Ordnung wandert Deine Liebe aus und strebt heimisch zu werden in der Ordnung der Gnade. Und Du weinst? und Du zitterst? O falle auf Deine Knie und danke Gott, dass endlich die Stunde des Kampfes für Dich geschlagen hat."
"Er reibt mich auf, dieser Kampf! ich kann nicht leben unter der Last meiner Treulosigkeit!"
"Ja Kind, wenn Du stolz bist, dann kann es leicht von Dir heissen: Wie bist Du vom Himmel gefallen, schöner Morgenstern! – Nimm in Demut Dein Kreuz auf Dich – das schwerste Kreuz: Deine Armseligkeit – und wandele damit weiter; dann findest Du Gott, denn der kreuztragende Heiland und Millionen von heiligen Liebhabern des Kreuzes geleiten Dich. Bist Du aber stolz, so sagst Du Dich von ihnen los."
"Lieber Onkel! Du weisst, welch' ein Entschluss mir aus der Kindheit in die Jugend gefolgt ist und wie ich "Wohlan, Regina, Dein Gelübde ewiger Jungfräu"Das habe ich getan, lieber Onkel; doch in d e r Absicht nie, o nie! ich will nicht die Lösung meines teuern Gelübdes! ich will nicht mit Gott angefangen haben, um kläglich mit einem Menschen zu enden! ich will nicht mein Herz in zwei Lieben und zwei Treuen zerspalten und verkleinern! sondern ich will dies: mein Herz unberührt von jeglichem Anhauch aus den Niederungen des Lebens zu Füssen des Gekreuzigten hinlegen. Das möchte ich erbitten und erflehen. Deshalb durchwache ich halbe Nächte in Tränen und Klagen. Aber Gott erhört mich nicht – denn wieder und immer wieder werden betörende Stimmen laut, nach denen ein Etwas in meinem Herzen hinhorcht, weil sie süss und schmeichelnd klingen, obschon sie wehe tun."
"Ah, nun verstehe ich!" nahm Levin mit unaussprechlicher Milde das Wort; "Du möchtest dem lieben Gott vorschreiben, auf welche Weise er Dich in's Himmelreich führen soll. Durch ein Triumphtor möchtest Du einziehen, nicht wahr? das frohe Selbstbewusstsein Deiner Stärke sollte Dir eine goldene Rüstung anlegen, von der jeder friedliche Pfeil abprallte, nicht wahr? in stolzer Zuversicht unverwundbar, möchtest Du über Schlangen und Nattern schreiten und lächelnd den Drachen besiegen, nicht wahr? O weh, meine arme Regina! das ist die Art des Erzengels, aber nicht des Menschenkindes! Als der heilige Apostel Paulus sich zu Gott bekehrte, sprach eine stimme: 'Ich will ihm zeigen, wie viel er um Meines Namens willen leiden soll.' Sieh', d a s ist Menschenart! Gekreuzigt dem leib und der Seele nach – mit Wundmalen am Körper und am Herzen – zermalmt von innerem Leid über seine Schwachheit – gequält von allen Versuchungen, denen der Sohn des Staubes durch seinen Zusammenhang mit der Irdischkeit ausgesetzt ist – wandelte dieser gewaltige Kreuzträger, zum tröstlichen Vorbild für uns alle, immer gedemütigt und immer tapfer, durch die furchtbare Schlacht des Lebens. Und wie er sich hindurch gekämpft hatte, so kämpften ihm nach die grossen Heiligen aller Jahrhunderte, ein Basilius, ein Augustinus, ein Bernardus, ein Franziskus, ein Alphonsus – diese Wundermenschen an Glauben, an Liebe, an Genie und an Demut. Sie alle bauten sich keine Triumphbogen und schwangen nicht zuversichtlich ihre Siegesbanner. Sie alle sprachen mit Paulus: 'Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark' – um anzudeuten, dass sie im Gefühl ihrer Schwäche sich zu Gott wendeten und von ihm Stärke empfingen. Sie alle gingen vorsichtig, gebeugt und wachsam auf 'dem schmalen Wege und durch die enge Pforte,' die zum Himmel führen. Nicht auf ihren herrlichen natürlichen Gaben, und nicht auf ihrer frischen, ungebrochenen, menschlichen Kraft ruhte das Gebäude ihrer Vollkommenheit, sondern auf ihrer unüberwindlichen Demut. Sie suchten auch nicht den selbstgefälligen Genuss ihrer eigenen Vollkommenheit in ihrer Hingebung an Gott. Sie baten ihn nicht, ihr Herz auf einem Höhepunkt zu erhalten, der über dem Niveau alles Menschlichen ist; sie baten ihn nur, ihr armes, elendes Herz nicht zu verschmähen; es zu verbinden, wenn es wund; es zu reinigen, wenn es befleckt wurde; es in Gnaden anzunehmen mit seinen Krankheiten und seinen Narben. Und wie die grossen Heiligen, so machen es Millionen von guten schlichten Kindern Gottes. Willst Du es anders haben und anders machen, Regina? o, dann liefest Du Gefahr, eine Tochter Lucifers zu werden."
Regina's Tränen waren versiegt und ihre schmerzliche Aufregung hatte sich gestillt. Mit geschlossenen Augen sass sie ruhig da; sie blickte nach Innen. Levin schaute mitleidig auf ihr schönes bleiches Antlitz, das noch von einem Anhauch von Schmerz überschattet war und fragte liebreich:
"Tue ich Dir weh, bestes Kind? soll ich schweigen?"
"O sprich, lieber Onkel, sprich noch mehr zu mir!" sagte sie sanft und ohne ihre Stellung zu verändern. "Deine stimme klingt mir wie die, welche einst sagte: Ich will ihm zeigen, was er um Meines Namens willen leiden soll."
"So heisst es auch in der Tat für jeden, der sich aus ganzem Herzen zu Gott bekehrt; denn Welt und Fleisch und Blut, die ihm wahrlich seine Bekehrung nicht eingegeben haben, fühlen, dass sie durch dieselbe zu kurz kommen, setzen sich zur Wehr, verbinden sich mit der überall geschäftigen alten Schlange und rücken mit einem Heer von Versuchungen in's Feld. In dem Masse, als diese bekämpft und überwunden werden, vermehren sich