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und sie zurückgebracht auf die Schwelle ihrer Heimat, nachdem er sie dem Elend in New-York entrissen und seine Armut in London mit ihr geteilt? Um welchen Preis, das brachte er nicht in Anschlag. Es war ja ihr Wille, ihre leidenschaft für ihn, welche sie zu seiner Sklavin machten. Sie war ja glücklich durch ihn, so lange er sie liebteund dass er sie nicht ewig lieben werde, hätte sie sich doch wohl vorstellen können. Er hatte ihr ja tausend Mal gesagt, das wahre Glück beruhe nur auf freiwilligen Verhältnissen und Neigungen und ersterbe in jeder Art von Zwang. Zwang des Herzens sei ein Verbrechen, ein Selbstmord, den der Mensch an seiner Liebe begehe; und weil die Ehe diesen Zwang auf zwei Leute für immer werfe, die vielleicht nach sechs Monaten gründlich gleichgültig für einander wären: so müsse man die Ehe verabscheuen. Mit dem allen war sie einverstanden gewesen, so lange er sie liebteund dann plötzlich nicht mehr! Schwäche des weiblichen Kopfes, der jeder Logik unzugänglich ist, weil er von den falschen Schlüssen des Gefühls übermeistert und konfus wird, sprach Florentin zu sich selbst. Alle Frauen scheitern an ihrem Subjektivismus! Zur hohen objektiven Anschauung und Beurteilung grosser allgemeiner Verhältnisse, denen man sich mit voller Kraft und Begeisterung hingeben muss, erschwingt sich keine! – nämlich keine Rosel. Die bleibt im Gefühl stecken .... und Punktum! – Aber das Gewissen liess sich nicht ganz übertäuben. Wer steckte denn tiefer im praktischen Subjektivismus, nämlich im Egoismus, als er? In stiller Nacht, in den Augenblicken, welche dem Schlaf vorhergehen, wenn die geheimnisvolle Macht, die einen Riesen an geistigen und leiblichen Kräften in unsichtbare unwiderstehliche Fesseln schlägt, seine richtige oder falsche Logik durch das Einschlafen unterbrach: dann stiegen andere Bilder in Florentin's halbträumenden Gedanken auf. Ja! ihre leidenschaft hatte sie zu seiner Sklavin gemacht; aber auf dem Bauernhof ihrer Eltern, auf dem Auswandererschiff, in dem Elend von New-York hatte er diese leidenschaft geweckt und genährt durch seine giftigen Lehren, seine verderblichen Ansichten. Warum hörte sie hin? warum nahm sie dieselben an? Ja, das war freilich ihre Schuld: sie gab Gehör dem Zischen der alten Schlange! Aber warum schmeichelte er ihr mit seiner Bewunderung, dass ein schlichtes Bauernmädchen eine so feine Fassungsgabe besitze, und warum ging diese Bewunderung mehr und mehr auf ihre Persönlichkeit über, und warum fand er einen solchen Reiz in der Wahrnehmung, dass ihr Herz, welches er so geflissentlich vom Glauben an Gott und an göttliche Gebote ablöste, ihn zu einem Gott machte, an den es glaubte? Ich bin kein Gott! rief Florentin aus seinen Bilderträumen sich aufreissend und wach schüttelnd. Ich bin kein Gesetzgeber für andere! warum glaubte sie an mich? warum folgte sie mir? – – Ein Grauen überfiel ihn, dass er die Verantwortung seiner Grundsätze und ihrer Folgen für sich selbst und für andere übernehmen solle; und doch wollte er behaupten, diese Grundsätze wären die einzig wahren, und an ihrer Verbreitung und Durchführung hänge der Fortschritt der Menschheit. Und immer, wenn er einschlafen wollte, kamen diese quälenden Vorstellungen. Sein eitler Triumph, als sie, alle weibliche Zurückhaltung verlierend, ihre Eltern floh und zu ihm kamund für ihn arbeitete und sich abmühte, was ihr sonst ein Gräuel warund für ihre person mit dem Armseligsten sich begnügte, während sie sonst an eitlem Tand übergrosses Wohlgefallen hatteund ihm nach London folgte und auch dort mit übermenschlicher Anstrengung zu jeder Arbeit, zu jedem Dienst bereit war, um ihr Leben zu fristen, damit sie ihm nur nicht zur Last falle und um wohl gar seinen Bedürfnissen abzuhelfen! Und wie sein eitler Triumph bald verrauschte und überging in Widerwillen, ja, in grimmigen Hass, weil sie ihm fürchterlich zur Last fiel mit ihrer person, mit ihrer Opferwilligkeit, mit ihrer Liebe, die er verachtete, weil sie sich misshandeln liess. Die Unglückselige, was sollte sie beginnen? Lieben muss das Menschenherz; dazu ist es geschaffen, dazu wird es von der natur gedrängt, dazu geheiligt von der Gnade; das ist sein höchstes, irdisches und göttliches Gesetz. Aber die Unglückselige! sie hatte die Liebe zu Gott verlassen, den einzig ächten Quell jeder Liebe hienieden, welche Anspruch machen darf auf diesen himmlischen Namen; sie klammerte sich an die Kreatur, und umso fester, als sie keinen anderen Halt hatteund d a s nannte sie Liebe. Mit einer Ausdauer, welche unter anderen Verhältnissen und um Gottes Willen geübt, die schönste Tugend und die lichteste Glorie des weiblichen Herzens ist, ertrug sie Florentins schneidende Behandlung, die Ausbrüche seines Zorns, seines Widerwillens, seine Vorwürfe über ihre lästige Gegenwart. Sie suchte sich unsichtbar zu machen, um ihm nur nicht in den Weg zu kommen. Sie wünschte gar nicht von ihm beachtet zu werden; und all' diese unsäglichen Ängste und Erniedrigungen nahm sie hin, damit er sie nur in seiner Nähe dulde und sie nicht ganz verstosse. Wenn er damit drohte, ja, dann geriet sie ausser sich und in einen solchen Wahnwitz von Verzweiflung, dass er sich fürchtete. Hättest Du einen Hund, sagte sie, den Du nicht zu füttern brauchtest, würdest Du ihm nicht den Platz im Winkel Deines Zimmers gönnen? verlange ich mehr als ein Hund? In welchem Roman hast Du das gelesen? fragte er höhnisch. Sie hatte es allerdings in