eine wahre Krone von berühmten Namen; aber die glänzendsten unter diesen gehörten doch der "grossen Nation" an: Voltaire, Rousseau, Madame de Staël. Dagegen behaupteten die Engländer, Lord Byron mit seiner schwunghaften Poesie überwiege bei Weitem die beiden Letzteren, und Gibbon's skeptische Intelligenz dürfe sich mit Voltaire messen.
"Das Schloss von Chillon hat durch Lord Byron gleichsam eine unsterbliche Seele bekommen," sagte der junge Engländer.
"Rousseau hat dasselbe für Clarens getan," versetzte der Franzose.
"Welches Land schickt denn jetzt seinen kostbarsten Edelstein für die Krone des Leman?" wendete sich der Fürst an Judit.
"Mein Vater war ein Spanier," antwortete sie, "und meine Kindheit verlebte ich in Cadix."
"O herrlich!" rief Florentin. "Diese grossen Genies, die sämtlich für das höchste Gut der Menschheit, für die Freiheit, schrieben und wirkten, haben nicht bloss ihren Schatten und ihren Namen an diesen Ufern zurückgelassen. Der Genius der Freiheit, der jetzt über der Schweiz sein Banner schwingt, ist hervorgegangen aus ihren Mühen, ihren Anstrengungen, ihren Studien, ihren Nachtwachen. Wahrlich, sie verdienen die Pilgerfahrt zu den Stätten, die sie unsterblich gemacht haben. Aber wenn der Erinnerung Rousseaus in Clarens gehuldigt wird, und Voltaire's in Fernei, der Frau von Staël in Coppet, Gibbon's in Lausanne und Lord Byron's auf dem ganzen See: so ist doch auch Vevay nicht zu vergessen. Dort ist das Grab eines Mannes der Tat, eines politisch grossen Mannes....." – –
"Oh! No!" unterbrachen ihn die Engländer, Vater und Sohn, die ihr Reisehandbuch auswendig wussten.
"Wer war der Mann?" fragte Judit gespannt.
"Es war Ludlow – einer jener Männer, die Carl von England auf's Schaffot schickten."
"Wir sind Whigs," sagte der alte Engländer, "aber wir lieben nicht das Schaffot für die Könige."
"Ein sehr guter Geschmack, Mylord!" versicherte Madame Miranes. "Der Signor Fiorino hat Sympatien, vor denen man schaudert."
"Ich meinesteils," sagte Judit, "schaudere vor all diesen prunkhaften Sympatien mit Leuten, die doch weiter nichts getan, als eine Masse Bücher in die Welt geschleudert haben, welche von Millionen, ohne den mindesten Nachteil für Leib und Geist – n i c h t gelesen – hingegen von Tausenden zu ihrem grössten Schaden gelesen werden. In die Bewunderung des Genies legt man eine lächerliche Übertreibung."
"Aber was soll man bewundern, wenn nicht das Genie – diese göttliche Flamme des menschlichen Geistes!" rief der Fürst verwundert.
"Das ist es eben," entgegnete Judit, "man weiss nicht, was man bewundern soll, und deshalb verfällt man auf diesen Kultus, bei welchem unausbleiblich ein paar Weihrauchkörner für den Adoranten selbst abfallen, indem sich jeder – versteht sich in tiefster Stille des Herzkämmerleins – eine gewisse Ähnlichkeit oder Beziehung, oder Verwandtschaft mit dem Genie zuspricht."
Der junge Franzose, der bei der Wasserfahrt gesagt hatte, die Schöpfung sei das Werk Gottes, besann sich, ob er nicht einen Mann nennen solle, der gleichfalls an dem Ufer dieses Sees, in dem kleinen Städtchen Tonon, in grosser Mühsal und Demut seine glorreiche Laufbahn begann und von dessen Schriften das Gegenteil von Judits Behauptung galt: denn es ist ein Schaden für die Seelen, die Werke des heiligen Franz von Sales nicht zu kennen. Aber wenn sich auch der französische Mut bis zu der Verwegenheit erhob, Gott als den Schöpfer der natur zu bekennen, so ging er doch nicht so weit, um auf Gottes übernatürliche Schöpfung, die Gnadenwelt – und auf deren übernatürliche Genie's, die Heiligen – Judit mit ihrem ungestillten Bewunderungsverlangen hinzuweisen. In der Gesellschaft von zwei Jüdinnen, zwei Hochkirchlern, einem Russen und einem Kommunisten den heiligen Bischof von Genf als überebenbürtig von Voltaire und Gibbon zu nennen – nein! zu dieser Grosstat des Glaubens erschwang der Marquis d'Avallon sich nicht und er, der einzige, der von dem grossen und liebenswürdigen Heiligen hätte sprechen können, er nannte ihn nicht.
Endlich empfahlen sich die Herren und begaben sich nach Genf zurück. Als Judit mit ihrer Mutter allein war, sagte sie zu Florentin:
"Was ist denn dem Lelio widerfahren? Sie kamen ja in einem entsetzlichen Zustand von ihm zurück."
"Das wird er Ihnen selbst sagen!" brach Florentin aus. "Mir fehlen die Worte, um eine solche Schmach zu bezeichnen."
"Hat er gestohlen?" rief Madame Miranes beängstigt.
"Oder ein anderes Verbrechen begangen?" fragte Judit, ihrerseits beunruhigt.
"Er hat gebeichtet!" sagte Florentin dumpf.
"Nun, was denn?" fragte Madame Miranes neugierig. "Hat er Ihre oder seine Geheimnisse ausgeplaudert?"
"O Gott! Sie verstehen das nicht!" rief Florentin ungeduldig. "Er ist ein Apostat der Gewissensfreiheit geworden! er ist zum Kreuz zurückgekrochen! er hat das Joch der Pfaffenherrschaft auf seine Schultern genommen! Ha! so sind diese Italiener: unzuverlässig bis in's Mark hinein!"
"Aber, bester Fiorino, weshalb wüten Sie so?" sagte Judit gelassen. "Sie predigen ja Gewissensfreiheit für jedermann. Nun, so lassen Sie doch auch dem armen Lelio das Recht, die Freiheit seines Gewissens zu wahren und zu üben,