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heftigen Stoss einer Revolutions-Bewegung das wankende Gebäude über den Haufen zu werfen und darauf den Neubau der gesellschaftlichen Ordnung nach dem Programm: Völkerfreiheit! Geistesfreiheit! auszuführen. Hierin stimmen alle Männer der Zukunft überein. Dies ist Plan und Ziel aller geheimen Bünde, mögen sie Carbonari, Illuminaten, Freimaurer, Italianissimi oder sonst wie heissen. Was nun jeder einzelne unter Völker-, Geister-, Gewissens- und sonstiger Freiheit versteht, wie weit er sie verallgemeinert, wie gross er ihr den Spielraum lässtdas ist seine Sache und hängt mit seiner Persönlichkeit und seiner Spezialität zusammen und man gönnt es ihm, insofern das bundesgemeinsame Wirken nicht dadurch beeinträchtigt und gehemmt wird. Wir Italianissimi wollen die zeiten der alten Roma wieder habendie zeiten der Republik, mit ihren Volkstribunen, ihren Grosstaten und ihrer Besiegung aller Kartaginensischen Nebenbuhler um die Welterrschaft."

"Ich weiss es," unterbrach ihn Judit; "Sie haben sich oft mit höchster Begeisterung über diese Gestaltung der Zukunft gegen mich ausgesprochen, und da ich nun einmal glaube, dass jeder Mensch seine fixe idee, seine Chimäre, seine Marotte hat: so hab' ich mich über die Ihre nicht weiter gewundert. Ginge ich aber nicht von einer allgemeinen, einer Ur-Marotte aus, so würde ich Sie für verrückt halten müssen, denn kein vernünftiger Mensch unternimmt es in Wirklichkeit, die Weltgeschichte um zwei bis drei Jahrtausende zurück zu schleudern. Ich bitte Sie, was fangen Leute unseres Schlages in Ihrer altrömischen Republik an! Wir müssen uns für die Göttin Roma schlachten lassen, sonst kommen wir um vor Hunger und Beides wäre nicht nach meinem Geschmack."

"Ich weiss nicht," fuhr Lelio lächelnd fort, "soll ich es dem ernüchternden Einfluss Ihres Umganges, Signora, oder irgend einem feindlichen Gestirn zuschreiben, genug, ich fand im Kreise meiner Freunde und Bundesbrüder nicht die Begeisterung früherer Tage. Manche Ansicht kam mir hohl vor, mancher Weg schief, manche Teorie unhaltbar, mancher Plan unausführbar. Disharmonien innerer Widersprüche gellten mir in die Ohren, und Dissonanzen mit Wahrheit und Recht wollten sich durchaus nicht lösen lassen. Ich fühlte mich etwas verstimmt, etwas ernüchtert, etwas abgekühltund um wieder in meinen Freiheitsschwung zu kommen, beschloss ich, von dem hyperkultivierten Leman, wo nichts mich an die altrömische Republik erinnerte, an den Vierwaldstättersee zu gehen. Ich tat es! aber! aber! – auch die kleinen Kantons, die Urschweiz, die Wiege der schweizerischen Freiheitsie wollten mir nicht gefallen. Diese Löwenkühnheit in der Verteidigung ihrer politischen Unabhängigkeit gegen fremde herrschaft, von den Tagen ihres ersten Bündnisses bis zu den Tagen der französischen Republikals die Weiber von Schwyz die Kanonen herbeizogen, um die Männer im Kampfe gegen die Franzosen zu unterstützen; und dagegen diese hündische Treue, einem Ludwig XVI. den Fahneneid zu halten, auf der Seite eines Königs w i d e r ein Volk zu stehen...." –

"Lelio!" fuhr Judit heftig auf, "fühlen Sie nicht, dass Sie sich ein Brandmal auf Stirn und Herz durch Verachtung des Fahneneides drücken?"

"Ich fühlte es nicht!" erwiderte er gelassen und fuhr fort: "Und dagegen diese mehr als hündische Unterwürfigkeit vor einer Religion, welche die heftigste Gegnerin aller Freiheit ist und von ihrem ersten Anbeginn das edelste und beste, was der Mensch hat: die Freiheit seines Willensnicht sowohl in Ketten, als in Windeln legte: ich konnte einen so schreienden Widerspruch nicht begreifen und kaum ertragen. Als ich vom Rigi herabsteigend das grüne Alpenland des Kantons Schwyz durchwanderte, fand ich nach und nach eine Menge von Reisegefährten, Männer und Weiber, die mit einem Bündel auf dem rücken, mit bestaubten Schuhen, manche mit der Perlenschnur des Rosenkranzes in der Hand, andere auf einen Stab sich stützend, des Weges zogen. Einige gingen in grösseren Scharen, einige in kleinen Häuflein, bekümmerten sich weder um die Gegend, noch um Reisebegebenheiten, beteten Litaneien und Rosenkranz und knieten oftmals vor den Kruzifixen nieder, welche dort so häufig sind, dass sie naturwüchsig zu sein scheinen. Fragte ich den einen oder anderen: 'Wohin des Weges?' – so antwortete jeder: 'Nach Einsiedeln, zur Engelweihe.' – Ha! dachte' ich, das kommt dir gerade recht! da gehst du auch hin und schaust dir einen Aufzug der Farce mit an, welche von der katolischen Kirche zum besten der leichtgläubigen Menschheit aufgeführt wird. Ich ging noch über ein paar Berge und durch eine Strecke grünen stillen Hirtenlandesdann durch einen grossen Flecken, dessen Häuser von aussen förmlich mit Wirtshausschildern tapeziert sindund war in Einsiedeln. Im Hintergrund des weiten Tales, gelehnt an einen mächtigen, mit Schwarzwald bedeckten Bergrücken, erhebt sich das grossartige, majestätische Kloster, das mit seiner von zwei Türmen überragten Kirche zwischen zwei langen Seitenflügeln ein stattliches Gebäude im Stil des vorigen Jahrhunderts bildet und von den Häusern des Fleckens durch einen grossen freien Platz abgesondert ist. In der Mitte desselben steht eine Muttergottesstatue auf einem Springbrunnen, der beständig in zwölf Strahlen wasser speit und rings herum liegen kleine unansehnliche Boutiken, in denen Kruzifixe, Medaillen, Rosenkränze, Heiligenbildchen und dergleichen Gegenstände, welche die Andacht liebt, feilgehalten werden. Verstehen Sie mich, Signora?" fragte Lelio, plötzlich abbrechend.

Halb mit leisem Lächeln, halb mit leichtem Achselzucken neigte Judit bejahend ihr schönes Hauptund Lelio fuhr fort: doch mit so verändertem