Ich glaube' es, Uriel," entgegnete Regina und sah ihn mit unaussprechlicher Freundlichkeit an. "Aber wenn Du es unmöglich findest, mit Deiner Liebe im Herzen eine Frau zu heiraten, welche Du nicht liebst, wie soll ich es denn möglich machen, einem ungeliebten Mann mein Jawort zu geben, während mein Herz in den stillen Flammen einer Liebe steht, die, wie Naphtaquellen, unsichtbar und unauslöschlich brennt. Gewiss, es stünde schlimm um die Welt, wenn man nicht Gott u n d einen Menschen zugleich lieben könnte! allein ich bin in meiner Meinung gerade so exklusiv, wie Du in der Deinen. Ich überlasse es anderen, jene schwierige Aufgabe zu lösen, ohne dass Gott dabei zu kurz komme – und halte mich einfach an der meinen: Solo Dios basta. Wir stehen, wie mir scheint, auf einem Wendepunkt Deines Lebens, wohin die Hand Gottes Dich geführt hat, damit Du klarer als bisher den Weg überschauen könnest, welchen Du zu wandeln hast. Deshalb hab' ich es für meine Pflicht gehalten, Dich mit aller Entschiedenheit daran zu erinnern, dass mein Entschluss jetzt so fest ist, wie er vor vier Jahren war und wie er, mit Gottes Gnade, in sechs Jahren sein wird. Auf diese Weise nehmen ich keinen teil an der Peinlichkeit, welche unser Zusammenleben vielleicht für Dich hat."
Sie wollte aufstehen. Heftig ergriff Uriel ihre Hand und rief:
"bleibe noch! ist hier ein Wendepunkt in meinem Leben, so kann ich unmöglich zugeben, dass er schon jetzt erreicht – dass ich schon jetzt verdammt sei, auf der Nachtseite des Erdenglückes zu gehen. Du musst mich hören."
"Und was hast Du noch zu sagen?" fragte sie.
Uriel sah sie an und sagte langsam:
"Ich liebe Dich."
Sanft und traurig wendete Regina ihre Augen von ihm ab und liess sie auf der lieblich beleuchteten Landschaft ruhen. Auch Uriel schwieg und blickte auf das zarte Profil ihres Angesichtes, das sich von dem blauen Himmel abschnitt und auf das Ganze ihrer edlen Erscheinung, die im Goldglanz der Morgensonne schwamm, wie ein Heiligenbild in der Glorie.
"Ich liebe Dich!" fuhr er fort; "und nach Deinem Beispiel richte ich mein Leben für meine Liebe ein. Alle Äusserlichkeiten haben nur insofern Wert für mich, als ich sie in Zusammenhang mit Dir bringen kann. Kann ich das nicht, so fallen sie von mir ab, wie Dinge, die mich nichts angehen, denn mein Herz kennt sie nicht. Ich liebe Dich! nun wohlan, Regina, gehe Deinen Weg – ich gehe den meinen."
"Zu Gott, Uriel?" fragte sie mit gepresster stimme.
"Was Du so nennst – schwerlich!"
Um ihre eigene Bangigkeit zu unterdrücken, sagte sie im scherzenden Tone:
"Denke an Göte's Prometeus: Ich sollte das Leben hassen, in Wüsten fliehen, weil nicht alle Blütenträume reiften?"
"Mit der Götemanie ist's aus, Regina! die taugt nur für junge und für alte Kinder, die aus dem Leben nichts zu machen verstehen, als eine Schaubühne, auf der sie Komödie spielen sehen, oder selbst Komödie spielen. Für eine solche Manie ist mein Herz nicht mehr kindisch genug und noch nicht altersschwach genug."
"Desto besser, Uriel! Dadurch bist Du der ewigen Wahrheit um einen Schritt näher. Jeder zertrümmerte Götze ist eine Huldigung für Gott. Wie Du jetzt Deine Götemanie mitleidig belächelst, so wirst Du auch einst Deine Reginamanie belächeln."
"Kann sein! Doch zu meinem Heil wäre das nicht, denn in Dir liebe ich die Offenbarung von etwas Himmlischem. In Göte sah ich nur das leuchtende Genie, die vollendete Intelligenz, und ich bewunderte seine Schöpfungen und Gebilde, aber nicht ihn als Gottesgeschöpf. Aber was geht er mich an? was geht die ganze Welt mit ihren Genie's mich an? .... Ich liebe Dich, Regina!"
Regina stand lebhaft auf und sagte entschieden:
"Genug, Uriel! Du kennst mich nun bis in's Herz hinein. Was Du tun willst oder zu tun hast, muss ich Dir überlassen. Aber eines verspreche ich Dir feierlich: nach Stamberg komm' ich nicht wieder! – nie wieder! und sollte ich noch zwanzig Jahre warten, ehe die Klosterzelle mich aufnimmt – Uriel, ich komme nicht wieder."
Auch Uriel war aufgestanden. Er blickte über die sonnig glänzende Flur und sagte:
"Der Vorhang sinkt! – lass uns gehen."
Sie sah ihn an; ein Silberlicht schimmerte in seinem Auge, aber er deckte es mit seinen dunkeln Wimpern zu und die Träne zerschmolz. Wie schön er ist! dachte unwillkürlich Regina. Schweigend gingen sie in's Schloss.
Der Graf sass auf dem grossen Balkon, rauchte Zigarren und las Zeitungen. Er hatte mit Zufriedenheit das Gespräch unter der Eiche aus der Ferne bemerkt und schmeichelte sich mit der kühnen Hoffnung, Regina werde sich ihm als Braut vorstellen. Aber nicht sie erschien auf dem Balkon, sondern Uriel allein und zwar so ernst, dass der Graf erschreckt fragte:
"Bringst Du eine Trauerbotschaft?"
"Wenigstens keine neue, lieber Onkel! Regina ist unüberwindlich in ihrem alten Entschluss!"
"Ist's möglich!" rief der Graf; "hat sie eine solche Selbstbeherrschung, nie eine Silbe zu äussern, in der Welt zu leben wie