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rauschten auf und nieder mit ihrem klingenden Flügelschlag und schimmerten wie Silberflocken im lichten Blau. Der Fink sass am Waldessaum in unbelaubten Bäumen und schlug sorglos seinen süssen Schlag; und aus der Waldestiefe tönte dumpf und taktmässig die Axt des Holzschlägers. Die Hähne krähten schallend von einem Gehöft zum andern. Hie und da bellte ein Hund, der eine einsame Hütte zu bewachen hatte, in welcher kleine Kinder ihrem Schutzengel und seiner Obhut von den auf Arbeit ausgehenden Eltern anvertraut waren. Aus den Schornsteinen stiegen kerzengerade feine geschlängelte Rauchsäulen auf und zerflossen in der Höhe. Wohltuender Friede war der Grundzug dieses schlichten Stilllebens in der natur- und der Menschenwelt

Als Regina mit Levin in den frischen Tag hinaus trat, sog sie diese Bilder und diese Klänge durstig ein und sagte dann mit einem langen Atemzuge sehr fröhlich:

"Ach, lieber Onkel! hörst Du wohl, dass die Lerche singt: Dir! Dir! Dir! Dir, Herr, sei Ehr'! – und dass der Fink schlägt: Wie lieb', wie lieb', wie lieb' ich Dich!"

"Ja, Kind," erwiderte er gerührt, "wer gern an Gott denkt, der findet ihn überallund wer aus ganzem Herzen nach ihm verlangt, dem begegnet er überall."

"Aber wo ist denn die Wendelrose geblieben?" fragte sie teilnehmend.

"Das weiss ich nicht! wir werden es ja bald von dem Vater erfahren."

"Und wie ist er denn zum Kreuz gekrochen, der böse Wendel?"

"Wie der verlorene Sohn. bestes Kind! Er schrieb mir im vorigen Herbst einen verzweiflungsvollen Brief aus New-York und bat um Reisegeld zur Heimkehr für sich und seine Söhne."

"Wie frech! Du hast ja früher so viel für ihn getan!"

"Und doch nicht genugnicht genug für ihn gebetet! Ueberdies gestand er ein, dass er sich der Unterstützung von meiner Seite umso unwürdiger fühle, als er einst in seinem blinden Hass gegen die Priester mit einem Steinwurf mich schwer verletzt habe. Dies freiwillige Bekenntnis rührte mich sehr. Ich sorgte für Reisegeldund jetzt ist er da."

Sie hatten das Gehöft erreicht. Bei ihrem Eintritt in den Hof balgten sich drei Buben in armseligen Kleidern mit dem grossen Hofhund herum, der von ihnen abliess, um durch heftiges Bellen Fremde anzukündigen. Die Bäuerin eilte aus der Küche herbei, begrüsste mit ehrfurchtsvollem Handkuss den hochwürdigen Herrn und Regina mit bescheidener Vertraulichkeit und seufzte, in Tränen ausbrechend:

"Ach, mein armer Bruder! Nichts als das nackte Leben, Gram und Krankheit und die Buben dahat er heimgebracht!"

"Aber vielleicht ein bekehrtes Herz: und das ist die Hauptsache," sagte Levin tröstend.

Die Bäuerin führte den Besuch in die stube, die mit vielen Heiligenbildernden Schutzpatronen der ganzen Familiemit Kruzifix und Muttergottesbild von Engelberg, mit Weihwasserbrünnlein und geweihtem Palmzweigder freilich nur Buxbaum warsauber und freundlich sich ausnahm. Tische und Bänke waren so rein und glatt abgewischt, dass sie wie poliert aussahen. Die buntbemalte Schwarzwälderuhr ging mit ihrem schweren Pendelschlag. Daneben hing der Kalender; – in ungesuchter und richtiger Zusammenstellung an den Wert und die Flüchtigkeit der Zeit erinnernd. In einer Ecke stand ein Nussbaumschrank, hinter dessen Glasfenstern allerlei Kostbarkeiten vor Kindern und Fliegen bewahrt wurden. Da standen uralte Gläser mit goldenem rand; bunte Tassen; ein Jesukindchen von Wachs; ein Osterlämmlein von schneeweissem Zucker, mit einer Siegesfahne von rosenfarbenem Tafft; zwei verblichene Blumensträusse, welche einst Gräfin Kunigunde vom Altar der Schlosskapelle entferntund welche sich die Bäuerin zum Andenken ausgebeten hatte; zwei hellgrüne Pappkästchen, worin sich die Goldkrönchen verbargen, die bei der heiligen Erstkommunion die Kinder getragen hatten; einige Rosenkränze und bemalte geweihte Kerzen, Andenken an Wallfahrten zum heiligen Blut nach Walldürn in schweren zeiten und grossen Nöten. Kurz, die Freuden und Leiden von ein paar Generationen waren in verständlicher Zeichensprache hier eingeschrieben. Nichts war unbehaglich in der stube als die furchtbare Hitze, die aber der Bauer liebt, um sich eben so gründlich zu erwärmen, als er bei seinen Feldarbeiten gründlich durchkältet wird. Trotz dieser Hitze war der Grossvaterstuhl am Ofen nicht leer. Da sass ein Mann von stämmigem Wuchs, aber abgezehrt bis auf die Haut, die welk und gebräunt an seinen derben Händen hing, während sein Gesicht, ganz zerrissen von Blatternnarben, und seine roten geschwollenen Augenlider, seinen erbärmlichen Anblick erhöhten.

"Wendel! der hochwürdige Herr besucht Dich, und Gräfin Regina!" sagte die Bäuerin freundlich.

"Gott vergelt's, hochwürdiger Herr, Gott vergelt's tausendfach, was Sie an mir armen Sünder tun! und bin ich auch nicht Ihrer Güte würdig, so kommt sie doch meinen armen Buben zu gut, die es Ihnen, will's Gott! besser danken werden, als ich!" rief Wendel mit zitternder stimme und am ganzen Körper so heftig zitternd, dass er, der aufgestanden war, um Levin und Regina zu begrüssen, sich gleich wieder setzen musste. Aber er ergriff deren hände und küsste, drückte und schüttelte sie, und seine groben vernarbten Züge nahmen den Ausdruck innigster Dankbarkeit an. Und die Bäuerin stand daneben und klopfte zum Ausdruck i h r e r Liebe immerfort ganz sanft mit der rechten Hand auf Reginas Schulter, während sie in der Linken den Saum ihrer Schürze hielt und sich zuweilen die Augen damit abtrocknete.

"Armer Wendel