und Genüssen, allgemeines Missvergnügen, weil sich Keiner auf d e m Punkt befriedigt fühlt. So sieht es aus in der Welt! Weil sie die Wahrheit nicht hat, wird sie wehrlos sein, wenn der Umsturz kommt. Und er wird kommen, denn es ist unmöglich, dass die Fiktion oder, deutsch gesprochen, die gleissende Lüge dauernd die Menschheit beherrsche. Frei muss sie werden von der Lüge; dann kann die Wahrheit sie retten. Ich will suchen nach dieser rettenden Wahrheit und deshalb brechen, so weit ich vermag, mit der grossen Lüge der Zeit, mit der Überschätzung von Geld und Gut."
"Uriel!" rief der Graf, "Du wirst ja ein leibhafter Don Quixote: ziehst aus für Deine Dulzinea – Wahrheit!"
"Uriel!" sagte Levin, "wenn Du alles, was Du tun willst, aus übernatürlichen Beweggründen tätest und die Wahrheit mit dem Auge des Glaubens suchtest: so würde sich Dir ein seliges Leben erschliessen, und – wenn nicht die Welt, so doch gewiss Deine Seele fände sicher ihren Rettungshafen."
"Ich suche die Wahrheit, weil ich die Liebe verloren habe und weil ich ohne etwas Göttliches nicht leben kann," sagte Uriel kalt.
"O sage doch: nicht ohne Gott leben kann!" rief Levin. "In ihm hast Du die ewige Wahrheit vereint mit der ewigen Liebe – und folglich das, was Deine Seele, was jede Seele begehrt."
"Nicht doch!" sagte Uriel und blieb bei seiner abwehrenden Kälte; "wer nur mit dem Auge des Glaubens sucht, verliert gar leicht die Liebe aus dem Gesicht und gerät auf Irrwege."
Levin schwieg. Er hatte Mitleid mit diesem wunden Herzen. Der Graf sagte gelangweilt:
"Um auf die praktische Wahrheit, nämlich auf das wirkliche Leben zu kommen, Uriel: willst Du denn gar nicht heiraten? Auch ohne Stamberg bist Du als Windecker Erbgraf eine brillante Partie."
"Hu! schrecklicher Gedanke, eine brillante Partie zu sein!" rief Uriel scherzend. "Da sehe ich im Vordertreffen die heiratslustigen Augen von hundert Komtessen – und im Hintertreffen die nicht minder heiratslustigen, aber im zweiten Grade, von hundert Mama's. Nein! da schlag' ich Chamade über den Ocean."
"Wenn Du schon auf dem Punkt des Scherzes angelangt bist," sagte der Graf, "so bleibt mir freilich nichts übrig, als die neuen Verhältnisse in gang zu bringen, damit sie endlich einmal zum Abschluss kommen und damit jeder wisse, woran er ist. Ich bin von der langen Ungewissheit schon ganz morsch geworden."
Orest wurde zuerst vorgerufen.
"Was geht hier vor?" rief er in seiner lustigen Weise. Warum seht Ihr so feierlich aus? Wollt Ihr mich in den Freimaurerorden aufnehmen! Papachen bist Du Meister vom Stuhl?"
Aber zum ersten Mal in seinem Leben wies der Graf entschieden Orest's Scherze zurück, eröffnete ihm die neue Lage der Dinge, durch welche nunmehr Orest der Stammhalter der Windecker werde und setzte hinzu, er hoffe alle Freude, die er durch Uriel und Regina n i c h t gefunden habe, jetzt doppelt durch Orest und Corona zu finden. Orest war mehr überrascht als erfreut. Der Gedanke, in die Ehe zu treten, hatte ihm stets ganz fern gelegen und erschien ihm nur als eine Bürde und Schranke – besonders jetzt, da er in Judits Zauberfesseln gefangen war. Indessen schmeichelte es doch seiner Eitelkeit, plötzlich zu solcher Geltung in der Familie zu kommen, eine viel eminentere Stellung in der Gesellschaft einzunehmen und ein so liebliches Mädchen wie Corona als Gattin heimzuführen. Er nahm sich vor, sich auf der Stelle in sie zu verlieben – was in der Tat recht leicht war – und erklärte sich dankbar einverstanden mit dieser Wendung seines Schicksals. Der Graf liess die Brüder beisammen, die Hyazint aufsuchten, während er mit Onkel Levin zu seinen Töchtern ging und während des Gehens sagte:
"Corona wird sich doch nicht weigern? was meinen Sie?"
"Armes Kind!" sagte Levin; "ich glaube, der frühere Besitzer von Stamberg wäre ihr lieber als der gegenwärtige."
"O Gott!" rief der Graf, "nur nicht abermals eine unglückliche Liebe."
"Das behaupte ich nicht," entgegnete Levin, "dazu ist sie noch zu jung. Aber der Keim ist da."
"Den wollen wir geschwind ausrotten! Die exaltierten Gefühle meiner Kinder machen mich ganz nervenschwach."
Er trat bei seinen Töchtern ein und rief ihnen fröhlich zu:
"Nun, Kinder, kommt her und wünscht mir Glück! ich habe zwei Bräute unter meinem Dach! eine für den Himmel – das ist Regina, und eine für Orest – das ist Corona. Nun sind wir alle auf unserem Platz."
Beide Schwestern erbleichten – Regina vom Affekt der höchsten Freude, Corona von einem leisen Schmerz, der durch ihr Herz glitt. Sie hatte es sich wohl nie eingestanden und es war auch nie ein bestimmter Wunsch gewesen; aber unwillkürlich waren ihr liebliche Bilder vor die Seele getreten, als ob sie, an Reginen's Stelle, sehr glücklich auf Stamberg sein könnte; doch in diesen Bildern hatte Orest nie einen Platz eingenommen. Regina sank ihrem Vater zu Füssen, bedeckte seine und Levin's hände mit Küssen und Tränen und sprach ihm Dank, Liebe und Freude in abgebrochenen einzelnen Worten aus.
"Also