ein schöner Tag folgt. Ein Bild des Lebens! dachte Regina; wir wandeln in Wolken, so lange wir hienieden wandeln; der ungetrübte Sonnenschein bricht erst mit der Ewigkeit an. – Uriel folgte ihr auf den Balkon.
"Regina!" sagte er und seine sonst so klingende stimme sank durch die Übermacht der Herzensbewegung zu einem Flüstern herab; – "wirst Du wiederkommen?"
Sie verneinte schweigend und ohne ihn anzusehen.
"Besinne Dich wohl!" fuhr er fort; "dieser Augenblick entscheidet über Deine und meine Zukunft – und wer weiss über welches Schicksal! Es liegt in Deiner Macht, das schönste, edelste Glück hier einzuführen, hier auf dieser Stätte heimisch zu machen – ein Glück, worauf Gottes Wohlgefallen und Segen ruht, ein Glück, das die Seelen adelt und die Herzen verklärt, ein Glück, woran sich eine Kette von Gnaden knüpft und das in weite und ferne Lebenskreise wohltätig hineinwirkt. Sieh Dich um, sieh Dir diese Stätte genau an, sieh mich an, sieh mir in's Herz hinein – – dann sprich! und bedenk' es wohl: was Du jetzt sagst, musst Du verantworten in der Ewigkeit."
Regina blickte geradeaus und leise bewegten sich ihre Lippen, dann sah sie Uriel an und eine übernatürliche Zärtlichkeit verschmolz mit tiefer Trauer in ihrem unergründlich schönen Auge und sie sagte:
"Solo Dios basta."
Es glitt ein solcher Schmerz über Uriels Züge, dass sie ihre gefalteten hände lebhaft an die Brust drückte und ausrief:
"O mein Gott! wandle du diesen Schmerz in Gnade um, und diesen Dorn der Erde in himmlische Rosen."
Der Graf, die Baronin Isabelle, Corona und Hyazint traten soeben alle reisefertig in den Salon und gingen auch auf den Balkon, und der Graf fragte Regina:
"Du nimmst wohl Abschied von Stamberg?"
"Nein, lieber Vater, von Uriel," sagte sie ruhig.
Hyazint ging rasch auf den todesbleichen Uriel zu, legte zärtlich den Arm auf dessen Schulter und sagte:
"Auf Wiedersehen zu meiner Primiz, Uriel."
"Ja, auf Wiedersehen!" entgegnete Uriel gedankenlos.
Der Wagen fuhr vor – und fuhr dahin! Uriel sah ihm nach, horchte ihm nach – und als er nichts mehr von ihm sah und hörte, war ihm zu Mut, als habe er die ganze Welt besessen – und verloren.
Die Versuchung
Der Winter mit seinen Freuden der Geselligkeit hatte den Grafen wieder nach Frankfurt geführt. Diesmal sollte auch Corona in der Welt erscheinen. Die schauerliche Katastrophe, durch die vor vier Jahren der Fasching unterbrochen wurde, war so ziemlich seinem Gedächtnis entschwunden: ein übergrastes Grab, wie es deren so zahllose und mannigfache hienieden gibt. Die Welt mit ihrem unverbesserlichen Leichtsinn und Heisshunger nach berauschenden und blendenden Genüssen und materiellem Wohlbehagen machte es genau, wie Graf Windeck, liess sich durch keine warnende Vergangenheit und durch keine schwankende Zukunft aus ihrem Opiumtraum von allgemeinem Frieden und Fortschritt aufwecken und versenkte sich immer tiefer in die öden Freuden eines krankhaft gesteigerten Luxus und in die schwindelnden Reigen einer zivilisation, die auf Dampfmaschinen beruht. Damit der allmächtige Faktor der Zeit, Dampf – in seiner Tätigkeit und Wirksamkeit nur beileibe nicht gestört werde, schrie die Welt nach Frieden und überredete sich, dass das Brodeln der Dampfkessel und das Schwirren der Maschinen Grundlage und Unterpfand eines Friedens wären, dessen Dauer die hohe und allgemeine Bildung der Menschheit verbürge. Und so hatte denn die Welt ihre Art von Frieden, d.h. es gab keinen Krieg.
Mit grosser Selbstgefälligkeit führte der Graf seine beiden schönen Töchter in die Gesellschaft ein. Regina's erstes flüchtiges Auftreten war im Laufe der Jahre und der Ereignisse vergessen. Sie war eine ebenso neue Erscheinung als Corona, ja neuer, insofern ihre Eigentümlichkeit entschiedener und nicht salonmässig war. Sie ging und stand und sprach und tanzte zwar m i t allen übrigen, aber sie tat es nicht w i e sie. Sie trug zwar die Farbe der Welt, aber in einer besonderen Nüance. Man hielt sie allgemein für Uriels Braut und man zerbrach sich den Kopf, weshalb wohl noch immer nicht die Dispense aus Rom gekommen sei, welche die Verehelichung gestatte. Corona aber wurde die gefeierte Schönheit des Tages. Sie war auch schön wie der Tag, mit ihren bezaubernden goldbraunen Augen, die schwärmerisch und schalkhaft zugleich, halbverschleiert hinter schwarzen Wimpern lagen – und mit ihrer feinen nymphenhaften Gestalt, die sich so edel bewegte und so graziös das liebliche, braungelockte Haupt trug. Sie unterhielt sich vortrefflich; alles machte ihr Verngügen: der Tanz, die Musik, die verbindlichen Menschen, die geschmackvollen Kleider, die glänzenden Feste; auch die Huldigungen, deren Gegenstand sie war; auch die dadurch erhöhte Zärtlichkeit ihres Vaters, bei dem die Wertschätzung seiner Töchter in dem Masse stieg, als die Welt ihnen huldigte. Wie ein Blumengarten lag das Leben vor Corona und sie wähnte, sie brauche nur die Hand auszustrecken, um sich tausend duftende Blüten zum Strauss zusammenzubinden. Zu anderer Zeit würde Regina sorgenvoll Corona's Richtung beobachtet haben; allein Regina's innerstes Wesen stand selbst in den Flammen eines Scheiterhaufens, und sie wusste nicht, ob ihr Herz darin zu Asche verbrennen oder zu jenem Gold von vierundzwanzig Karat ausglühen werde, über welches keine Flamme mehr Gewalt hat. Sie litt und schwieg – und kämpfte ihren Kampf nach ihrer Art, still vor Gott, ohne zu klagen und zu fragen. Aber sie litt so