sieht ja aus wie sein eigener Grossvater. Nun Wendel, sprecht: kann das eure Tochter sein?"
"Gottes Mühlen mahlen langsam," sagte Wendel stumpf, tat seine kranken Augen weit auf und blickte mit blödsinnigem Lächeln umher.
"Auch das noch! er ist irr!" ächzte die Bäuerin und fiel auf die Bank. –
Regina unterstützte sie und rief nach Essig und kaltem wasser. Der Gerichtsdiener sagte ehrerbietig zu Levin, der den unglücklichen Wendel in seinen Armen hielt:
"Hochwürdiger Herr, reden Sie der Frau zu, dass sie mit uns gehe. Der arme Mann ist ja seiner nicht mächtig. Vielleicht ist's auch nicht die Wendelrose. Die Bräuerin aus dem roten Ochsen kann sich ja irren. Man muss nur Gewissheit haben, ob Ja, ob Nein."
"Hat die Bräuerin aus dem roten Ochsen gesagt, dass es die Wendelrose sei: so ist sie es;" nahm die Bäuerin mit schwacher stimme das Wort; "denn d i e ist aus der Verwandtschaft meiner Schwägerin selig. Wer von uns zur Stadt geht, kehrt bei ihr ein. D i e kennt die Rose wie ihr eigen Kind." –
Man kam endlich dahin überein, dass die beiden ältesten Buben mit den Gerichtsdienern in das benachbarte Städtchen gingen. In einer Oberstube des Postalterhauses lag auf dem Bette, völlig angekleidet und in einen schottischen Shawl gehüllt, eine weibliche Gestalt. Die Fenster des Zimmers waren geöffnet und die tür verschlossen. Ein Gerichtsdiener hielt vor derselben Wache. Unten in der Wirtsstube drängten sich die Leute und besprachen das grausige Ereignis. Als die beiden Buben anlangten und die Treppe hinauf geführt wurden, wälzte sich ein Menschenstrom ihnen nach, und kaum öffnete sich ihnen die Zimmertür, so stürzten Beide mit dem Jammergeschrei: "Rosel! ach Rosel!" dem Bette zu. Nun wusste man, dass es die Wendelrose sei!
Das Gericht nahm ihren armseligen Reisesack in Verwahrung. Es fand sich darin kaum das Notdürftigste an Wäsche, ihr Pass, der vor einigen Tagen in London ausgestellt war, und ein kleines Buch von der Nachfolge Christi, in welchem der Name Kunigunde Windeck stand. In diese hände war Regina's fromme Gabe an Florentin geraten!
tages zuvor in aller Frühe war aus dem Post-Omnibus, der zwischen Aschaffenburg und Miltenberg fährt, in diesem Städtchen ein junger Mann und eine junge Frau ausgestiegen, die man für Engländer hielt, denn sie sprachen englisch und trugen blaue Brillen. Er forderte ein Zimmer und Frühstück. Man hörte sie lebhaft, ja heftig sprechen – wohl eine Stunde lang. Dann ging der Mann fort und sagte zu der Magd in der Küche: wenn die Frau zu Mittag noch da sei, was er aber nicht glaube, so möge man ihr eine Suppe bringen. Sie war noch zur Mittagszeit da und die Magd brachte ihr etwas Essen. Sie lag auf dem Bette, hatte ihre blaue Brille abgelegt und die Magd bemerkte, dass sie furchtbar geweint habe. Gegen Abend ging sie aus und blieb ein paar Stunden fort. Als sie wiederkam, war es ganz finster und sehr kalt. Sie zitterte am ganzen Körper und begehrte Feuer im Ofen und einen Kasten voll Kohlen. Als die Magd das Feuer angezündet hatte und das Mittagbrot unberührt auf dem Tische sah, fragte sie, ob sie vielleicht warmes Abendessen bringen solle. Nein, war die Antwort, aber Bier; ich verschmachte vor Durst, denn ich habe ein Fieber. Als die Magd das Bier brachte, dankte sie ihr und schloss die tür hinter ihr zu. Am anderen Morgen um neun Uhr war es noch immer ganz still bei der Fremden. Die mitleidige Magd horchte, klopfte leise an und versuchte die tür zu öffnen. Alles blieb still. Sie wurde ängstlich, lief zur Wirtin und bat diese, die Fremde zu wecken. Aber umsonst. Die Stille war so unheimlich, dass die Postalterin den Schlosser rufen und die tür sprengen liess. Kohlendunst erfüllte das Zimmer, denn die Klappe des Ofens war zugedreht – und die Fremde lag tot auf dem Bette. Neben dem leeren Bierkrug lagen zwei Zwanziger auf dem Tische. Dies war das Ende der Wendelrose: Hoffart, die in Gemeinheit unterging; zuerst der Rausch der Sinnlichkeit, zuletzt der Rausch des Biers; – Schmach im Leben, Schmach im tod. Abseits an der Kirchhofsmauer wurde sie in aller Stille beerdigt, und kein Priester sprach den Segen über ihrem grab. Als die Begebenheit bekannt wurde, erzählte ein Reitknecht: es sei an jenem Abend ein Frauenzimmer im Windecker Schlosshof erschienen und habe sich scheu umgesehen. Er habe sie für eine Art von Bettlerin gehalten und sie gefragt, ob sie den hochwürdigen Herrn zu sprechen wünsche. Nein! habe sie gerufen, den Priester will ich nicht! aber die Gräfin Regina! Auf seine Antwort, dass diese abwesend sei, habe sie sich gleich entfernt. Eine Stunde später sei Gräfin Regina angekommen; so dass er bei sich selbst gedacht habe: Schade, dass die arme person nicht gewartet hat! – Noch da, gleichsam in ihrer letzten Stunde, bot ihr die göttliche Barmherzigkeit Versöhnung und Gnade durch seinen Priester an. Der hätte sie grettet an Leib und Seele. Sie schlug ihn aus; sie begehrte menschliche Hilfe; als sie diese nicht fand – ging sie unter an Leib und Seele. –
Florentin war verschwunden. Leichten Herzens ging er nach der Schweiz. Hatte er nicht das Äusserste für Rose getan