Stunden zogen sie auf der anderen Seite durch den Wald bergab. Von Windeck aus sah man diese bunten beweglichen Bilder in grösster Deutlichkeit, war aber zu sehr an ihre Wiederholung gewöhnt, um sie zu beachten. Nur bei Kunigunde regten sich die Flügel der sehnsucht, wie bei einem jungen Zugvogel, der sich dem Schwarm anschliessen möchte, der nach Süden fliegt. Sie fasste ihren ganzen Mut zusammen und sagte zu ihrem mann:
"Lieber Damian, gib mir Urlaub auf vierzehn Tage und schlage mir diese Bitte nicht ab, weil sie so sehr ungewöhnlich ist. Frage auch nicht, wohin ich gehe, sondern triff nur Anstalt, dass ich in der ersten Woche des Septembers reisen kann."
"Die Welt kehrt sich um, Onkel Levin!" rief Damian. "Haben Sie es gehört? Gundel spricht befehlshaberisch; da muss man wohl gehorchen. Und weil ich mich in der Tat freue, dies Wunder erlebt zu haben, so will ich der Reise auch nichts in den Weg legen. Ich denke, sie geht zu Deiner Schwester Isabelle," – setzte er fragend hinzu.
"fragen darfst Du nicht," sagte Kunigunde errötend.
"Gut! da ich nun das Meinee getan und Dir Urlaub gegeben habe, so wirst Du mit demselben Vertrauen mich belohnen und mir das Ziel Deiner Reise nennen."
"Es ist Altötting," sagte Kunigunde unverzagt, und es brach ein solcher Glanz von Liebe und Zuversicht aus ihrem Auge, dass Damian beinahe gerührt sagte:
"Reise denn, Kunigunde; aber bitte zuvor Onkel Levin, Dich zu begleiten, damit er Dich vor allen Andachtsexzessen bewahre."
Levin, der Kunigundens schüchterne Zaghaftigkeit kannte, staunte nicht minder als Damian über die Beherzteit, welche sie aus ihrem übernatürlichen Vertrauen schöpfte, als Kunigunde plötzlich sich ihrem mann in die arme warf und, nicht zufrieden mit dem, was sie erreicht hatte, noch mehr haben wollte und ihn bat:
"Ach, Damian, wenn Du doch auch die Wallfahrt mit uns machen wolltest."
"Lieber Engel, wenn es einmal dahin kommt, dem Türken mit dem Säbel in der Faust das gelobte Land zu entreissen, dann werde' ich mich bei der Wallfahrt einfinden; – aber nach Altötting – das überlasse ich Dir; das ist das Fach der Damen."
"Nun, lieber Damian," sagte Levin lächelnd, "Du bist sehr grossmütig, das Vorrecht der frommen Andacht den Damen einzuräumen."
"Der Priester hat es durch seinen Stand, bester Onkel. Allein, ich meine die idee: auf dem und dem Punkt der Erde sei das Gebet wirksamer als anderswo, könne sich nur in einem Weiberkopfe festsetzen."
"Und warum meinst Du das?"
"Weil es eine kindische, beschränkte Auffassung von der Allmacht und Güte des Schöpfers ist, der seine Gnaden überall spenden kann."
"Ganz richtig: allüberall! Seine Allmacht wird also nicht durch unsere Vorstellung begrenzt, sondern gleichsam erweitert, dass er, der über die ganze Welt die Fülle seiner Gnaden überschwenglich ausströmt, dennoch auf gewissen Stätten noch reicher, noch verschwenderischer sie spendet; und solche Stätten sind die Wallfahrtsorte."
"Aber, bester Onkel, welche Verbindung kann denn zwischen einer Erdscholle und einer Gebetserhörung stattfinden?"
"Welches ist die Bedingung, muss ich zurückfragen, unter welcher der liebe Gott die Gebete erhören will, die dem Betenden zum Heil gereichen?"
"Ich denke – es wird frommes Vertrauen sein," antwortete Damian, der mit seiner rationalistischen Richtung es vorzog, "frommes Vertrauen" zu sagen, anstatt "Glaube" und "der Schöpfer" oder "die Vorsehung" anstatt "Gott" oder gar "der liebe Gott", und "die Madonna" anstatt "die heilige Mutter Gottes".
"Also," fuhr Levin fort, "an einen kindlichen Akt des Glaubens eine glänzende Gebetserhörung knüpfen: das ist ihre Verbindung mit der Erdscholle. Sie ist übernatürlicher Art. Fleisch und Blut verstehen sie nicht; die fünf Sinne fassen sie nicht; der menschliche Verstand begreift sie nicht. Aber, wie der Herr, als er auf Erden wandelte, so oft sagte, Dein Glaube hat Dir geholfen; oder: Dir geschehe, wie du geglaubt hast! und dann seine Gnaden spendete: so macht er es noch jetzt. Er verlangt einen kindlichen, demütigen, unbedingten, schwunghaften Glauben, der nicht fragt: Warum da und weshalb dort? wie ihn der fromme Wallfahrer an den Tag legt – und den krönt er manchmal durch Gebetserhörung."
"Bester Onkel, wenn demnach eine Wallfahrt ein ganz enormer Tugendakt ist, so muss man wohl annehmen, dass er immer gekrönt werde?" fragte Damian listig.
"Ja, lieber Damian, immer!" sagte Levin mit einem himmlischen Lächeln, "aber nicht immer hienieden. Dem Glauben sind auch ewige Kronen aufbewahrt. übrigens ist aber unser Glaube immer noch so schwach, so unvollkommen, von so manchen irdischen Hoffnungen beflügelt, dass er, auch in dem frömmsten Wallfahrer, kein so enormer Tugendakt ist, wie Du annimmst."
"Das muss wohl sein, denn die Wallfahrten sind ja hier zu land längere Zeit verboten gewesen wegen vielfachen, damit verknüpften Skandals."
"Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich unter den vielen, vielen tausend Wallfahrern, die alljährlich ihre gemeinschaftlichen Bittgänge zu den Gnadenorten machten, auch einige befunden haben werden, welche kein erbauliches Beispiel