dem Priester wollt! man muss sich ja schämen für Euch! – Starr blickte die arme Frau die Rose an und sagte kein Wort mehr; aber sie schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Und nun nahm sie das Beste, was sie ihrem kind zu geben hatte, ihren Rosenkranz nahm sie vor, der am heiligen Blut zu Waldürn geweiht war, den sie manches Jahr in der tasche bei sich getragen und hundert- und tausendmal gebetet hatte. Den zog sie hervor und küsste ihn andächtig, und küsste einzeln den lieben Herrgott und die Muttergottesmedaille, die daran hingen. Dann schug sie ihn um den Hals des Kindes und steckte das Kreuzchen mitten auf der Brust des Kindes mit einer Nadel ganz fest am Hemdchen an. Dann schlug sie die kleine Leiche von Kopf bis zu Fuss in eine ihrer Schürzen sauber und sorgsam ein und trug sie vorsichtig auf ihren Armen zu den Matrosen, welche sie in ein altes Stück Segeltuch wickelten, mit Stricken auf ein schmales Brett festschnürten, an dessen Fussende eine eiserne Kugel hing. Das sah sie alles mit an, die arme Mutter, und die drei Buben und ich sahen es auch mit an; und darauf sagte sie: 'Nun kommt, ihr Kinder! nun wollen wir fünf Vaterunser und fünf Gegrüsst seist du, Maria für unsere liebe kleine Teres beten, damit sie bald zur seligen Anschauung Gottes gelange;' kniete nieder mit ihren Buben und betete laut. Und ich betete mit, hochwürdiger Herr, aber leider nur ganz leise. Und ich kniete auch nicht; mir waren die Knie steif von Trotz gegen Gott und von Menschenfurcht. Die Rose aber war gar nicht mitgegangen, hatte sich in ein Eckchen gedrückt und weinte da still vor sich; denn nicht aus Bosheit hatte sie so hart zur Mutter geredet, sondern aus Menschenfurcht, besonders wegen dem Florentin; und Sie sehen, hochwürdiger Herr, dass sie von mir auch den Sparren im Kopf geerbt hatte. Endlich hoben die Matrosen das traurige Brett auf. Da stiess mein armes Weib einen dumpfen Schrei aus und fiel wie tot zu Boden. Ich aber schaute starr aufs Meer und sah Etwas in die Wellen hineinschiessen, die sich spalteten und wieder zusammenrauschten; und es wurde mir schwarz vor den Augen." – –
Wendel schwieg erschöpft, drückte seine hände krampfhaft an die Stirn und sagte nach einer Weile:
"Ich will es kurz machen, hochwürdiger Herr, und Sie nicht ermüden mit der Erzählung von allem, was wir drüben gelitten haben. Es waren nur zwei Jahre, aber man könnte dicke Bücher davon schreiben. Das Schiff war ein Stück Fegfeuer; ja! aber da hoffte ich! Drüben kam die Hölle, wo man nicht mehr hofft. Geht man hinüber, ledige Leute, kräftig, zu jeder Arbeit willig; oder Vater und Mutter noch rüstig und mit erwachsenen rüstigen Kindern – nun ja, dann schlägt man sich durch unsägliche Mühsale durch, und muss auch die eine Hälfte darüber ins Gras beissen, so kommt die andere doch wohl auf einen grünen Zweig. Aber wir! – wir waren unserer sechs, von denen die drei Buben nicht arbeiten konnten, weil der älteste erst zwölf Jahre alt war. Ich ging nicht nach Amerika, um zu arbeiten; hätte ich das gewollt, so hätte ich daheim bleiben und Weib und Kinder ernähren können. Die Rose war ebenso arbeitsscheu wie ich, alle Untugenden hat sie von mir geerbt. Da war also niemand, der sich auf die Arbeit verlegte, als meine Frau. Essen und Obdach haben – wollten wir aber alle sechs. Es gibt auch gar keine Arbeit in den grossen Seestädten für die armen Auswanderer. Die müssen gleich in die Landstrecken des Westens ziehen und ein kleines Betriebskapital mitbringen, um sich das Notwendigste an Lebensbedarf, Gerätschaften und was eine Niederlassung und Ackerwirtschaft in der Wildnis erfordert, zu kaufen. So machtens ein paar Schwaben, Vater und Sohn, brave Leute, mit denen wir zufällig den ersten Tag zusammentrafen. Der Sohn freite auf der Stelle um die Rose. Weibsbilder sind rar in Amerika; da bleibt keine ledig. Aber Rose rümpfte gewaltig die Nase und meinte, es verlohne sich nicht der Mühe, nach Amerika zu gehen, um dort einen schwäbischen Bauern zu heiraten; den könne man auch in Europa haben. Sie war wie behext von dem Florentin. Auf der Reise hatte das angefangen und es nahm zu, je mehr Florentin erkannte, dass in New-York die amerikanischen Prinzessinnen nicht herumliefen, die sich ihm in die arme werfen würden. Da stieg denn das Bauernmädel ganz gewaltig in seinen Augen, und da er sich auch recht verlassen fühlen mochte, so tat's ihm wohl, dass sie ein Herz für ihn hatte. Es ging ihm schlecht, ich sah es an seinem abgetragenen Rock; und er fing auch bald an, auf Amerika zu schimpfen, obgleich mehr und mehr von seinen Leuten, den Revolutionsmännern, herüber kamen. Es hatte aber jeder vollauf zu tun, um sich nur durchzubringen; denn alles, was zum Lebensbedarf gehört, ist furchtbar teuer da drüben. Was man anschaut, kostet einen Dollar. Da kann nicht so leicht einer dem andern beistehen, wenn er auch wollte, und wenn er Zeit hätte, an einen andern zu denken, als an sich selbst. Jeder muss zugreifen und das Stück Arbeit, das er eben findet, geschwind verrichten; sonst schnappts ihm ein anderer vor der Nase weg