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Der Jüngling, der da zum Altare wandelt, der meint es ernst mit Gottund Gott mit ihm. Gott hat ihn aus der Welt auserkoren und geheiligt; dafür soll er die Welt geheiligt an Gott zurückgeben. Er hat den Zuruf des Apostels im vollen Umfange verstanden: "Was droben ist, habet im Sinn; nicht was hienieden;" und deshalb wandelt er zum Altar, er selbst ein geschmücktes Opferlamm, um sich für jetzt und für immer mit seinem Opfer in das Opfer seines Gottes zu verabgründen, umdas Droben mit dem Hienieden zahlendin die Gnadenwelt einzugehen, die der Priester der Menschheit vermittelt und durch die er der Fortsetzer des Erlösungswerkes, der Stellvertreter und Mitarbeiter Gottes ist. Eine Feier, die holdseliger und erhabener, rührender und grossartiger wäre als eine Primiz, gibt es auf Erden nicht, denn nirgends sonst erscheint der Mensch in so idealischer Verklärteit, nirgends sonst steht er auf so lichter Höhe des Tabor und nirgends sonst ist ihm ein Getsemane so gewiss. Die Seelen lieben, die Christus geliebt hat, den Seelen dienen, denen er gedient hat, – das bringt Leiden mit, die er gelitten hat, und die leiden nur Seelen, die sich ihm verähnlichen.

Wie ein Engel, in demütige Anbetung Gottes versunken, ganz weltvergessend, ganz aufgelöst in die Gnadenfülle, die sich um ihn, in ihn, über ihn ausgoss, vollzog Hyazint die Feier der heiligsten Geheimnisse, ohne sich auch nur einen Augenblick aus der Gegenwart Gottes zu verlieren. Mit heiliger Andacht und tiefer Rührung dienten ihm seine Assistenten, beideMeister und Vorbilder seines inneren Lebens, beidetreue Glieder der lehrenden und streitenden Kirche, beidewohlgeübt in der Schule des Kreuzes, beidebetend, dass er gewürdigt werde sie zu durchwandeln. Levin sah so strahlend von seliger Freude aus, dass Regina den Greis Simeon zu sehen glaubte, nachdem er "das Heil Israels" geschaut hat und in Frieden heimzugehen wünscht. Stille Wonne durchschauerte sie bei dem Gedanken, dass diese beiden Erwählten, der Greis und der Jüngling, ihr die Hand reichten, um sie in die Chöre der Bräute Christi einzuführen. Ihrer Ängste und Versuchungen achtete sie seit jenem Gespräch mit Levin nicht mehr, als der Wandersmann, der einen hohen Berg ersteigen will, der Nebel achtet, die sich zuweilen um ihn zusammenziehen; er schreitet rüstig weiter. Wer "dem Lamme folgen will, wohin immer es geht," muss die Siegespalme tragen, sprach sie bei sich selbst; und sie hatte Uriel mit der klaren Stille empfangen, die ihm deutlicher als tausend Worte sagte: Solo Dios basta.

Das heilige Opfer war dargebracht und der fromme Gebrauch vorüber, nach welchem sich die Andächtigen den Segen des Priesters, der seine Primiz gefeiert hat, geben lassen. Sie knien vor ihm nieder und er spricht, indem er ihnen die hände auf das Haupt legt: "Durch die Auflegung meiner hände segne dich der Vater und der Sohn und der heilige Geist;" und macht das Kreuzzeichen über sie. Frommer und lieblicher, aus tiefer Andacht zum heiligsten Fronleichnam entspringender Gebrauch! wie sollen die hände nicht segensreich sein, die zum erstenmal so glücklich waren, dass sich unter ihrer Segnung die gnadenvolle Wandlung vollzog! Graf Damian, der sich noch nie um eine Primiz bekümmert hatte, weit weniger je dabei anwesend war, kannte den Gebrauch nicht und wusste nicht, was geschehen solle, als seine Töchter, die Baronin und die übrigen Damen zum Altare vorgingen und dort niederknieten. Als er es aber gewahr wurde und die schlichten Worte hörteund Hyazint so demütig in seiner priesterlichen Würdeund die knienden Frauen so würdig in ihrer demütigen Unterwerfung sah: so ging ihm der Anblick dermassen zu Herzen, dass er ebenfalls aufstand und vor Hyazint niederkniete, vor dem Jüngling, den er sonst gar nicht anders, als mit einem gewissen Gefühl von Mitleid und Protektion zu betrachten pflegte. Orest tat dasselbekeineswegs aus Andacht oder Ehrfurcht, sondern weil er glaubte, das gehöre mit zu einer Primiz. Uriel verliess nicht seinen Platz; er war zu einem starren Abschluss mit Herz und Leben, nicht zu frommer Ergebung in den Willen Gottes gelangt; deshalb ging er auf keine Äusserung froher und gerührter Andacht ein. Er hielt sich knapp auf der Grenze des Schicklichen. Allein Hyazint schien zu ahnen, was in seinem geliebten Bruder vorgehe, und er ging zu Uriel, legte ihm die hände auf und sprach den Segen über ihn.

Am Abend liess der Graf den Garten illuminieren und auf der unteren Terrasse ein prächtiges Feuerwerk abbrennen, welches Raketten und Leuchtkugeln wie fliegende Sterne zum Himmel hinaufschickte und in dem stillen Main das Rosen- und Silberlicht des bengalischen Feuers abspiegelte. Tausende von Menschen waren zusammengeströmt, um in Nachen oder von den Ufern aus an dem prächtigen Schauspiel sich zu ergötzen. Die Meisten dachten gar nichts dabei; sie gafften nur. Einige freuten sich aufrichtig, dass einer der Windecker Grafen geistlich geworden sei und dass all' der jubel zu Ehren seiner Primiz stattfinde; und andere fanden es unbegreiflich, dass man für eine Primiz solche Freudenbezeugungen verschwende, da sie ja den jungen Mann zu einem beklagenswerten Leben und zu einer beständigen Heuchelei verdamme. Ja, wenn's eine Hochzeitsfeier gewesen wäredaran könnte man teilnehmen! aber eine Primiz!! – Regina sagte zu Hyazint:

"Da Deinetwegen heute auf Erden schon solch Frohlocken ist, wie mag dann erst der Himmel jubilieren!