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nicht genossen, weil Uriels Urlaubszeiten nie mit den Vakanzen des Seminars zusammengestimmt hatten. Uriel freute sich, in Hyazint gleichsam eine neue Auflage von Onkel Levin zu sehen, dieselbe Reinheit, dieselbe Einfachheit, dieselbe Geistesstille bei intensivstem inneren Leben, dieselbe Bereitwilligkeit zu jedem Opfer, zu jeder Hingebung, dieselbe frohe Verzichtung auf alles, wodurch das Reich Gottes, weder in eigener Seele noch in fremden, gefördert wurde. Hyazint freute sich wohl auch über Urielaber mit gemischter Freude. So lange Uriel eisenfest an dem Glücksprogramm hielt, welches er sich verfasst hatte, war er da auf dem Wege zu Gott? Und wenn es im Plane Gottes lag, dies Programm nicht zur Ausführung kommen zu lassen, wie würde Uriel die Vereitelung seiner Wünsche und Hoffnungen aufnehmen? Es war beängstigend für Hyazint, zu sehen, in wie hohem Grade Regina den Schlussstein in Uriels Glücksgebäude bildete. Das sollte nicht sein! sprach er oft mit heimlicher Trauer zu sich selbst. Dabei kommt die Hingebung in den Willen Gottes und der heilige Gleichmut offenbar zu kurz! – Der gute Hyazint bedachte nicht, dass die leidenschaft in ihrem eigensüchtigen Durst nach Glück eine Art von Verachtung gegen jenen geheiligten Gleichmut empfindet, welcher nur in solchen Seelen wohnen kann, deren selbstloses Glück darin besteht, den Willen Gottes zu tun. Der gute Hyazint dachte ganz einfach, was vermutlich manche Leserin höchst prosaisch finden wird: wenn es Uriels Bestimmung sei, in den Ehestand zu treten und die Last des Familienlebens für die Windecker auf seine Schultern zu nehmen: so sei es nicht durchaus notwendig, dass gerade Regina, und nur sie, dies Leben mit ihm teile; es gebe ja noch andere liebe, fromme Mädchen in der Welt, mit denen er glücklich werden könne. Hyazint hatte einmal bei passender gelegenheit eine derartige Andeutung gemacht, die aber mit einer so souveränen Verachtung von Uriel aufgenommen worden war, dass Hyazints Bekümmernis stieg. Er war jetzt im Begriff, in den nächsten Tagen nach Würzburg zurückzugehen; und zwar zum letztenmal in's Seminar, da er im nächsten Frühling die Priesterweihe empfangen sollte. An jenem schönen Tage sassen die Brüder in einem Erker von Uriels Zimmer, der die schönste Aussicht gewährte und mit kühnem Vorsprung aus der Mauer über dem still rauschenden wald schwebte, der in der Umgebung des Schlosses zu einem herrlichen Park umgeschaffen war. Sie betrachteten Zeichnungen zu einer Kapelle, welche Uriel bauen und dazu einen alten Turm benützen wollte, der vielleicht in katolischer Zeit dazu gedient hatte, jetzt aber zu den Stallgebäuden gehörte. Uriel hatte schon andere Pläne und Zeichnungen anfertigen lassen, und Hyazint sagte mit einiger Verwunderung:

"Aber warum zögerst Du mit Deiner Wahl? Die Kapelle könnte beinahe fertig sein, wenn Du gleich den ersten Plan ausgeführt hättest."

"Das doch wohl nicht!" sagte Uriel etwas verlegen, und setzte nach einer Pause hinzu: "Ich werde den Plan ausführen, den Regina wählen wird. Sie müssen nun doch endlich wieder nach Windeck zurückkehren; sie sind fast vier Monate abwesend! – Regina hat einen so feinen Geschmack und sieht jetzt manche schöne Bauwerke, da kann sie mir einen guten Rat geben .... umsomehr, als ich ja doch nur für sie baue."

Hyazint legte das Blatt sanft auf den Tisch, nahm zärtlich Uriels Hand und sagte:

"Baue Schlösser, wenn Du willst, für Regina, aber die Stätte, wo der Altar stehen wird, auf dem das Lamm Gottes sich schlachten lässt, baue für Gott."

"Du hast recht!" entgegnete Uriel und fuhr mit der Hand über die Stirne; "aber mir scheint ja auch, dass ich alles für Gott tue, was ich für Regina tue: so verbunden mit Gott ist sie in meinem Herzen."

"eigentlich steht es so mit Deinem Herzen: es vergisst Gott, es vergöttert Regina, und dann sucht es sich selbst zu täuschen, als ob diese Anbetung eines vergötterten Geschöpfes eins und dasselbe mit der Anbetung Gottes sei; nicht wahr, so ist's?"

"O Hyazint!" rief Uriel, "dem verstand nach wirst Du immer in diesen Sachen Recht haben. Aber ich muss mit dem heiligen Augustinus ausrufen: Gebt mir einen Liebenden und er wird mich verstehen!"

"Wie Du schlau bist!" entgegnete Hyazint mit sanftem Lächeln; "jetzt berufst Du Dich sogar auf den grossen heiligen Augustinus, der allerdings jenen Ausruf gemacht hat. Aber ebensowenig wie ein anderer bekannter Ausruf: 'Liebe! und dann tue, was Du willst!' sich auf die Liebe zum geschöpf bezieht, sondern auf die Liebe zu Gottebensowenig wird er mit Dir über die Anwendung einverstanden sein, die Du von seinen Worten machen willst. Nein, lieber Uriel, alle Heiligen kämpfen mit aller Kraft, welche sie aus der Gnade schöpften, gegen die parasytische Pflanze leidenschaftlicher Zuneigung, die allmählich das Herz dermassen überwuchert, dass für die heilige Liebe kein Platz darin bleibt."

"Sobald ich meines Glückes sicher sein werde," entgegnete Uriel, "sollst Du mit mir zufrieden sein, Hyazint! dann werde ich anfangen, Gott zu lieben! Freude und Dankbarkeit werden das mit sich bringen. Aber jetzt, in dieser jahrelangen Spannung, Erwartung, Ungewissheit und sehnsuchtjetzt bin ich wie ein Jäger auf dem Anstand, der für die ganze übrige Welt taub und blind ist."

Hyazint legte mit einer tiefschmerzlichen Bewegung die hände zusammen und