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Erinnerungsklänge an ihren vergessenen Liebesfrühling. Ein rötliches Blatt, müde von Regen, Wind und Sonnenglut, löste sich leise vom Zweig und rieselte zur Ruhe herab auf das weiche Moos, das die mächtigen Wurzeln der Eiche bedeckte, in deren Wipfel es im Frühling gesäuselt hatte. Eine bezaubernde Stille herrschte in der ganzen natur, eine Stille, welche das unruhige Menschenherz bald als etwas Ersehntes beschwichtigt, bald als etwas Fremdartiges bedrückt.

"Ohne sie .... fällt der Vorhang über alles, was erdenschön ist: das steht fest!" sagte Uriel halblaut zu sich selbst, als das Ergebnis seines Nachsinnens.

"Und gerade dann geht die übernatürliche Schönheit auf," erwiderte Hyazint und blickte mild in das schwärmerische Auge seines Bruders. "Du führtest vorhin Worte des heiligen Augustinus an; vergiss nicht, dass er auch gesagt hat: 'Keine irdische Schönheit und keine irdische Freude konnte mich je glücklich machen. Müde machte sie mich, aber nie ruhig. Ein glückseliges Leben ist die Freude an der Wahrheitist die Freude an dir, o mein Gott, und in dir, denn du bist die ewige Wahrheit.'"

"Augustinus hat auch keine Regina geliebt," erwiderte Uriel.

"Er hat, wie Du, ein geschöpf geliebt," sagte Hyazint, "und Adeodat's Mutter hatte das in ihrer Seele, was aus grossen Sündern grosse Heilige macht: sie begriff das Opfer. Als sie sah, dass sie ein Hindernis für Augustins vorteilhafte Verehelichung sei, trennte sie sich von ihm, ging nach Afrika zurück und verzehrte ihr Leben in Busse und Tränen. Gewiss hat er sie sehr geliebt; aber er gesteht, dass sein Herz erst dann Ruhe fand, als es in Gott ruhte."

Uriel schwieg und sank in seine Träumerei zurück. Da trat rasch ein Diener in's Zimmer und meldete, dass ein bepackter Wagen den Schlossberg hinauf fahre; und er glaube den Kammerdiener des Windecker Grafen zu erkennen. Der Ausdruck einer so unaussprechlichen Freude ergoss sich über Uriels schönes Antlitz, dass Hyazint mit einem Seufzer erkannte, des heiligen Augustinus Anatema gegen irdische Freude und Schönheit habe wenig Eindruck auf Uriel gemacht. Er folgte dem Bruder, der mit zwei Sätzen die Treppe hinabflog und im Hof dem Wagen entgegensah, der möglicherweise die Königin seiner Seele unter sein Dach führte. Als der Wagen durch das Schlosstor in den Hof fuhr, und Uriel in dem Kammerdiener erkannte, dass wirklich Regina komme, schloss er einen Moment die Augen, um sich zu sammeln und nicht ganz fassungslos seine Gäste zu bewillkommnen. Da hörte er auch schon die stimme des Grafen, der ihm fröhlich zurief:

"Schau, da sind wir, mein Junge! wir müssen sehen, wie's dem Grafen von Stamberg geht! das ist uns viel wichtiger als der Kristallpalast und alle sonstigen Herrlichkeiten Grossbritanniens. Sind wir Dir auch willkommen?"

Uriel sah so strahlend glücklich aus, dass er keine Antwort zu geben brauchteund es auch wirklich nicht tat.

"Du hast wohl die Sprache verloren in Deiner Einsamkeitarmer verzauberter Prinz Uriel!" sagte Corona schalkhaft.

"Die kleine Fee Corona wird mir die Sprache schon wiedergeben," antwortete Uriel, dem es am leichtesten wurde, scherzend zu sprechen, weil das Überwallen des Herzens dadurch in Schranken gehalten wurde.

"Grüss Dich Gott, lieber Uriel," sagte Regina mit der ihr eigentümlichen Innigkeit in blick und Ton, indem sie ihm die Hand bot.

Wie war sie so schön! wie stand ihr die Halbtrauer so gut und der einfache Reiseanzug von hellgrauer Seide! und der kleine weisse Tafftut mit dem Halbschleier von schwarzer Spitze! – Corona und die Baronin Isabelle waren genau ebenso gekleidet. Davon bemerkte Uriel so wenig, dass er es gar nicht geglaubt haben würde! Er war verloren in Regina's Anblick. Ihm war zu Sinn, als nehme sie Besitz von Stamberg, als könne er sie nimmermehr wieder ziehen lassen, als habe sie sich jetzt in die Gefangenschaft seiner Liebe begeben, als sei nun alle Ungewissheit vorüber und selige Erfüllung nahe, als müsse er in diesen Tagen die Siegesfahne auf den höchsten Zinnen seiner Wünsche aufpflanzen. Wie bei Gewitter Feuerflämmchen aus den Kelchen gewisser elektrischer Blumen aufsteigen, brach in Uriels Herzen die tiefe Glut der leidenschaft zu lichter Flamme aus. Der Graf, dem Glut der leidenschaft lebenslang ein unentdecktes Land geblieben war, ahnte nicht, welchen Sturm er über Uriel herauf beschwor und hoffte nur Regina etwas mit der Vorstellung vertraut zu machen, bald als Herrin und Hausfrau auf Stamberg einzuziehen. Sie benahm sich ja so vernünftig und so weltvertraut, als sei sie ganz bereit, auf ihre kindlich schwärmerischen Grillen zu verzichten. Man musste ihr nur den Übergang zu den Realitäten des Lebens erleichtern, und das konnte möglicherweise durch diesen Besuch geschehen. Regina fühlte die Absicht ihres Vaters und den Eindruck auf Uriel und beschloss, sich eben hier und eben jetzt mit solcher Entschiedenheit auszusprechen, dass beide über ihre unveränderte Gesinnung klar würden. Uriel's Wunsch kam ihr entgegen; die spannende Ungewissheit wurde ihm unaushaltbar. –

Hyazint ging jeden Morgen in grauer Dämmerung des Oktobers eine starke Stunde, um dem heiligen Messopfer beizuwohnen, und Regina bat ihn, sie mitzunehmen.

"Wenn Du fort bist und wir noch länger hier bleiben, bin ich wieder auf den Sonntag beschränktwie ich es auf der ganzen langen Reise war," setzte sie hinzu.

"Fürchtest Du nicht