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einem Roman gelesen, den er ihr mit grossen Lobsprüchen gegeben hatte. Aber sie schwieg, denn das hatte er vergessen. In seinen Träumen fiel es ihm wieder ein. Als Orest ihm in London die Hundertpfundnote gab, warf er ihr ein paar Goldstücke hin und sagte kalt: Iss Dich einmal satt! Sie tat es buchstäblich einmal. Das übrige Geld hob sie auf, um es ihm zu geben, wenn er später nichts mehr haben würde, wenn die Redaktionen der Journale seine Artikel unbenutzt zurückschickten und wenn es ihn langweilte, ungelehrigen Kindern Unterricht in der deutschen Sprache zu geben. Mit Frohlocken fand er zu Ende des Winters die kleine Summe auf seinem Tisch. Er fragte nicht, er dankte nicht; er rief nur: Jetzt reisen wir! Sie wagte nicht zu fragen, wohin? Er reiste mit ihr ab und fort bis zu jenem Städtchen, wo er ihr erklärte: hier könne sie sich zu ihren wohlhabenden Verwandten begeben oder sich anderweitig leicht ihr Brot verdienen, und hier trennten sich ihre Wege für immer; sie sei der Fluch seines Lebens und den möge er nicht länger mit sich herumschleppen. Sie bat und flehte; er drohte und zürnte. Da sagte sie, sie werde sich das Leben nehmen; er lachteund ging von dannen. Aber in seinen halbwachen Träumen fiel ihm ein, dass sie das sagte, und er fuhr zähneknirschend auf: Bah! wollten sich alle Weiber aus Liebesgram ein Leid antun, so wäre die halbe Welt entvölkert. Und endlich schlief er denn doch ein. –

Der arme Wendel aber murmelte ununterbrochen.

"Gottes Mühlen mahlen langsam." Das war der Gedanke, der sich am tiefsten seines Gemütes bemächtigt hatte und der ihm Stich hielt, als sein von Leiden aller Art geschwächter Organismus unter dem letzten furchtbaren Schlag seine geistigen Fähigkeiten, sein klares Bewusstsein verlor. Seine brave Schwester gönnte ihm gern den Platz im Grossvaterstuhl hinter dem Ofen im Winterund im Sommer auf der Bank unter dem alten Birnbaum im Garten, wo die Bienen so munter summten. Im haus tappte er still herum, tat nichts, sprach mit niemand. Seine Buben zog die Bäuerin ebenso rechtschaffen und fromm auf, wie sie ihren eigenen Sohn erzogen hatte, der ihr im Spätjahr eine liebe willkommene Schwiegertochter ins Haus brachte. Regina und Levin besuchten öfters den Bauernhof und seine guten Menschen. So wie Wendel Levin erblickte, pflegte er lebhaft auszurufen: "Gottes Mühlen mahlen langsam" und die Bäuerin pflegte betrübt beizusetzen:

"Ach, hochwürdiger Herr! hätte die arme Rosel das bedacht, so hätte sie Busse tun und vielleicht noch eine Heilige werden können."

"Ja," sagte Levin, "Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe."

Brautkränze

Hyazint hatte das wunderbare Erbe angetreten, das niemand durch irdische Begabung beanspruchen und durch irdische Berechtigung in Besitz nehmen kann; das wunderbare Erbe, welches dem Auserwählten himmlische Begünstigung zuwendet, an die zugleich irdische Entsagung geknüpft ist, damit er eingedenk bleibe, dass diese höchste Gunst von oben komme und keine Naturgabe sei; Hyazint hatte die Priesterweihe empfangen. In seiner zärtlichen Andacht zur Mutter Gottes wählte er den Tag Maria-Hilf, um seine Primiz, seine Erstlingsfeier des heiligen Messopfers, zu begehen. Ganz Windeck war in einem Freudenrausch; sogar der Grafobgleich er behauptete, er werde nur durch die übrigen mit fortgerissen, ihm blute eigentlich das Herz, da ja nun der gute Hyazint in sein kaplanisches Elend hineingehen müsse. Dennoch tat er alles, um in seiner Weise das fest zu verherrlichen. Das Schloss wurde von oben bis unten bekränzt, bewimpelt und beflaggt, die Böller aufgestellt, die ganze Verwandtschaft und Freundschaft eingeladen, die Kapelle glänzend geschmückt. Ein wunderschöner Kelch sollte sein Angebinde für Hyazint sein. Die Baronin Isabelle, Regina und Corona hatten jede ein Messgewand für ihn gestickt und Regina ihm den Kranz gewunden.

"denke' an mich, wenn Du ihn trägst und bitte Gott, dass ich bald einen ähnlichen Brautkranz tragen dürfe," sagte sie, als sie ihm den Kranz reichte.

"Die heilige Gottesmutter vergisst Dich nicht," entgegnete Hyazint.

Es kamen viele Verwandte. Uriel fehlte nicht. Sogar Orest traf aus Mailand ein; Uriel hatte darauf gedrungen.

Am Tage Maria-Hilf trug die ganze natur den bräutlichen Frühlingsschmuck; die Erde lachte im Blütenkranze des Mai und der blaue Himmel unter seiner Sonnenkrone. Die Schlosskapelle glich einer Blumenlaube mit Kerzenlicht durchwebt; der Altar war strahlend. Hyazint im weissen, goldgestickten Messgewande, den mystischen Brautkranz auf der reinen Stirn, ging zum Altar; neben ihm die mystische Braut, die ihm die brennende Kerze trug, ein kleines sechsjähriges Mädchen, die jüngste unter allen Verwandten. Levin und Pater Atanasius von Kloster Engelberg, Hyazint's Beichtvater von Kindheit auf, assistierten. Ein wunderbares fest! auf Erden wird es gefeiert, aber es gehört dem Himmel an. Die Weihe, das Opfer, der Gegenstand, die Bestimmungalles ist himmlisch, alles ist Gnade, alles betrifft den übernatürlichen Menschen. Da wandelt ein Jüngling zum Altar, verliebt in die göttliche Liebe und dem geheimnisvollen Opfer, das seine gebenedeite Hand als reines und demütiges Werkzeug vollzieht, schliesst er das Opfer seiner vollkommenen Hingebung an und da, wo der süsse Wohlgeruch des heiligsten Blutes zum Trone Gottes emporwallt, da steigt auch aus der zartesten Blüte des Menschenwesens ein Arom von unirdischer Lieblichkeit und Schönheit auf.