Mitleid, so ist Dein Herz ja in der Tat trefflich fein ausgemahlen."
"Und ich wollt' es schon aushalten, hochwürdiger Herr, wenn nur nicht der Gram um mein Weib und die Rosel wäre! mir hat der Florentin den Kopf verdreht – der Rosel das Herz."
Regina hatte bisher schweigend zugehört. Jetzt stand sie auf und sagte mild wie der Engel der Barmherzigkeit: "Wendel, ich kann's nicht aushalten, eine so traurige geschichte von der armen Rose zu hören. Ich will hinausgehen und die Buben ein wenig im Katechismus examinieren."
"Im Katechismus?" sagte die Bäuerin, indem sie Regina begleitete; "dass Gott erbarm! Die Buben sind wie die Wilden, gnädige Gräfin, und wissen vom Katechismus so wenig, wie die Krähe vom Sonntag."
"Wo ist denn die Rose? kann man ihr nicht helfen?" fragte Levin, als er mit Wendel allein war. "Sie kann ja nicht im Bösen verhärtet sein; sie ist ja so jung."
"Auf Georgi neunzehn Jahre, hochwürdiger Herr. Sie war von Kindesbeinen an ein sauberes Mädel, aufgeweckt und klug – aber hoffärtig! den Sparren im Kopf hat sie richtig von mir geerbt: sie wollte hoch hinaus. Das grämte ihre arme Mutter; mich freute es. Als der Florentin hier herum scharwenzelte, war sie blutjung; aber sie suchte immer dabei zu sein, wenn er mit mir sprach, und begriff alles so gut, dass sie mir manches erklärte, was ich nicht begriff, so z.B. das Selbstregiment, welches das Frauenzimmer in der neuen Freiheit führen würde; und die edle freie Liebe, die jede glücklich machen würde, wenn sie der Neigung ihres Herzens freien Lauf liesse. Ich meine, sie war damals schon in ihn vernarrt. Da ich aber meinen eigenen Grillen nachging und auch sah, dass der Florentin, trotz seiner glatten Reden, viel zu hochnasig war, um nicht lieber mit einer amerikanischen Prinzessin, als mit einem deutschen Bauernmädel zu charmieren: so kümmerte ich mich nicht weiter darum und arbeitete für die deutsche Freiheit, die mich und Rosel zu hohen Ehren bringen sollte. Statt dessen ging das Ding schief. Die Fürsten brauchten ihr Recht, wie ich j e t z t sage; damals sagte ich: Gewalt! und liessen tüchtig auf die Revolutionäre schiessen, was sie von Anfang an häten tun müssen, um die Rädelsführer zu ducken und die Betörten zu belehren, dass man sich beim Barrikadenbau ganz umsonst die Fäuste blutig arbeite. Bei dem Maiaufstand in Dresden im Jahre 1849 war ich noch; denn ich zog umher, bald hier und bald da, und liess mein Weib auf unserem hof wirtschaften, und liess mir jeden Kreuzer schicken, den sie, Gott weiss wie sauer! erarbeitete. Aber in Dresden bekam ich's satt. Da hiess es freilich, nun müssten alle tüchtigen Männer nach Holstein ziehen und den Dänenkönig aufs Haupt schlagen. Aber ich ging nicht mit; sondern heim, verkaufte in der Stille meinen Bauernhof und erklärte dann meiner Frau, wir wären jetzt Auswanderer, die sich in Amerika ein Stück Paradies aussuchen würden. Ihr Jammergeschrei klingt mir noch in den Ohren! – Der Hof war verschuldet, dass von der Verkaufsumme nicht einmal unser Reisegeld übrig blieb. Der Herr Graf und Sie, hochwürdiger Herr, mussten eine Beisteuer geben, die ich durch mein armes Weib erbitten liess, wobei Sie noch sagten: es tue Ihnen recht leid wegen der guten Frau. Endlich musste auch noch die Bärbel mit ihrem Sparpfennig herausrücken, damit wir nur fortkämen. Das war eine erbärmliche Reise, ein Stück vom Fegfeuer, hochwürdiger Herr! mein jüngstes Kind starb auf der Überfahrt; ein herziges Kind, die Teres, sechs Jahre alt, der Mutter Augentrost. Es konnte die Stürme und die Seekrankheit und das Elend der Zwischendeckspassagiere nicht aushalten; es bekam ein Fieber, das immer stärker und stärker wurde und am neunten Tage war es tot. Unter den Passagieren der ersten Kajüte befand sich der Florentin, der inzwischen in Italien Revolution gemacht hatte – aber auch nicht auf die Dauer. Er war ja ein studierter Arzt und er besuchte auch die kleine Teres; allein er sagte, gegen einen so heftigen Typhus sei nichts zu machen. Das Kind war kaum verschieden und noch nicht kalt, da schrie das ganze Schiff, man müsse es gleich über Bord werfen, damit es aus dem Wege komme und nicht Ansteckung verbreite. Sie hätten es schon gerne bei lebendigem leib über Bord geworfen, glaube' ich! Meine Frau wollte schier verzweifeln. Ach, erbarmt euch, ihr Leute, erbarmt euch! schrie sie, und schafft mir einen Priester, dass er den letzten Segen über mein Kind spreche. Es war aber kein Priester auf dem Schiff, und die Leute, die umherstanden und hörten, wie sie nach einem Priester jammerte, brummten in den Bart oder grinsten höhnisch und einer sagte, man müsse nicht so viel Umstände machen mit dem Stückchen Fischfrass. Als nun meine Frau fortwimmerte: erbarmt euch meiner, ihr Leute! es ist ja ein christliches Kind! ein im heiligen Blut Jesu getauftes, unschuldiges Kind! das kann man ja nicht dahinwerfen ohne priesterlichen Segen! da trat die Rose auf sie zu, schüttelte sie am Arm und sagte ganz rot und verlegen: Mutter, schreit doch nicht so! die Leute sehen Euch an und wundern sich, was ihr mit