"
"O Regina!" rief Hyazint sehr bewegt, "nach ein paar Tagen oder Jahren kommt ein Stündlein, da ist alles ganz still auf Erden, denn ich liege auf dem Sterbebett und alle Freudenfeuer sind erloschen und es brennt nur meine Sterbekerze, die Brautfackel für's ewige Leben. Bitte für mich, dass alsdann im Himmel ein Jubilieren sei."
Corona sagte, als man auseinander ging:
"Ach, wie schade, dass solche Tage ein Ende haben und dass man zuletzt äusserst prosaisch schlafen geht."
"Ich meinesteils," rief Orest, "fühle mich von der vierundzwanzigstündigen Rührung dermassen erschöpft, dass mir jene Prosa höchst willkommen ist."
Als nach einigen Tagen die gewohnte Ruhe und Ordnung wieder eingetreten war, begab sich Uriel zum Grafen und bat ihn, den Onkel Levin rufen zu lassen, da er ihnen beiden etwas mitzuteilen habe. Uriel war in dieser Zeit so ernst und abgeschlossen gewesen, dass der Graf ganz betroffen sagte:
"Onkel Levin? ja, sehr gern! aber Du wirst doch kein wunderlicher Kauz sein und uns ankündigen, Du wollest geistlich oder Ordensmann oder dergleichen werden."
"Sei ruhig, lieber Onkel, so hochfliegende Ideen hab' ich nicht," entgegnete Uriel mit Bitterkeit.
"Ich müsste sie mir auch recht sehr verbitten und Onkel Levin würde gleichfalls keine Freude daran haben. Nun komm' zu ihm!" sagte der Graf und nahm vergnügt Uriel unter den Arm, denn er zweifelte nicht, dass es jetzt ein Brautpaar geben werde.
"Uriel will uns eine gute Nachricht bringen, lieber Onkel!" rief er, bei Levin eintretend.
Levin warf einen fragenden blick auf Uriel und sagte liebreich: "Möge sie zur Ehre Gottes gereichen."
Uriel nahm das Wort und sagte zum Grafen:
"Im vorigen Spätjahr machtest Du mir auf Stamberg einen Vorschlag, den ich in Erwägung zu ziehen versprach. Er betraf meine Verehelichung mit Corona, welche zur Erbtochter eingesetzt werden, während Regina die Freiheit erhalten sollte, ins Kloster zu gehen. Ich habe ihn während dieser langen sieben Monate überlegt und bin zu einem festen Entschluss gekommen, der Dir hoffentlich genehm sein wird, bester Onkel, und dessen Ausführung ich schon begonnen habe."
"Und der wäre?" fragte der Graf gespannt.
"Ich trete Stamberg an Orest ab und er heiratet Corona."
"O nimmermehr!" rief Levin schmerzlich.
"Und Du? was wird mit Dir?" fragte der Graf.
"Ich gehe nach Kopenhagen, wo man soeben ein Schiff ausrüstet, das eine Reise um den Erdball machen soll. Es ist nicht auf Handel und Wandel dabei abgesehen, wenn er auch nicht ausgeschlossen wird. Man will der Reiseliebhaberei unserer Tage eine Weltumsegelung, und den Gelehrten, den Naturforschern, den Künstlern die Möglichkeit anbieten, den Horizont ihrer Wissenschaft und ihres Studiums durch eigene Beobachtungen und Anschauungen, und durch praktische Erfahrungen in Länder-, Völker- und Sprachenkunde zu bereichern. Ich bin nun freilich kein Gelehrter, kein Künstler und kein Tourist; aber ich werde die ganze Welt in lebendigen Bildern an mir vorüber ziehen sehen und werde vielleicht etwas entdecken, wofür es sich der Mühe lohnt zu leben, nachdem ich nicht für Regina leben kann. Im nächsten monat reise ich ab und in zwei Jahren komme ich zurück: so lange dauert die Reise."
"Uriel, ich glaube Du hast in Deinem Bergschloss den Verstand verloren!" rief der Graf und setzte sich zurecht, um eine lange Rede zu halten. Doch Uriel unterbrach ihn:
"Ich habe mich, mein Wollen und mein Können nach allen Seiten betrachtet und gründlich erwogen. Um freiwillig die schweren Verpflichtungen des Weltund Familienlebens zu übernehmen, und sie mit einiger Geschicklichkeit und Ausdauer zu erfüllen, dazu könnte mich nur mein Herz bestimmen, meine Neigung, meine Liebe. Ich müsste ein Wesen an meiner Seite haben, bei dem ich sicher wäre, dass das Alltagsleben mit seinem Einerlei, seinen Forderungen, seinen Bedürfnissen, seinen Gewohnheiten, kurz mit seiner ganzen Wucht von Irdischkeit ein Gegengewicht fände in der Richtung auf Himmlisches, und in dem Streben, das Irdische mit diesem Himmlischen zu durchgeisten. Mein Glück ruht nicht auf Geld und Gut; ruht nicht darauf, eine blinde leidenschaft zu empfinden und einzuflössen. Lieben will ich – und geliebt sein, edel, rein, geheiligt: das ist mein Ideal von Glück, und hätte Regina mich lieben können, so hätte ich es mit ihr verwirklicht und dann keine Pflicht zu streng und keine Aufgabe zu schwer gefunden. Ohne Regina – ist aber die Last zu gross für meine Schultern, und da ich es weiss – lege ich sie nieder. Ich darf es. Stamberg kommt mir nicht eigentlich zu; es sollte ursprünglich eine Sekundogenitur sein und hat während eines halben Jahrhunderts dafür gegolten. Eine Laune der guten Grossmutter wendete es zu unserer aller höchster Überraschung mir zu; mir, weil sie glaubte, Regina würde dann Herrin auf Stamberg. Aber Regina wird es nicht. Sie kommt nicht wieder dahin. Folglich hab' ich nicht das mindeste Anrecht an Stamberg, und freudig trete ich es an Orest ab, dem es nach Billigkeit gehört. Die gerichtlich notwendigen Schritte habe ich bereits getan. So kommt alles in's richtige Geleis – Orest in sein Erbe, Regina in's Kloster und Corona wird Erbtochter – oder Orest tritt auch für Windeck in die Rechte der Primogenitur ein."