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ist Jesu ähnlich. Im vierzehnten Jahrhundert lebte in Schwaben ein ganz wundersamer Liebling Gottes, der in der Welt Heinrich Susoim Kloster Bruder Amandus hiess. Er war ein Sprössling jenes übernatürlichen Baumes, den St. Dominicus in der heiligen Kirche gepflanzt hatein Baum, durch dessen Gezweig das süsseste Gebet säuselt, welches Menschenlippen je gesprochen haben und welches St. Dominicus zusammengestellt hat: der Rosenkranz. Als lebendige Blüten dieses Rosenkranzes glänzen, duften und schimmern Seelen von unübertrefflicher Schönheit im Dominikanerorden: ein Tomas von Aquin, genannt der Engel der Schule, der die Teologie bezaubernd macht. Eine Katarina von Siena, die mit himmlischer Beredsamkeit das Schisma von Avignon zu Endeund Papst Gregor XI. nach Rom zurückführt. Eine Rosa von Lima, die sich zärtlich in die Leiden des göttlichen Vielgeliebten mitleidend versenkt und extatisch aus ihnen hervorgeht. Ein Angelico von Fiesole, der stille Maler, den sogar die stumpfe Welt 'Beato', den Seligen nannte, weil seine Bilder, die er auf den Knieen malte, ein Abglanz himmlischer Herrlichkeit, geschöpft aus seliger Anschauung Gottes, zu sein schienen. Ein Seelenbruder dieser Auserwählten war diesseits der Alpen Heinrich Suso, ein in die Wunden Jesu ganz verliebter und ganz versunkener Ordensmann, der mit so lieblichen, herzzerschmelzenden Worten, als ob sie vom Kreuz herab tönten, von den Leiden heiliger Liebe in seelendurchwundeter Erfahrung schreibt. Dieser sagt einmalund ich sage es Dir als Antwort auf Deine Frage: 'Es gibt nichts Peinlicheres, als Leiden; aber nichts Erfreulicheres, als aus Liebe zu Gott gelitten zu haben. Leiden tut dem Menschen hier wehe, droben wohl. Wären aller Menschen Herzen nur e i n Herz, so könnte es auf Erden doch nicht den kleinsten Lohn ertragen, den der Herr in der Ewigkeit für das geringste Leiden geben wird, das aus Liebe zu ihm gelitten ist. Leidenist der sicherste und kürzeste Weg zum Himmel; ist die Rute der Liebe für Gottes Auserwählte; mindert die Freuden, aber vermehrt die Gnaden. Alle Heiligen im Himmel sind Freunde und Beschützer eines leidenden Menschen, denn sie haben es selbst empfunden, wie bitter und doch wie heilsam der Trank der Leiden ist. Geduld in Leiden ist grösser, als Tote erwecken oder andere Zeichen tun; es ist ein lebendiges Opfer, ein edler Balsamduft, der mächtig zu Gottes Angesicht dringt. Es macht zu Genossen der Martyrer und führt mit sich den Sieg wider alle Feinde. Wer nicht gelitten hat, was weiss der! Im Himmel singt die leidende Seele ein neues Lied, das alle Engelscharen nie singen konnten, weil sie nie gelitten haben.' – Sieh', Regina, etwas so Königliches im Reiche Gottes ist das Leiden. Es ist ein Purpurmantel, den unser Herzblut webt."

"Lieber Onkel," sagte sie, und ihr gewohnter heiterer Friede lächelte wieder aus ihrem schönen Antlitz; "ich hatte dennoch Recht zu sagen: O wunderbarer Tausch! Gottes Trost für vergängliches Leid! – nur darf ich diesen Trost nicht in dem vergänglichen Leben hienieden erwarten. Nun wohlan! um desto sicherer ist er mir in der Ewigkeit aufbewahrt! Meine Glücksbegriffe sind ja noch sehr eng und niedrig, denn ich bin ungeübt und unerfahren. Gehört aber die ganze Summe von menschlichen Elendserfahrungen dazu, um standhaft in der vollkommenen Hingebung an Gott zu werden: so will ich sie in gelassener Unterwerfung annehmen und mit dem heil. Augustinus beten: Gib mir Kraft, o Herr, zu tun, was du gebietest, und dann gebiete, was du willst."

"Ja, Kind! halte Dich möglichst in heiliger Gelassenheit. Kommen Dir Ruhezeiten und Tröstungen, so preise die Barmherzigkeit Gottes; bleiben sie aus, so preise seine Gerechtigkeit. Begehre nie, einen Genuss in Deinem geistlichen Leben zu finden, denn ein solcher ist leicht mit Selbstgefälligkeit gemischt; sondern sprich mit dem heil. Bonaventura: Gibst du mir Freuden, so verwunde mein Herz; und gibst du mir Leiden, so verwunde mein Herzdamit es deinem Herzen, mein Heiland, ähnlich werde!" – Und nun genug, geliebtes Kind! tritt ein in die Schule des Kreuzes mit vieler Demut und vieler Grossmut, sieh gänzlich ab von Dir und schaue einzig und allein auf den Gekreuzigten, dem Du nachfolgen willst. Nur das ist der Weg, auf dem Du die Welt überwinden kannst. – Ich habe jetzt einen Krankenbesuch zu machen," fuhr er in verändertem Tone fort. "Wendel ist vor ein paar Tagen aus Amerika zurückgekommen, schwer krank, ohne Frau und Töchter, mit seinen drei Buben. Ich liess ihm sagen, ich würde ihn besuchen."

"Der Wendel ist wieder da?" rief Regina erstaunt; "ist er vom Republikanismus geheilt?"

Nimm Hut und Shawl und begleite mich. Unterwegs erzähle ich Dir, was ich weiss. Er wohnt jetzt bei seiner braven Schwester."

Gottes Mühlen mahlen langsam

Sie gingen einem Bauernhof zu, der etwa eine halbe Stunde vom Schloss am fuss eines bewaldeten Hügels lag. Die freundliche Märzsonne milderte mit ihrem warmen Strahle schon etwas die scharfe Luft. Die Äcker wurden bestellt und lagen mit ihren umgebrochenen Furchen in langen schwarzen Streifen neben den lichtgrünen der jungen Wintersaat, die unter der eben geschmolzenen Schneedecke kräftig gediehen war. Die Lerchen fuhren von den Feldern auf und in den blauen Himmel hinein und frohlockten ihr ewig junges Lied vom Lob Gottes und vom erwachenden Frühling. Scharen von Tauben