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ich werden. Ja, ich will in den Kreis dieser Hochgeborenen hinein; aber nicht als die berühmte Sängerin, der sie eine Ehre zu erzeigen meinen, wenn sie ihr ein paar bewundernde Worte zuwerfen und die sie als eine exotische Merkwürdigkeit, für die Dauer einer Soiree, in ihrem Salon aufweisen möchten, um am anderen Abend mit leichtem Augenblinzeln hinter Fächer und Lorgnette über sie hinweg zu sehen. O man kennt diese Hochgeborenen! Und gerade in ihrem Kreise will ich Platz nehmen, gerade zu ihnen will ich gehören, als ihresgleichen will ich durchs Leben gehen. Dies gehört nicht zu den Vorsätzen von Cintra! die sind erreicht und abgetan. Dies ist ein neuer Vorsatz: noch ein paar Jahre, höchstens, meines glanzvollen Kunstlebens und dann mitten aus dem Glanz der Öffentlichkeit in ein glänzendes Privatleben. Sphynx meiner Zukunft, ist das dein Rätsel? und wird dessen Lösung mir besser Stich und Farbe halten, als der Erfolg meiner Pläne von Cintra? – Da flog ihr durch's Gedächtnis, dass sie vor wenigen Stunden zu Orest gesagt hatte: auf jede Erfüllung eines ersehnten Glückes falle ein Todesschatten von Endlichkeit. Sie schauerte in sich selbst zusammen und strich das Haar von der Stirn, als ob sie die quälenden Gedanken verscheuchen wolle und blickte über den See hinweg, einen Gegenstand suchend, der wenigstens ihr Auge fesseln möge. Da fuhr der Nachtwind auf und blätterte im Osten das Gewölk auseinander, das wie eine silbergraue Rose über das Gebirg herauf schwebte und sanft sich öffnete und immer tiefer unter der aus ihr aufsteigenden Mondessichel zurücksank. Und mit dem vollen Glockenton ihrer goldenen stimme hub Judit zu singen an: "O casta dia;" und niemand blickte in ihr Auge, als das melancholische Licht des Mondes im letzten Viertelund niemand begleitete ihren Gesang, als die leise plätschernden Wellen des Genferseesund einsam stand sie da, wie der Genius dieser nächtlichen natur, der an die Schatten gebannt ist und die Flügel zu regen sucht, um ihnen zu entfliehen und immer tiefer und tiefer in sie zurücksinkt und sich sehnt nach Erlösung.

Lelio

Am anderen Morgen befahl Judit, dass ihre Tür bis zum Abend für jedermann verschlossen bleibe. Sie wollte mit Lelio sprechen, den Grund seiner befremdend langen Abwesenheit erfahren und ihm sein Benehmen des vorigen Abends verweisen. Lelio erschien auf ihr Begehrenein kleiner schwarzer lebhafter Italiener, mit feurigen römischen Augen und mit der vollkommensten italienischen desinvolturaein Wort, welches in deutscher Sprache nicht wiederzugeben ist, wahrscheinlich deshalb, weil der Deutsche die Sache selbst nicht hat. Man könnte etwa sagen: zwangloses Benehmenvorausgesetzt, dass sich keine brutale, bengelhafte Schattierung in diese Zwanglosigkeit mische.

"Nun, Signor Lelio, sind Sie von den Toten auferstanden!" rief ihm Judit entgegen und reichte ihm freundlich die Hand zum Willkommen.

"Ecco, das ist's! just was Sie sagen!" rief Lelio vergnügt und schüttelte ihre Hand.

"Waren Sie wirklich lebensgefährlich krank?"

"Oh!" sagte Lelio mit einem Ausdruck, als fände er keine Worte für seine Gefahr und mit einer Geberde namenlosen Entsetzens.

"Ich bitte, Lelio, erzählen Sie mir Ihre Reiseabenteuer nicht bloss durch Seufzer und Geberden, sondern recht ausführlich. Sie wissen ja, wie viel Anteil ich an Ihnen nehme."

"Ich weiss es, Signora, und ich will Ihnen gern alles erzählen. Nur fürchte ich zwei Dinge."

"Und die wären?"

"Erstens: von meiner Seite, Mangel an Worten; – zweitens: von Ihrer Seite, Mangel an Verständnis."

"Das ist freilich übel," entgegnete Judit lächelnd, "denn damit fehlt auf beiden Seiten die Hauptsache! aber fangen Sie nur an! wir wollen uns Mühe geben."

"O Judit, teure Signora! denken Sie an Petrarca, der einst klagte: 'Non ti conosco il mondo, mentre ti ha!'6 und doch nur von der Laura, von einem sterblichen weib sprach!"

"Aber, guter Lelio, es wird Ihnen doch nicht eine Unsterbliche begegnet sein?"

"O Judit, das Göttliche ist in der Welt und die Welt kennt es nicht und verachtet es und geht vorüber zu ihren Festen, die nach Moder duften; zu ihren Freuden, die nach Moder schmecken; zu ihren Klügeleien, die um Moder sich bewegen; zu ihren Bestrebungen, die in Moder untergehen."

"Sehen Sie, Lelio, das verstehe ich sehr gut!" warf Judit mit einem schwermütigen Lächeln ein und legte sinnend ihre Stirn in die aufgestützte Hand.

"Es mögen wohl schon sechs Wochen sein," fuhr Lelio fort, "denn wir waren noch in Venedig und Sie hatten noch eine Reihe von Vorstellungen in der Fenice zu gebenda bat ich Sie um einen monat Urlaub. Ich wollte in der Schweiz eine Zusammenkunft mit politischen Gesinnungsgenossen haben und dann nach Regensburg gehen, um den Gregorianischen Kirchengesang in Deutschland kennen zu lernen, der am dortigen Dom am tüchtigsten ausgeführt werden soll. Ich reiste ab. Ich fand meine Freunde in Genf ganz in unserer Art und Weise beschäftigt, Systeme zu ersinnen, Teorien zu verbreiten, Verbindungen zu schliessen, Faden anzuknüpfen, Lehren zu predigen, Taten auszuführen, Adepten zu gewinnenalles zu dem e i n e n Zweck: die bestehende gesellschaftliche Ordnung von ihrer Basis und aus ihren Fugen zu drängen, um dann, in einem günstigen Augenblick, durch den