1860_von_Hahn_Hahn_162_142.txt

Regina zärtlich, "weine nicht um mich. Die Bräute Christi haben es besser, als die weltlichen Bräute."

"Das fühl' ich nur zu gut!" seufzte Corona, "und doch kann ich Dir nicht nachfolgen."

"Nein, Gott will es nicht! Deine Aufgabe ist, Dich in der Ehe zu heiligenund Orest mit Dir."

"Ich werde der Aufgabe erliegen!" jammerte Corona; "sie ist allzuschwer."

"Sie wäre es, wenn Du mit Deinen menschlichen Kräften sie lösen solltest. Aber die Gnade des Sakramentes steht Dir bei und Deine Last trägt Gott ebenso gut mit Dir, wie er die meine mit mir teilt." –

Der Graf war dermassen erfreut über die Verheiratung der einen Tochter, dass er den Klosterberuf der anderen darüber verschmerzte. Was Uriel betraf, so hegte er die Hoffnung, die Weltumsegelung werde ihn von seinem Liebesleid herstellen und dann sei es ja noch immer Zeit, sich nach einer passenden Partie für ihn umzuschauen.

drei Wagen standen im Hof. Der eine sollte gegen Westen fahren und die beiden anderen nach Osten. Um die Wagen, auf dem Perron in der Vorhalle des Schlosses war die ganze Dienerschaft versammelt und viele Leute aus den Besitzungen des Grafen, um von Regina Abschied zu nehmen. Man hatte zwar schon längst gesagt, sie sei so fromm, dass ihr Sinn nach dem Kloster stehe; der Graf wolle es jedoch nicht erlauben. Nun ging sie wirklich in das arme, strenge Klosterdie junge, schöne, reiche, liebenswürdige und geliebte Regina! nun verliess sie wirklich das Vaterhaus und die Familie und den jungen Mann, der sie anbetete! in welcher übernatürlichen Liebe zu Gott musste d a s Herz entbrannt sein. Sie hatte in der Frühe zu Kloster Engelberg die heiligen Sakramente empfangen, Abschied genommen von der Gruft ihrer Mutter, von dem Gnadenbilde der Mutter Gottes, von den frommen Patres, die ihre Seele gepflegt hatten; dann Abschied genommen von dem lieben Windeck, von jedem Zimmer im Schloss, von jedem Plätzchen im Garten, ach! und von der trauten Kapelle. Jetzt trat sie in Onkel Levin's Zimmer, bleich, verklärt, wie ein Geist, derwie einst Ernest von ihr gesagt hattedie Schwingen entfaltet zum Aufflug in die Heimat der Geister.

"Mein Herz stirbt, geliebter Onkel!" sagte sie leise und sank zu seinen Füssen nieder.

"Wohl Dir, teures Kind! in dem durchwundeten Herzen unseres Gottes findet es sein Leben wieder! Nimm nur getrost alle Kronen von Deinem Herzen ab, auch die der Kraft, auch die der freudigen und stolzen Zuversicht; setze keine Grenzen Deiner inneren Verdemütigung und Selbstentäusserungverlange auch die Dornenkrone nicht, denn das könnte Dich stolz machen; aber nimm sie selig an, wenn Dein Herr und Heiland sie mit Dir teilen willund nun komm'! die Stunde ist da."

Er segnete sie, hob sie von der Erde auf und sagte mit unaussprechlicher Zärtlichkeit:

"Nicht hier nehme ich Abschied von Dir. Ich gehe auch mit nach Würzburg. Ich will selbst das Kleinod meines Herzens im Schrein Gottes niederlegen."

Sie verliessen Levin's Zimmer. Da stand Uriel an eine Säule gelehnt.

"Regina!" rief er und trat ihr entgegen; "ist's denn wirklich ein Lebewohl für immer?"

"O nein, Uriel!" sagte sie gefasst, "nur für die Erdeein kurzes Lebewohl. Und dann: auf Wiedersehen, lieber Uriel!"

Sie ging vorüber mit Onkel Levin. Uriel folgte ihr gedankenlos. Wie durch einen Schleier sah und hörte er, was um ihn her vorging. Er hörte sprechen, er hörte weinen; er sah sich umringt von der ganzen Familie, die ihm tausend liebes und Herzliches sagte und ihm glückliche Reise und glückliche Heimkehr wünschte. Onkel Levin sagte:

"Der Engel Raphael geleite Dich zu uns zurück."

Das verstand Uriel, sonst nichts. Er antwortete auf alles ganz gedankenlos: "Ja, ja!"

Der Graf, Onkel Levin, Regina und Hyazint stiegen in den ersten Wagen; die Baronin Isabelle mit Corona und Orest in den zweiten. Kinder und junge Mädchen warfen den beiden Schwestern Blumen zu. Die Wagen rollten vom Hof.

"Dahin ist mein Glück!" seufzte Uriel. Er sprang in seinen Wagen, schloss die Augen und sein Kammerdiener sagte zum Postillon:

"Fort nach Frankfurt! von da geht's weiter nach Hamburg und rund um die Welt."

Zweiter Band

Die Villa Diodati

Es war ein herrlicher Oktober. Dieser monat ist der schönste am Genfersee, ist so sommermässig, dass die Abende sogar noch warm sind, und verbindet damit die Vorzüge des Herbstes: gleichmässige Witterung, klare Luft und einen unvergleichlichen Schmelz der Farben auf dem Gebirg und dem See. Die Villa Diodati, berühmt durch den Aufentalt, den einst Lord Byron dort machte, liegt auf dem Ufer von Savoyen, eine Stunde von Genf, in einem terrassierten Garten, unmittelbar am See, der seinen strahlenden Spiegel wie eine lichtblaue, mit Goldfunken durchblitzte Emaille vor ihr ausbreitet. Auf dem entgegengesetzten Ufer steigen die Rebgelände des Waadtlandes auf, unterbrochen von Schluchten und Hügeln mit reicher Bebaumung und übersäet mit Städten, Dörfern, einzelnen Schlössern und Campagnen. Im Osten schliesst das Hochgebirge des Walliserlandes den See ab, schickt ihm aber aus den gewaltigen Gletschern am fuss der Grimsel