sie wieder heiratet, heisst es für mich: Adieu Stamberg!"
"Aber, lieber Gratian," unterbrach ihn Levin begütigend, "es ist vor einem Vierteljahrhundert abgemacht, dass die herrschaft Stamberg Dir dermaleinst zufallen soll. Traue doch Deiner guten, verständigen Mutter keinen Schritt zu, der dies alte Übereinkommen aufheben würde."
"Man muss nie mit einer Frau das Wort alt in Verbindung bringen," sagte Gratian scherzend mit dem Finger drohend; "das würde der Mama gar nicht gefallen, obgleich sie eine vernünftige Frau ist und bald Grossmama sein wird. Ich habe aber gehört, es hätte sich ein entfernter Verwandter, ein Stamberg aus Schlesien, ein verabschiedeter Leutnant, bei ihr präsentiert."
"Es ist doch ganz in der Ordnung, dass ein Neffe aus Schlesien, wenn er eine Reise an den Rhein oder nach Baden-Baden macht, seine Tante besuche."
"Onkel Levin, ein verabschiedeter Leutnant!!! Sie können es nicht fassen, w i e erpicht ein solcher Mensch auf ein gutes Etablissement ist! gerade so, wie ein zartes Jungfräulein von fünfunddreissig Jahren auf ein eheliches Gespons. Ein Leutnant im aktiven Dienst würde mich gar nicht erschrecken; der hat Hoffnung, Feldmarschall – oder totgeschossen zu werden. Aber ein verabschiedeter Leutnant! was bleibt dem übrig? Um seiner Verdienste willen hat noch nie einer den Abschied bekommen. Eine andere Laufbahn öffnet sich ihm nicht leicht. Was tut er? er macht eine reiche Heirat."
"Gratian, ich bin es überdrüssig, Deine Possen zu hören!" rief Damian unmutig. "Ich begreife nicht, wie Dir Deine Spassmacherei bei einer so ernstaften geschichte nicht vergeht. übrigens halte ich es mit Onkel Levin und glaube nicht, dass sich die vernünftige Mama betören lässt."
"Ihr seid beide bewundernswert mit Eurem Vertrauen auf die Vernunft einer Frau," entgegnete Gratian, in seinem munteren Tone bleibend. "So lange die Welt steht, hat man von d e r noch nichts Tüchtiges gehört."
"Aber Gratian," wendete seine Frau halb weinerlich ein, "wir sind doch auch vernunftbegabte Wesen."
"Du, mein Kind, nur halb und halb – denn sonst hättest Du mich ausreden lassen und Dinge zu hören bekommen, die Dein Herzchen entzückt hätten – über das Vertrauen, das man zur Liebe einer Frau haben könne, zur Frömmigkeit einer Frau etc. etc. Allein zur Strafe dafür, dass Du als ein vernunftbegabtes Wesen mir Vertrauen einflössen willst, schweige ich."
Gratian schwieg, als aber die Familie nach ein paar Tagen wieder beisammen war, hub er an:
"Wer hätte je gedacht, dass sich die Mama einer solchen leidenschaft für das Faro hingeben würde."
Alle starrten ihn an; nur Damian sagte:
"Du bist unerträglich mit Deinen Spässen."
"Mit meinen Spässen – kann sein! Dies ist jedoch ein Ernst, den Du wirst ertragen müssen."
"Dass die Mama Faro spielt?" rief Damian hell auflachend.
"Und uns ein Paroli biegt," setzte Gratian hinzu. "Sie heiratet den Leutnant. Verlasst Euch darauf, ich habe sichere Nachrichten, weil ich bisher immer zu Stamberg als der zukünftige Herr gegolten habe."
So war es wirklich. Nach einigen Wochen zeigte Gratian seiner Mutter die Geburt seines ältesten Sohnes an, und sie antwortet darauf mit der Anzeige, dass sie sich ganz in der Stille mit ihrem Vetter, dem Freiherrn von Stamberg, vermählt habe. Sie habe zu lange nur für andere gelebt, um es ertragen zu können, nur für sich zu leben. Indem sie einem zweiten Gatten das Opfer ihrer Freiheit bringe, wünsche sie nicht sowohl Glück zu finden, als vielmehr es zu bereiten; und mit diesen und ähnlichen Redensarten füllte sie vier Quartseiten an. Zum Schlusse bemerkte sie: ihre Söhne wüssten ja am besten, dass sich die Ehen am leichtesten schlössen, wenn man zuvor keine Ratschläge von den Nahestehenden begehre und alles unnütze Hin- und Herreden vermeide; das habe auch sie getan.
"Merkt Ihr das Paroli?" rief Gratian. "Nun, Onkel Levin! was sagen Sie jetzt über die vernünftige Frau?"
"Ich schweige," war die Antwort; "und ich glaube, Ihr tätet samt und sonders gut, so wenig wie möglich über die Sache zu sprechen, die jetzt unabänderlich ist und die Euch nicht veranlassen darf, Euch von Eurer Mutter zurückzuziehen – umso weniger, als wir gar nicht wissen, ob dieser Baron Stamberg nicht ein sehr rechtschaffener und angenehmer Mann ist."
"Ich habe gar nichts Böses von ihm gehört," sagte Gratian in seiner spottenden Redeweise. "Den Abschied hat er bekommen wegen einer zarten Neigung für die Weinflasche. Mit der muss die Mama also rivalisieren."
"Und die prächtige herrschaft wird sich ein elender Abenteurer durch die Gurgel jagen!" rief Damian ausser sich vor Zorn. "Welch' Glück, dass die Mama protestantisch ist! nun kann sie sich doch von ihrem sauberen Herrn Gemahl zur rechten Zeit scheiden lassen."
Walburg hielt sich schreckenvoll die Ohren zu. Kunigunde sagte sanft zu ihrem mann:
"Lieber Damian, Du machst die Sache noch trauriger."
"Das verstehst Du nicht!" fuhr er heftig auf; "für solche Verhältnisse ist die Scheidung vortrefflich."
"Sage doch lieber: für solche Verhältnisse ist die Ehe nicht eingesetzt."
"Das sag'