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einem anderen Mann? – schwerlich! Um wieviel weniger, wenn sie schwankte zwischen Gott und einem Menschen! Welch' eine armselige Charakter- und Herzensschwäche würde das verraten! Lass mich also ganz sein, was ich sein kann und sei auch Du es ganz. Dadurch, dass Du und nicht Orest, wie wir alle glaubten, Stamberg geerbt hast, sind Deine Verhältnisse ja ganz verändert. Du wirst hier leben, findest hier den Kreis Deiner Wirksamkeit Dir zugewiesen und Haus und Herd bereit. Nun, so nimm sie in Besitz, aber ganz und vollständig! Mache Dir den häuslichen Herd lieblich und traut, schmücke Dein Haus mit Deinen eigenen Tugenden und denen einer lieben frommen Frau, erfülle Deine schöne, segensreiche Bestimmung und lass mich die meine erfüllendann wirst Du mehr und mehr Deinen Frieden finden, weil Du Dein Leben ordnest nach dem Willen Gottes, anstatt es zu verschwenden an leere leidenschaft. Einsam darfst Du nicht bleiben! Du würdest Dein Herz hängen an Hunde und Pferde, an Bauten und Parkanlagen, vielleicht an den Mammonwas weiss ich! die Einsamkeit mitten in weltlichen Verhältnissen ist Vereinzelung und tut weh, weil das Herz durch sie abstirbt oder verknöchert. Ach, Uriel, Du kannst ja ein so schönes Leben haben! wolle nur!"

Während sie sprach, schwand der finstere Ausdruck von Uriel's Zügen, und er sagte in ihren Anblick verloren:

"Ja, Regina, es ist alles ganz richtig, was Du sagst, und ich könnte ein schönes Leben haben, aber nur durch Dich und nur mit Dir! und ich begreife nicht, wie Du so fest auf dem Wege Deiner Liebe wandelnaber zugleich mir raten kannst, den meinen zu verlassen."

"Weil das ein Unterschied ist wie Himmel und Erdeden Schöpfer zu lieben .... oder ein geschöpf! Die Welt wimmelt von Reginen, aber der Geliebte meiner Seele ist nur einer. Du kannst ohne mich eine tausend Mal bessere Wahl treffen; ich würde durch jede andere Wahl ein elendes los ziehen."

"Meine Liebe lässt sich nicht beliebig auf irgend ein Individuumgleichviel welches! – des weiblichen Geschlechtes übertragen, Regina. Bei einer so ernsten, so heiligen, so verantwortungsschweren Verbindung wie die Ehe, die unwiderruflich über das Lebensglück von zwei Menschen entscheidet, genügt das allgemeine Wohlwollen und die christliche Nächstenliebe nicht. Da muss zugleich tiefe Übereinstimmung über die höchsten Angelegenheitenund ausgleichender Gegensatz in den Charakteren herrschen. Da muss das Etwas seindie Sympatie, die Neigung, der unerklärliche und unleugbare Zug des Herzens, den man Liebe nennt, der e i n Wesen ausscheidet aus tausenden, ja aus allen übrigenund der durch dies eine Wesen alle Hoffnungen, alle Wünsche, alle Träume, alle sehnsucht zugleich geweckt und erfüllt sieht. Sage mir nicht, dass man sich irren kann, dass man getäuscht wird, dass man statt GlückElend findet; oder sage es, denn ich leugne es nicht, und das Alles beruht auf unserer Schwäche, unserer Unvollkommenheit, unserem Mangel an Selbstbeherrschung. Aber dennoch, so lange Menschenherzen hienieden schlagen, wird die Liebe, die ausschliessliche Neigung zu einem Wesen, heimatberechtigt in ihnen seinund mögen sie dieselbe kennen durch Schmerzen und Opfer oder durch Wonnen und Trostsie finden eine unausfüllbare Kluft zwischen dem einen geliebten geschöpf und den Millionen nicht geliebten. Ich weiss, man schliesst Ehen ohne eine solche exklusive Neigung, und diese Ehen fallen ganz gut aus. Ach, warum nicht? Die Menschennatur ist schmiegsam in jeder Beziehung, siedelt sich auch in einem Kamtschatka an und hat Freude an ihrer Ansiedelung, weil es eben die ihre ist. So kann sich auch das Herz in einem Kamtschatka zurechtfinden, wenn es nie im blauen duftenden Süden selig war, oder wenn Pflicht oder was weiss ich für Rücksichten es an den Nordpol in's Exil schicken. Aber, Regina, dann ist man eben glücklich durch mancherlei, was nicht Liebe ist und wodurch nicht jeder glücklich werden mag und kann. Das liebende Herz empört sich gegen die Zumutung, seine Neigung auf einen anderen Gegenstand übertragen zu sollen. Das meine ist Dir anvermählt und bleibt es für Zeit und Ewigkeit."

"Nein, Uriel!" rief Regina erbleichend, "das darf nicht sein! das wäre Torheit, Sünde vielleicht."

"Hast Du allein das Recht, Gelübde abzulegen, die anderen als Torheit erscheinen?" fragte er.

"Ja!" sagte sie fest; "denn meine Torheit ist die des Kreuzes und mein Wille ist kein Eigensinn, sondern ist eingesenkt in die zärtlichste und schönste Absicht Gottes mit seinen Menschenwährend der Deine dem göttlichen Willen widerspricht."

"Wenn ich es nur fassen könnte, dass es wirklich unmöglich ist, Gott u n d einen Menschen zu lieben!" brach Uriel aus. "O glaube mir, Du würdest hier einen viel grösseren Wirkungskreis für Deine Liebe zu Gott finden, als im Kloster! Wünschest Du ein Krankenhaus, eine Schule, irgend ein Asyl für menschliches ElendDu sollst es haben! ja, unter Deinem Dach haben. Sieh', wie gross das Schloss ist! Sieh', die Stallgebäude werden verlegt und deren Flügel, der an die Kapelle stösst, wird ausgebaut nach Deinem Wunsche und Deiner Angabe für Christus in den Armen. Sage nur ein Wort! sage nurJa! und es geschieht."

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