiten zu ihrer wohnung, und grössere, um Kinder und Jünglinge aufzunehmen, zu unterrichten und auszubilden. Sie wussten Männer herbeizuziehen, von Jagd- und Kriegszügen abwendig zu machen und für das gesittete Leben des Feldbaues und des Handwerkes zu gewinnen. Diese siedelten sich auf den urbar gemachten Stätten rings um die Kirche an, bildeten Familien und die Familien bildeten eine christliche Gemeinde; so entstanden Dörfer, dann Städte. Das ging nicht schnell, das währte Jahrhunderte; aber Benedikts Schüler waren nicht ungeduldig, denn sie wirkten nicht, um sich an ihren Erfolgen zu freuen, sondern um das Werk Gottes unter den Menschen fortzusetzen: 'Pertransivit benefaciendo.' Eine ihrer Generationen starb nach der anderen, und eine Generation übertrug die Fortsetzung dieses Werkes der anderen; sie lehrten und lebten das Evangelium. Je wilder die zeiten wurden, je trüber die Gährung brodelte, die bei dem Untergang und der Neubildung grosser Epochen die Menschheit zerwühlt, je feindlicher äussere Stürme, Fehden, Kriege, barbarische Invasionen, räuberische Einfälle die Keime der christlichen Kultur mit Untergang bedrohten, und alle Bildung, alles geistige Leben in den Nöten und Drangsalen des Augenblikkes begruben, um so eifriger waren Benedikts Schüler, das Werk der Finsternis zu hemmen und der Zerstörung des geistigen Lebens der Völker ein Bollwerk zu setzen. Immer grösser, zahlreicher, umfassender wurden ihre Bildungsanstalten für die Jugend. Das zarte Knäblein fand bei ihnen die Pflege der Mutterliebe; der wissbegierige Jüngling die Lehre der Wissenschaft; der weltentfremdete Sinn die Meister in der erhabenen Ascese, der höchsten Blüte des Menschengeistes. In ihrem gemeinschaftlichen Leben unter einem Dach, spärlich genährt, einfach gekleidet, waren ihre persönlichen Bedürfnisse gering. Alle Mittel, welche dem Notleidenden, dem Kranken, dem Reisenden, dem Pilger nicht zuflossen, wurden darauf verwendet, Biblioteken von Manuskripten anzulegen, und diese zu erhalten, zu vervollständigen, abzuschreiben, mit unsäglicher Mühe zu entziffern, bildete einen grossen