mögen, haben alle einen und denselben Hauptzweck: die Ausrottung aller positiven Religion – oder mit einem anderen und deutlicheren Wort: die Vertilgung der katolischen Kirche von der Erde. Aber nicht alle Mitglieder dieser Verbrüderungen legen öffentlich Hand an das Werk des Umsturzes und der Zerstörung. Das verbieten Verhältnisse und Rücksichten, Stellung und Charakter. Umsomehr sind sie bereit zu derjenigen Unterstützung, welche für alles, was einen Fortgang auf dieser irdischen Welt haben soll, mehr oder minder notwendig ist: sie spenden Geldmittel. Die Männer der öffentlichen Revolution sind gleichsam die Kriegstruppen der geheimen Revolution und werden als solche von dieser auf jede Weise unterstützt. Die einen werden zu Stellen und Ämtern befördert; die anderen erhalten Jahrgelder, um Reisen oder Studien im Sinne der Aufklärung und des Unglaubens zu machen; noch andere werden besoldet als Journalisten und Verfasser von Tendenzschriften; wieder anderen macht man einen erstaunlich grossen Ruf hinsichtlich ihres Wissens, ihrer Talente, um auf diese Art ihr Fortkommen zu begünstigen; und so wird diese Armee der Revolution in stillen zeiten durchgebracht, um in unruhigen alsbald auf ihrem Platz und dienstbereit zu sein.
Florentin empfing also wohl einige Unterstützung, allein sie entsprach nicht seinen Bedürfnissen, noch konnte sie seinen Ehrgeiz befriedigen! daher fühlte er sich mehr erbittert als verpflichtet, was von seinem kommunistischen Standpunkt aus nicht anders sein konnte. Nachdem er die unglückliche Wendelrose in ihre Heimat zurückgebracht und verschiedene Wanderungen durch Deutschland gemacht hatte, um den Stand seiner Partei nach so langer Abwesenheit zu rekognoszieren, ging er nach der Schweiz, deren Gletscher in einen Krater der Revolution verwandelt zu sein schienen, und stiess in Chamouny auf Lelio, der Judit's Kreuz- und Querzüge mitmachen und sie auf ihren Kunst- und Erholungsreisen begleiten musste. Lelio freute sich sehr, seinen alten Genossen am fuss des Montblanc wiederzufinden, nachdem er ihn am fuss des Kapitols verlassen hatte – und da Judit einen gewandten und gebildeten Sekretär in ihrer Umgebung zu haben wünschte, der die neueren Sprachen geläufig schreibe, und da Florentin von Kindheit auf die praktische Übung dieser Sprachen hatte: so schlug Lelio ihn in der zwiefachen Eigenschaft seines Freundes und eines höchst brauchbaren Geheimschreibers ihr vor. Er liess auch die Bemerkung fallen, Florentin sei ein Italianissimo, habe als solcher viele politische Verfolgungen ausstehen müssen und sei eines Ruhehafens recht bedürftig. Judit erwiderte mit ihrem kühlen Indifferentismus, Lelio wisse ja, dass sie sich für den politischen Fanatismus ebensowenig wie für den religiösen interessiere; dass sie aber gern einem Hilflosen, der brauchbar für ihre Absicht sei, einen Platz in ihrer Umgebung anweisen wolle, vorausgesetzt, dass er es verstehe, sich auf diesem Platz zu halten. Am anderen Tage bestieg sie den Montanvert und besuchte das grosse Eisfeld, das unter dem Namen mer de glace ebenso berühmt als sehenswürdig ist. Florentin hatte sich seinerseits zur mer de glace begeben; und auf diesem Punkt, einem der interessantesten in Europa, liess er sich durch Lelio einer der berühmtesten Frauen von Europa vorstellen, deren Schönheit und Genialität ihn versöhnte mit der untergeordneten Stellung, die er bei ihr einnehmen sollte. Hätte Graf Windeck ihm den Vorschlag gemacht, sein Privatsekretär zu werden: so hätte Florentin ihn mit der äussersten Verachtung zurückgewiesen; aber Privatsekretär bei einer italienischen Primadonna, das war etwas ganz anderes! sie gehörte zu den Celebritäten des Jahrhunderts, sie war ein grosses Genie, und Florentin betrachtete jedes Genie als einen gekrönten Sprössling der Freiheit – einesteils, weil es die breitgetretene Bahn der Alltäglichkeit verlasse und eigene Wege einschlage; andernteils, weil es mannigfache Kämpfe gegen eingerostete Vorurteile und mit dem Stumpfsinn der unempfänglichen Masse zu bestehen habe. Da Florentin sich selbst als einen Freiheitssprössling ansah, der durch die Ungunst der Verhältnisse noch nicht gekrönt sei, so fand er eine gewisse Verwandtschaft seines Geistes mit allen grossen Genies, wenn auch nicht in der Begabung, so doch in der Richtung. Judit war indessen mit seinem Benehmen und seinen Leistungen zufrieden und behielt ihn.
"Wie lebt man denn mit der Signora Judit?" fragte er seinen Freund.
"O sehr gut!" entgegnete Lelio. "Sie ist sehr ungeniert und gönnt Jedem seine Freiheit; sie behandelt alle Leute, die mit Huldigung, Verehrung etc. etc. zu ihr kommen, über einen Leisten – und Gott weiss, wer n i c h t zu ihr kommt! Prinzen und Journalisten, Banquiers und Künstler, Neugierige und Touristen, Bettler und Krösusse! – Sie nimmt, wie eine marmorne Göttin, jeden Ausdruck der Bewunderung an, möge er zu Tage kommen durch einen Blumenstrauss oder ein fades Gedicht, durch eine Liebeserklärung oder einen Diamantenschmuck. Zuweilen aber ist sie launenhaft, und dann nicht selten insolent."
"Wer ist der primo amoroso?" fragte Florentin.
Lelio zuckte die Achseln bis zu den Ohren hinauf und stiess das unnachahmliche "Eh!" der Italiener aus.
"Du wirst doch nicht mit mir den Verschwiegenen spielen wollen?" rief Florentin. "Ich frage ja nur, um mich auf meinem Platz zu orientieren und um nicht in Verlegenheit zu kommen und zu bringen."
"Niemand kann das verraten, was er selbst nicht weiss," erwiderte Lelio kaltblütig. Als Florentin ihm aber mit spöttisch fragendem blick in die Augen sah, gab er lächelnd zur Antwort:
"O nein! – Ich kann Dir nur sagen, dass ich mich um ihre intimen Verhältnisse gar nicht bekümmere und kann Dir nur raten, in dieser Beziehung meinem Beispiel zu folgen. Ein gemeines Weib