rief: "O ewige Liebe, so wirst du behandelt von deinen Geschöpfen! Wenn du ihren Willen tust, sind sie geneigt, dir zu danken; bis du ihn erfüllt hast, denken sie nicht an dich, und wenn du ihn nicht erfüllst – – ja, was dann, Uriel?"
"Das weiss ich nicht," erwiderte Uriel. "Zürne mir nicht, es ist nun einmal so! Alle Hoffnungen meiner Zukunft sind mit Regina verwebt, und mir muss durch sie unsägliches Glück oder unsägliches Leid zuteil werden. Sie ist kein Wesen, das man lieben – und dann vergessen könnte! Von Kindheit auf habe ich mich daran gewöhnt, unser Leben als ein gemeinsames – unsere Existenz als eine unauflöslich verbundene zu betrachten. Mit dieser stillen ungestörten Gewohnheit ist später die Liebe mir ins Herz gedrungen und ist umso heftiger geworden, als zugleich auch heftige Störungen eintraten. Kein Mensch auf Erden lässt sich gleichgültig sein teuerstes Kleinod entreissen. Je höher er dessen Wert schätzt, desto lebhafter wird er sich gegen den Verlust sträuben und sein Anrecht behaupten."
"Hier ist aber nicht die Rede von einem Schatz, den Räuber und Diebe zu stehlen trachten," sagte Hyazint, "sondern von einem willensfreien Wesen, das mit demselben Rechte wie Du Anspruch macht an Glück, – und zwar an ein solches, welches dem Deinen entgegen steht. Das weisst Du! seit vollen vier Jahren siehst Du, dass Regina bei ihrem heiligen Entschlusse bleibt, und dennoch kannst Du es nicht über Dich gewinnen, zu dem Deinen zu kommen. Ist das nicht feig?"
"Ich bin nicht feig!" rief Uriel aufgeregt; "aber ich liebe sie und so lange es liebefähige Herzen auf Erden gibt, werden sie Dir sagen, dass es möglich sei, keine Furcht vor Not und Tod, vor Armut und Elend zu haben und zu gleicher Zeit den Verlust eines geliebten Herzens bitterer als alle Todesschmerzen zu fürchten. Einem solchen Todesschmerz aber – das begreifst Du doch? – wirft man sich nicht freiwillig in die arme. Man wartet, bis er kommt."
"Und lässt sich das Herz zerbröckeln, anstatt es mit kräftigem Schnitt von seinen Fesseln zu befreien und die Wunde zu heilen!" sagte Hyazint. "Willst Du denn wirklich noch sechs Jahre hier auf Stamberg einsam sitzen und warten, bis die zehn Jahre um sind und Regina ihre Freiheit errungen hat und in's Kloster geht? Ach, Uriel, verschwende doch nicht Dein Leben, Deine Kräfte, Deine Gaben, Deine Jugend an einen Traum von Glück. Gib Deine Ansprüche an Regina auf! ... umso leichter lässt der Vater sie ziehen und ihre schöne Seele kommt dann in Ruhe."
"Liebst Du Regina so sehr, dass Du sie keinem andern gönnst?" fragte Uriel scharf.
"So sehr, dass ich sie nur Gott gönne – ja!" antwortete Hyazint; "aber dass mich dazu keine persönlichen oder irdischen Wünsche bestimmen, brauche ich Dir nicht zu versichern. Ich denke nur an Euer beiderseitiges wahres Glück."
"Ich glaube' es! ich danke Dir!" rief Uriel herzlich; "aber, Hyazint .... ich liebe sie! Für sie und mit ihr will ich dies Stamberg zu einem Paradiese umschaffen, wo alles zu finden sein soll, was hienieden gut ist und glücklich macht; ohne sie .."
"Nun? ohne sie?" fragte Hyazint gespannt, da Uriel stockte. "Du hast also doch bereits an diese Möglichkeit gedacht?"
"Ohne sie ... fällt der Vorhang!" versetzte Uriel. –
Er ahnte nicht, wie nahe die geliebte Regina ihm sei!! Als Graf Windeck auf dem Heimwege in Frankfurt ankam, erklärte er plötzlich zu Regina's grösstem Schrecken:
"Jetzt überraschen wir Uriel! darauf hab' ich mich schon lange heimlich gefreut. Wir müssen doch sehen, wie der gute Junge auf seinem Bergschloss einsam wie ein verzauberter Prinz sitzt."
"O herrlich!" rief jubelnd Corona.
"Er ist nicht einsam," wendete Regina schüchtern ein; "nach den letzten Briefen ist Hyazint noch bei ihm."
"Desto besser! dann sehen wir sie beide!" sagte der Graf entschieden. –
So ging es denn am andern Morgen gegen Stamberg. Nach einigen Stunden verliessen sie die Eisenbahn und fuhren bergwärts in's Tal hinein und langsam steigend, in weiten bequemen Windungen zum Schloss hinauf. Die Brüder hatten ihr Gespräch abgebrochen und sassen schweigend im Erker. Jeder hing seinen Gedanken nach. Beider blick ruhte auf der schönen Landschaft – und keiner nahm sie wahr! Uriels schwärmerisches dunkles Auge glitt über Wälder und Hügel, über Täler und Ströme in eine Zukunft hinein, aus der Regina's edle und holde Gestalt beseelend und beherrschend aufstrahlte; und Hyazint's klares, stilles Auge flog über alle Gebilde und Erscheinungen der Erde zu demjenigen auf, der das Wesen dieser Schattengestalten ist und ihnen ihre vergängliche Schönheit, den matten Abglanz seiner unvergänglichen und wechsellosen gibt. Das grosse Erkerfenster war weit geöffnet und rahmte ein Stück des leuchtenden blauen himmels ein, aus dem der Sonnenstrahl, wie ein goldener Strom, in's Gemach quoll. Ein Nachzügler des Sommers, ein verspäteter Schmetterling, gaukelte durch die warme Luft und suchte umsonst nach den entblätterten Rosen. Eine Schwarzdrossel, verspätet auf ihrem Wanderzug, schlug zuweilen ein paar süsse Töne an,