klingt ja ungemein erhaben und ist doch nur halb wahr," entgegnete Hyazint; "denn wenn die vollkommene Liebe gewiss niemals an eine Vergeltung denkt, die ihr in der Form dieser oder jener himmlischen Freudengenüsse ausgezahlt werden müsste: so ist es doch eben so gewiss, dass sie mit all' ihrem Denken und Empfinden, Wollen und Handeln, mit jeder Fähigkeit und Tätigkeit ihres Wesens zu jeder Zeit den Gegenstand ihrer Liebe umschlingt und die Kluft, welche das Gnadenleben vom Leben in der Glorie trennt, auch als Trennungsschmerz von dem göttlichen Geliebten empfindet. Der Uebergang in die Ewigkeit schliesst diese Kluft, das weiss sie. Da gibt es keine Trennung, keine Schleier mehr. Da besitzt sie auf ewig, ungeteilt und unzertrennlich, nicht diese oder jene ewigen Güter, sondern das e i n e Gut, das Urgut, ihren Gott, den einziggeliebten, und in ihm – die Fülle der Seligkeit. Das ist kein niedriger Handel; denn um Gott zu besitzen, müssen wir das Ich fallen lassen. Wucher treiben können wir ebenso wenig mit der vollkommenen Liebe, als diese bestehen könnte ohne die beständige sehnsucht nach Vereinigung mit Gott." –
Zu Uriel, der mit kalter Abgeschlossenheit auf all' die bewegten Herzen sah, sagte Regina:
"Gott vergelt's, Uriel! ich weiss, dass ich des Vaters Nachgiebigkeit Deinem grossmütigen Entschluss zu danken habe."
"Ich hoffe," sagte Uriel finster, "dass Gott D i r vergelten werde, wie Du es verdienst: mit dem Kreuz – weil Du mein Herz gekreuzigt hast."
"Sein Wille geschehe!" entgegnete sie sanft.
Immer zerschmolz ihm das Herz in unsäglicher Liebe, wenn er in ihres Auges klare Stille sah.
"Sieh'!" sagte er in verändertem Tone, "Du wirst gekreuzigt werden innerlich; denn das fehlt Dir zu Deiner Vollkommenheit. Also, Regina, wenn Du es wirst, so werde es für mich."
"Wenn Gottes Wille mir Kreuz schickt, Uriel, so werde' ich es vereinigen mit dem Kreuz auf Golgata. Christus litt nicht für Dich allein, nicht für mich allein! Er litt für alle, ohne Ausnahme, ohne Bevorzugung. In Seine hände geb' ich mich ohne Rückhalt."
"Deine Herzenskälte ist schauerlich!" rief er.
Sie lächelte und schwieg. "Ah, Du lächelst, als ob Du es besser wüsstest!" fuhr er fort. "Nun, wohlan, Regina, Du bist aufrichtig, also sage mir: hast Du eine Ahnung davon, wie sehr ich Dich liebe?"
"Ja!" sagte sie einfach.
"O dann," rief er freudig, "werde' ich immer einen besonderen Platz in Deiner Erinnerung haben."
"So lange es Gott gefällt!" erwiderte sie ruhig. "Ich habe zu viel in der Welt leben müssen, um nicht einige weltliche Eindrücke im Gedächtnis zu haben ...."
"Weltliche Eindrücke!" rief Uriel zürnend. "Du nimmst eine Liebe wahr, die so tief, so stark. so umfassend ist, dass sie mein ganzes Schicksal über den Haufen – und mich selbst, Gott weiss in welche Bahn wirft – und das macht Dir einen weltlichen Eindruck!"
"Lieber Uriel," antwortete Regina, "wir beide dürfen uns auf keine Erörterungen einlassen. Wir sprechen jeder eine Sprache, von welcher der andere nur einzelne Worte versteht; da sind denn Missverständnisse ganz unvermeidlich – und die tun weh. Ich wiederhole Dir: Gott vergelt's! – und dabei wollen wir es lassen."
"Wann wirst Du eingekleidet?" fragte er finster.
"Ich hoffe am Tage der heiligen Maria vom Karmel," sagte sie mit strahlendem blick.
"Deinen Kalender kenn' ich nicht!" entgegnete er hart. "Den Datum will ich wissen – um vorher abzureisen."
"Ende dieser Woche gehe ich nach Himmelspforten, um, wie es üblich ist, einige Wochen in weltlichen Kleidern im Kloster zu leben. Finden die Oberen, dass ich mich ins Klosterleben schicke – und finde ich mich darin heimisch: so darf ich mein Noviziat und mit ihm die ernste und gründliche Prüfung meines Berufes beginnen. Die Einkleidung bezeichnet den Eintritt ins Noviziat; ich vertausche dann die weltlichen Gewänder mit dem geweihten Ordenshabit und empfange den weissen Schleier der Novizen. Hoffentlich findet diese heilige Handlung am 16. Juli statt. Erst nach einem Jahre werde ich zur Ablegung der heiligen Gelübde zugelassen und dann erhalte ich den schwarzen Schleier, der da bedeutet, dass die Ordensfrau tot und begraben für die Welt ist."
"Und wenn sie es nicht ist, Regina?"
"So betet sie, dass sie es mehr und mehr werde, Uriel."
"Und wie lange betet sie so?"
"Lebenslang! denn das Stück Welt i n uns muss täglich von neuem sterben."
Jedes ihrer Worte tat ihm weh und doch wollte er immer sie hören und sehen, und sehen und hören, weil sie jenseits dieser paar Tage fürs Leben ihm verloren war. Die ganze Familie wollte Regina nach dem Karmelitessenkloster Himmelspforten bei Würzburg begleiten; nur Uriel nicht! er hätte das Kloster in Brand stecken mögen: so hasste er es. Corona war fast ebenso traurig, wie er. Häufig umschlang sie die geliebte Regina, legte den Kopf auf ihre Schulter und weinte bitterlich.
"O," sagte