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! bist Du krank gewesen?" fragte Levin und setzte sich teilnehmend zu ihm an den glühenden Ofen. Hast Du kein Gold gegraben in Kalifornienoder wo Du sonst warst?"

"Zwei Gräber hab' ich gegrabenfür eine Tote und für eine Lebende, sonst nichts!" sagte Wendel mit dumpfer stimme und fuhr mit der Faust über seine geschwollenen Augenlider.

"Wir wollen Gott danken, dass Du wieder bei uns bist," sagte Levin mild ablenkend, "und die Toten der Barmherzigkeit Gottes empfehlen. Dann wollen wir sorgen, dass Du wieder gesund wirst und arbeiten kannst. Ich besorge Dir den Arzt, Medikamente und Wein zur Stärkung; Regina schafft einige Kleidungsstücke für Dich und die Buben an; Deine brave Schwester gibt Euch Obdach und Nahrung; und mit der Sommerszeit bist Du ein neuer Mensch gewordengelt?"

"Und wie hat er mir zugesetzt, der Wendel, auch nach Amerika zu gehen!" rief die Bäuerin. "Da wären Ländereien, gross wie eine Grafschaft, um nichts zu haben und keinen heller Steuern dürfte gefordert werdenund Prinzen heirateten Bauernmädel und Bauernbuben Prinzessinnenund alle wären ein Herz und eine Seele."

"Hat mir alles der Florentin erzählt, der Florentin Hauptmann, hochwürdiger Herr!" sagte Wendel. "Aus dem hat sich der Herr Graf eine Natter auferzogen! ja, eine Natter für viele von uns! In den bösen Jahren schlich er hier umher, und tat so schön und sprach so klug, dass es in der ganzen Welt jetzt vorwärts! hiesse, so dass die geringen Leute obenauf kämen. Denn die, welche den Erdboden bebauten, die müssten ihn auch von Rechts wegen besitzen. So wär's in Amerika; leider aber in Deutschland nicht, denn die Fürsten und Edelleute verhinderten das, und die pfaffen unterstützten sie in ihrer Bosheit, indem sie dem gemeinen Mann Gehorsam vorpredigten. Darum müssten sie sich alle zusammentun, die das Herz auf dem rechten Fleck, Liebe für die Befreiung des deutschen Vaterlandes und Sinn für den Fortschritt hätten; und sie müssten es durchaus dahin bringen, dass Deutschland nicht hinter Amerika zurück und nicht in der Knechtschaft sitzen bliebe. Das wär' eine Schande, sagte er. Und in diesem Ton ging das fort. So sprach er, so las er aus allerhand Schriften vor. Wer ihm glaubtedas war ich! besonders dann, hochwürdiger Herr, wenn er den Schoppen dazu setzte. Ich hatte ja immer einen unruhigen Kopf, wie Sie ja wissen, und meinte, ich wäre zu was Besserem geboren; ich wusste nur nicht zu was. Aber der Florentin steckte mir ein Licht aufnur leider ein Irrlicht! Ich wollte in Deutschland ein freier Amerikaner werden, und hasste deshalb Fürsten und Herren und Priester, und half Barrikaden gegen sie bauen. Ich warf grimmig den Stein gegen Ihr weisses Haupt, hochwürdiger Herr, als ich durch die Flur strich, um meine Kameraden aufzusuchen, mit denen ich, unter Florentins Anführung, den Marsch auf Windeck und die Plünderung der Gewehrkammer des Herrn Grafen verabreden wollte. Es kam aber nicht dazu! Florentins Stirn war nicht eisern genug, um vor dem Schloss Stich zu halten, und Gräfin Regina liess uns durchaus nicht herein. Aber, hochwürdiger Herr, da der Florentin, der doch auf dem gräflichen Schloss in Sammt und Seide und aller Gelehrsamkeit aufgewachsen und fast ein Grafensohn geworden, und dennoch statt mit seinem Schicksal zufriedenmit der ganzen Welt missvergnügt war: musste ich da nicht leicht irre geführt werden und glauben, es gehe verkehrt auf der Welt zu?"

"Es war eine Versuchung, armer Wendel, und Du hättest ihr wohl widerstehen können."

"Freilich, hochwürdiger Herr! aber ich war wie ein Mensch, der im Rausch umherrast, um etwas zu ergreifen, was in seinem verkehrten Hirn sitzt, aber sonst nirgends."

"Ach, Wendel!" jammerte die Bäuerin, "hättest Du auf mich gehört und auf Dein armes Weib, so wärst Du nimmer in dies Elend geraten."

"Ich weiss! ich weiss, Bärbel! Ihr war't beide brav und gottesfürchtig und habt mir tausendmal gesagt: Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht; und habt mich bitterlich weinend gebeten, mich mit dem lieben Herrgott durch würdige Beicht und Kommunion zu versöhnen. dafür hab' ich Euch verlacht und verspottet, und mich trotzig abgewendet von Gottes Gnade und Herrlichkeit, und mein armes Weib' in's Elend geschleppt, wo sie vor Hunger und Kummer umgekommen ist ohne Priester und Sakramentund die Rosel verloren für Zeit und Ewigkeitund den siechen Leib, den Bettelstab und die hungernden Buben in Dein Haus zurückgebracht, weil ich auf Gottes weiter Welt sonst nicht weiss wohin. Ja, Bärbel: Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein; was durch Langmut er versäumet, holet er durch Schärfe ein. Das war ein Kernspruch von der Mutter selig; weisst Du's noch, Bärbel? ich vergass ihn Zeit meines Lebens. Als ich drüben blind und krank an den Pocken lagein armer Lazarus vor des reichen Mannes Türda fiel er mir ein und kommt mir nicht mehr aus dem Sinn. Ja, ja, Bärbel! Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein!"

"Wenn Du das einsiehst, armer Wendel," sagte Levin mit zärtlichem