Zusage: Alles für alles – so antwortet, der versteht sich nicht auf die Liebe des Weibes, überhaupt nicht auf die Liebe des Herzens – und eine andere mag ich nicht! – Damals sprach ich Ihnen unumwunden meine Verachtung aus und stieg bei Ihnen im Preise, als Sie erkannten, dass ich so leichten Kaufes nicht zu gewinnen sei. Sie wurden erzürnt, gekränkt, Sie gaben Ihre Liebesversicherungen nicht auf und sprachen viel vom Drang der Umstände und von schuldiger Berücksichtigung der Familienverhältnisse – was mich natürlich nicht im mindesten von Ihrer Liebe zu mir überzeugen konnte. All' die heftigen Szenen, all' die bitteren Vorwürfe, welche ich Ihnen hätte machen können, machten Sie mir unter dem Vorwand Ihrer glühenden leidenschaft – was mich natürlich, als eine armselige Komödie, sehr langweilte. Und so trennten wir uns, wie ich glaubte – auf immer! Aber Sie kamen wieder, Sie suchten mich von neuem auf, Sie drängten sich an mich; meine Kälte, meine Gleichgültigkeit stiess Sie nicht zurück; Sie behaupteten, nicht von mir lassen zu können – und dies haben Sie allerdings bewiesen, denn seit drei Jahren sind Sie, bald nach längeren, bald nach kürzeren Pausen, nach Paris, nach der Insel Wight und wieder nach Paris mir gefolgt. Diese Beharrlichkeit würde mich rühren und ich könnte sie wohl als einen Beweis von aufrichtiger Liebe betrachten, wenn ich nicht wüsste, dass versagtes Glück reizender für das Menschenherz ist, als erlangtes; denn um die Hoffnung schwebt stets ein Abglanz von der Unendlichkeit und auf der Erfüllung liegt stets ein Schatten des Todes – die Endlichkeit. So sind Sie nicht allein; so ist der Mensch, so ist sein melancholisches Schicksal. Aber weil ich das weiss, so betrachte ich die Extravaganzen Ihrer leidenschaft und Ihr Beharren bei derselben auch noch nicht als die wahre Liebe. Die muss sich aussprechen in einer Tat, einer entscheidenden lebenumfassenden Tat; und deshalb sage ich heute, wie damals: Alles für alles. Nur sage ich es jetzt mit noch grösserer Entschiedenheit, denn Sie sind mir jetzt eine Ehren erklärung für die tötliche Beleidigung schuldig, eine frivole Liebelei bei mir gesucht zu haben."
"Das hab' ich nie!" rief Orest und liess die hände sinken, mit denen er, so lange Judit sprach, sein Gesicht bedeckt hatte. "Das nie! ich habe immer gefühlt, dass Sie die Herrin meines Schicksals sein würden und habe niemals begehrt, den Zauberbann zu lösen, der mich an Sie fesselte. Zu Ihren Vorwürfen, dass ich mich mit meiner Cousine vermählte, muss ich schweigen – denn ich hab' es getan! ich wusste, dass mein Glück in dieser Ehe nicht liege – und ging sie dennoch ein. Ich war ein leichtsinniger Tor, der sich von den Verhältnissen überrumpeln liess, oder besser gesagt, der vor ihnen erlag. Sie haben keine Ahnung davon, was das ist: die Familientradition, dies Forterben des Standes, des Namens, des Vermögens, der Erinnerungen, der Wirksamkeit, von einem Geschlecht auf das andere. Sie ist so mächtig, dass ich mich ihr gegenüber gefangen und wehrlos fühlte."
"Kann sein!" erwiderte Judit. "Indessen mag doch auch die Schönheit der Gräfin Windeck diese Gefangenschaft nicht reizlos gemacht haben."
"Eifersucht, Judit?" rief Orest freudestrahlend. "O wenn das ist, so werden Sie begreifen, in welchem Kreuzfeuer ich stehe, wenn ich sehen muss, wie man Ihnen huldigt – und wie ich zittern muss bei dem Gedanken, dass einer unter den vielen Ihr Herz gewinnen könnte – und dass ich dieser Eine vielleicht nicht bin! O dann werden Sie Mitleid mit mir haben, nicht wahr, Judit?"
"Wer hat denn Mitleid mit mir, Orest?" sagte sie sanft. "Sie gehen zurück zu Gräfin Windeck ...." –
"Ein Wort von Ihnen, Judit, und ich bleibe!"
"Alles für alles! – Ist dies das Wort, Graf Orestes, welches Sie nicht hören möchten?"
"Judit!" sagte er mit gepresster stimme, "Sie sind ein dämonisches Weib."
"Das sagen die Männer sehr leicht, sobald man nicht mit ihnen einverstanden ist," erwiderte sie kalt. "Und das muss abwechseln mit dem Ausruf: herzloses Weib!"
"O könnte ich Sie doch hassen, Judit!" rief Orest, sprang vom Stuhl auf, hielt mit beiden Händen seinen Kopf und eilte auf den Balkon.
"Stürzen Sie sich nur nicht in den See! – er ist sehr kalt!" rief ihm Judit nach. "Armer Orest!" setzte sie nach einer Weile mit ihrer Sirenenstimme halblaut hinzu. Als er nicht kam, folgte sie ihm auf den Balkon. Er hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, die arme auf das Eisengeländer – und den Kopf auf die arme gelegt.
"Kommen Sie doch herein, Orest!" sagte Judit und berührte ganz leise sein gesenktes Haupt. "Die Luft ist feucht und der nächtliche Tau schädlich."
Er stand auf und folgte ihr in den Salon, willenlos wie ein Kind.
"Ich kann Sie nicht hassen, Judit!" seufzte er.
"Graf Orestes," nahm sie wieder mit ihrem kühlen Tone das Wort, "Sie veranlassen immer gespräche mit mir, bei denen Sie ganz Feuer und Flamme werden und Gefahr laufen, in ein kaltes oder ein hitziges Fieber