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die Siege, und je grösser der Sieger, desto glänzender seine Kronen. Willst Du keine Versuchungen haben, so verzichtest Du aus Feigheit auf den Siegespreis. – Sieh'! als Du auf Stamberg von Uriel Abschied nahmst und Dich vielleicht recht stark wähntest mit Deiner Entsagung, und recht sicher gegen jeden Angriff von Seiten der menschlichen Schwäche, da trat der Versucher zu Dir, wie einst zu dem Herrnund zeigte Dir von der Höhe herab die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. Und Du blicktest auf sie, wie jemand, der sich gewaffnet wähnt gegen einen feindlichen Überfall, aber die Schlange vergisst, die ihn in die Ferse sticht. Die böse natur hast Du stets zu überwinden gesuchtdies Zeugnis geb' ich Dir gern. Aber Regina, das genügt nicht dem Menschen, der sich ausschliesslich der Liebe und dem Dienste des Herrn widmen will. Der muss auch seine edle und gute natur abtöten, um ganz in der Gnade, durch sie und für sie, zu leben; denn die natur ist nun einmal betrügerisch! Mit tausend Faden hängt sie zusammen mit der Welt, mit dem nächsten, mit unseren guten und schlimmen Eigenschaften, mit unseren Vorzügen und Talentenund beständig sucht sie diesen Zusammenhang zu ihren Gunsten auszubeuten und der schönsten Seelenblüte, der reinen Absicht auf Gott, die Spitze umzubiegen und sie in die Richtung der Selbstsucht zu bringen. Die groben und dicken Faden lösen wir wohl allenfalls ab; aber es bleiben Millionen feine Fädchen übrig, die zuweilen weich wie Seide und schimmernd wie Gold sind und die, wenn wir sie nicht recht vorsichtig ablösen, abstäuben und, in Gnade getaucht, an ihren Platz zurückbringenein Netz von feiner Selbstgefälligkeit knüpfen, welches den Fortschritt der Seele kläglich hemmt. Wohlan, Regina, betrübe Dich nicht, dass Deine natur um kein Haar anders ist, als die von uns anderen armen Sündern; aber liebe und lobe Gott, der Dir den Willen und die Gnade gibt, sie in ihren letzten Verschanzungen abzutöten und der für die durchwundetsten Herzen auch wundervolle Tröstungen hat."

"Welch' ein wunderbarer Tausch das ist: Gottes Trost für vergängliches Leid," sagte Regina mit einem seligen Lächeln.

"O Kind, irre nicht wieder ab vom geraden Wege," sagte Levin sanft und schwermütig und durch seine stimme, seinen blick, sein Lächeln schimmerte eine Welt voll namenloser heiliger Schmerzen. "Gottes Trost findet der, der mit dem heiligen Apostel Paulus gestorben ist, um in Gott zu leben." Was war denn Gottes Trost für den hinsterbenden Gottessohn? Essig, Myrrhen, Verhöhnung, Desolation. Der Wille Gottes muss Dir so süss und lieblich werden, dass er allein Dein Trost ist, und wenn dieser Wille auch darin bestände, dass Du die mystische Todesnot am Ölberg und die innere und äussere Verlassenheit am Kreuze Zeit Deines Lebens zu erdulden hättest. Willst Du Meisterin werden in der vollkommenen Liebe, so fange damit an, Schülerin zu werden im vollkommenen Leidenim unausgesetzten mühseligen Kampf gegen die Welt in und ausser Dir, gegen Deine sündhafte natur, gegen Hölle und Teufel. Diese alle werden wider Dich streiten, werden ganze Heere von Versuchungenimmer andere, immer neue, immer überraschendewider Dich in die geistige Schlacht führen. Und Du wirst sie nicht bloss zu jeder Stunde und unter allen Umständen schlag- und ringfertig bekämpfen müssen, sondern auch die beklemmende Angst zu ertragen haben, nicht zu wissen, ob Du deinen Kampf in gottgefälliger Weise führstnicht zu wissen, ob Du, wie die heilige Schrift es nennt, "des Hasses oder der Liebe würdig" bist. Sieh'! einen Tropfen aus diesem Kelch mystischer Prüfung ist Dir jetzt zu teil gewordenund schon warst Du dem Verzagen nahe, und schon schmachtest Du nach Gottes Trost, wie ihn die weichliche natur versteht! O Kind, besinne Dich! das Leben nach den evangelischen Räten ist ein beständiges und allseitiges Opferleben, das nur die reinste Christusliebe antreten und durchführen kann. Wo bleibt aber die Liebe zum gekreuzigten Christus, wenn Du Lohn für sie, in Trost ausgezahlt, erwartest? Mit einer Hand bist Du an's Kreuz genagelt und begehrst schon sie abzulösen? O reiche auch die andere hin und lass sie annageln, und hänge nackt und bloss und schmerzzerrissen geduldig an den drei Nägeln; denn das und nichts anderes sind die drei Gelübdeund vermagst Du jenes nicht, wenigstens dem Willen nach, auszuhalten: so darfst Du diese nicht ablegen."

"Welch' eine Welt eröffnest Du mir, teurer Onkel," sagte Regina sinnend und trocknete ihre Tränen.

"Die Welt des mystischen Leidens, des Leidens aus Liebe zu Gott," entgegnete er, "die sich früher oder später allen erschliesst, welche sich wahrhaft, aus innerstem Herzen und aus ganzem Gemüt zu Gott bekehren. Es versteht sich, dass es tausend Stufen in ihr gibt. Zu der niedrigsten sind wir alle berufen; zu der höchsten sind es die grössten und heiligsten Seelen, die in Wahrheit mit dem Apostel ausrufen: mortuus sum, ut Deo vivam!"

"Also die Lieblinge Gottes müssen am meisten leiden und ihr Trost wird erst in der Ewigkeit beginnen?" fragte Regina.

"Nichts anders, Kind! der Herr selbst preist selig in Ewigkeit die Armen, die Leidtragenden, die Verfolgten, die Weinenden. Leiden um Jesu willen macht den Menschen liebenswürdig vor Gott, denn der leidende Mensch