1860_von_Hahn_Hahn_162_120.txt

, allein dies ist nicht mit anderen Krankheitssymptomen verbunden, sondern steht vereinzelt da. Deshalb muss ich schliessen, dass es Folgen von Gemütsleiden sind, und ich glaube mit allem Recht behaupten zu dürfen, dass die Gräfin eine unglückliche Liebe im Herzen trägtvielleicht für jemand, der unter ihrem stand ist. Ich bin noch nicht ganz darüber im Klaren. Auch Sie scheinen es nicht zu seinfuhr er fort, als ihn der Graf sprachlos vor Erstaunen ansahund es tut mir wahrhaftig herzlich leid, eine wunde Stelle zu berühren. Aber ich habe allen Grund, bei der Diagnose stehen zu bleiben und die heisstunglückliche Liebe."

"Welchen Grund haben Sie denn aber eigentlich dafür?" fragte der Graf, der sich von d i e s e m Ausgang nichts hatte träumen lassen.

"Einen solchen, der Ihnen einleuchten wird, Herr Graf! denn er ist schwarz auf weiss," erwiderte der Arzt und zog triumphierend ein Billet hervor. Sehen Sie hier .... einen poetischen Liebesbrief."

"Einen Liebesbrief von Regina! Herr Doktor, Sie faseln!" rief der Graf lachend, indem er das Blatt ergriff. Überdas ist das nicht Reginas, sondern Coronas Handschrift. Was? Verse!"

"Nun, das versteht sich, Herr Graf! eine so zarte und noble Dame, wie Gräfin Regina, drückt ihre Herzensempfindung auch zart aus."

Kopfschüttelnd las der Graf:

Mein Erbteil.

O wohl sind sie dunkel die Nächte,

Die schwarz um den Pfad sich geballt,

Wenn Irrwisch und trügende Mächte

Verlocken in Gauckelgestalt;

Wenn immer ein Stern zu erspähen,

Wenn strauchelt der Fussach, wie oft!

Doch Du wachst auf seligen Höhen:

Ich weiss, in Wen ich gehofft.

O wohl sind sie dunkel die Nächte,

So Innen die Seele umziehen,

So schwarz, dass das Wahre, das Rechte,

Nicht kräftig und frisch kann erblüh'n.

Doch sind auch die spärlichen Saaten

Der segnenden Sonne beraubt,

Du wachst und sie können geraten:

Ich weiss, an Wem ich geglaubt.

O wohl sind sie dunkel die Nächte,

worin das Herz versinkt,

Wenn dürstend nach Liebe, die ächte,

Ach fern, ach verloren ihm dünkt,

Wenn zitternd im schmachtenden Bangen

Nicht Labsal noch Tröstung ihm gibt;

Doch Du wachst und stillst sein Verlangen:

Ich weiss, Wer mich ewig geliebt.

O wohl sind sie dunkel die Nächte,

Die Erde, durch Leid und durch Lust!

Das Leben, ein Dornengeflechte,

Zerreisst und verödet die Brust,

Es birgt auch in Rosen nur Herbe,

Weil Dauer überall fehlt,

Doch Du bist mein ewiges Erbe:

Ich weiss, Wen ich mir mir erwählt.

Der Graf hatte laut gelesen und der Doktor, ganz versunken in seine vorgefasste Meinung, hatte aufmerksam zugehört.

"Was sagen Sie nun, Herr Graf?" rief er selbstzufrieden; "ist das nicht klar genug? Dies ewig wache, angebetete Wesen, das in einer anderen Sphäre weilt, ist eben der Geliebte, der unerreichbarenur etwas mystisch ausgedrückt."

"Sehr mystisch," antwortete der Graf lakonisch.

"Lesen Sie nur gefälligst weiter; es wird deutlicher im zweiten Gedicht."

"O Gott!" seufzte der Graf, "jetzt lese ich sogar Gedichte, meine Horreur! .... Alles für meine Kinder! Ich bin wirklich ein halber Martyrer." Er las:

Seliges Genügen.

Der Abend sinkt, zur Ruhe geht die Erde,

Es bricht die Nacht mit kaltem Schauer an,

In Asche stirbt die Flamme auf dem Herde,

Zur Heimatshütte eilt der Wandersmann.

Unheimlich starrt das Reich der Finsternisse,

Wo weilt die Sonne? wo das gold'ne Licht? – –

"O frag' nicht mich, ob ich das Licht vermisse,

Ich habe Ihnich brauch' die Sonne nicht!"

Das Leben sinkt! es fliehen Tag' und Jahre

Die Wolkenzüge über himmels Blau.

Wo Jugend blühtesteht die Totenbahre,

Wo Rosenflorein fahles kahles Grau.

Ist das noch Leben, wenn der Tod es endet?

Ist's Tag noch, wenn er stirbt im Abendrot?

"O frag' nicht mich! mir hat sie nichts gewendet,

Ich habe Ihnich weiss von keinem Tod!"

Das herz sinkt! – es hat sich matt gerungen,

Im blut'gegen Kampf nach dem geträumten Glück.

War's je zum heissersehnten Ziel gedrungen

O weh! es fiel in sehnsucht heiss zurück.

Ist Liebe nicht ein Schattenspiel für Toren?

Ein kläglich Blendwerk mit des Glückes Schein? –

"O frag' nicht mich! ich habe nichts verloren!

Ich habe Ihndie ew'ge Lieb ist mein."

"Ist das nicht sehr rührend, Herr Graf?" fragte der Doktor. "Ich an Ihrer Stelle würde dieser tiefen innigen Liebe alle Standesvorurteile zum Opfer bringen."

"Auch dann, Herr Doktor," fragte der Graf mit leichtem Spott, "wenn der Geliebte niemand anders wäreals der liebe Gott?"

"Wieso?" entgegnete der Doktor höchst verblüfft.

"Ja, meine Tochter will ins Kloster und deshalb verschmäht sie jede irdische Liebe."

"Ah," sagte der Doktor gedehnt, "mit dieser Sorte von Sentimentalität bin ich freilich weder bekannt noch einverstanden, da ich gottlob! Protestant bin. Indessen versteht es sich wohl