wie es ihm zusagt."
"Wenn es ihn von der Sache der allgemeinen Geistesbefreiung abtrünnig macht – nein! und abermals nein!"
"Das ist leeres Gerede! warum soll er seine idee von Freiheit der Ihren – oder der idee von Millionen opfern? Wo ist das Richtige? wo ist die Wahrheit? wer bürgt dafür? auf diesem Gebiet beweisen grosse Zahlen gar nichts! Millionen können irren und einer kann ihnen gegenüber das Rechte und Richtige verteidigen und die Wahrheit behaupten. Also nicht über Lelio hergefallen, mein Bester!"
"Sie sind ein grosses musikalisches Genie, Signora," rief Florentin empört, "und haben überhaupt manche eminente Fähigkeit. Geht Ihnen aber nicht das wahre Licht der Erkenntnis auf und bemühen Sie sich nicht, für dasselbe zu wirken – was einer geistreichen Frau in einer bewunderten Stellung so leicht ist – so werden Sie nie mitzählen unter den Grössen des Jahrhunderts."
Er stürmte hinaus und Madame Miranes sagte:
"Das fehlte noch! eine Barrikadengöttin für den Signor Fiorino! liebes Kind, ich habe andere Wünsche für Dich. Du hast jetzt ein grosses Vermögen und eine grosse Berühmteit erworben; es wird nun Zeit, an eine glänzende Heirat zu denken. Wie gefällt Dir der russische Fürst?"
"Gar nicht," sagte Judit trocken.
"Es wäre doch nicht übel, Fürstin – – wie heisst er denn eigentlich? – zu werden. Nach so vielen Teaterkronen würde sich eine solide Fürstenkrone gar passend auf Deiner Stirn ausnehmen und Dein Streben wahrhaft krönen."
Madame Miranes küsste die Stirn ihrer Tochter und verliess den Salon. Judit legte sich matt in einen Sessel zurück und sagte halblaut:
"Welch' eine Menagerie – von Menschen umgibt mich!"
Da öffnete sich die Balkontüre, die Vorhänge rauschten und Orest trat in den Salon. Judit sah ihn befremdet an und sagte:
"Was fällt Ihnen ein, Graf Orestes! wir sind beide zu alt, um Versteckens zu spielen."
"Ich spiele nicht, Signora," erwiderte Orest und setzte sich ihr gegenüber; "und ich wünschte sehnlichst, dass auch endlich einmal das Spiel von Ihrer Seite aufhören möge."
"Zu dieser, wie es scheint, höchst ernsten Unterhaltung – denn Sie sehen finster wie die Nacht aus – wollen wir doch eine gelegenere Stunde wählen," sagte Judit und wollte aufstehen. Aber Orest ergriff ihre hände, hielt sie fest und sagte:
"Mit nichten, Judit! glauben Sie, ich hätte drei Stunden auf dem Balkon gewartet, um mich jetzt fortschicken zu lassen? um Sie morgen wieder nicht allein, sondern in Ihrer Menagerie zu finden? um von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, in der immer gesteigerten Qual der Ungewissheit zu verharren? Nein, Judit! das geht nicht mehr! Sie müssen mir Rede stehen."
"Gut!" sagte sie, schob ihren Lehnstuhl zwei Schritte zurück, legte die arme über einander und sah ihn an mit ihren wunderschönen, wie schwarze Diamanten glänzenden Augen, über welche lange Wimpern einen zarten, dunkeln Schleier warfen. Sie sah bezaubernd aus.
Orest betrachtete sie eine Weile, drückte dann heftig beide hände vor's Gesicht und sagte halbleise:
"Judit! .... ich liebe Dich!"
"Darauf hab' ich nichts zu antworten!" sagte sie.
"Ha!" rief er, sprang auf und stampfte wild mit dem Fuss auf den Boden; "wenn Sie nicht darauf antworten können, so dürfen Sie es auch nicht anhören."
"Wer hört es nicht gern, das süsse Wort von der Liebe?" entgegnete Judit mit so weichem Ausdruck in Ton und blick, dass Orest wieder gefangen und entwaffnet wurde und zärtlich bat:
"Aber das Wort werde erwidert, Judit!"
"Ich bin von wenig Worten, Graf Orestes, das wissen Sie ja längst."
"Wie Sie mich foltern!" rief er.
"O armer Martyrer der Liebe," entgegnete sie lächelnd.
"Und wenn ich des Martertums überdrüssig werde?"
"So verleugnen Sie mich!" sagte Judit in einem Tone, der mit tausend Schlingen sein Herz umspann; "aber erwarten Sie nie von mir, dass ich je zu Ihnen von Liebe sprechen könnte! Dadurch wird das Weib des Mannes Sklavin; er weiss sich geliebt – und triumphiert. Das Weib hingegen findet keinen Triumph in der Gewissheit, geliebt zu werden – sondern ein Glück. Er kann sprechen; schweigen muss sie."
"Bis auf einen gewissen Punkt können Sie recht haben. Allein das Schweigen darf nicht lange genug währen, um Zweifel zu wecken."
"Graf Orestes! ich habe Ihnen einmal vor Jahren ein Wort gesagt. Wissen Sie es noch?"
"Ob ich es weiss! ob es mir nicht Tag und Nacht das Herz durchklingt! Judit! Alles für alles – so lautete das Wort."
"Das ist doch gewiss klar und verständlich; und Sie haben es dennoch missverstanden. Als Sie zuerst in Mailand um meine Liebe warben, da sprach ich: Alles für alles! – und Sie? was taten Sie, Graf Orestes? – Sie gingen hin und vermählten sich mit Ihrer schönen Cousine. Kaum waren die Flitterwochen vorüber, so lagen Sie wiederum zu meinen Füssen. Konnte ich anders, als diese – Liebe kann ich unmöglich sagen! – als diese Sorte von Liebe tief zu verachten? Wer auf die